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Gefragt auf den Dächern dieser Welt

OP-Ausbildungsserie (Teil 4) Gefragt auf den Dächern dieser Welt

Von der Dachrinne bis zum kompletten Dachstuhl – Dachdecker kennen sich mit allem aus, was unter, in oder auf 
ein Dach gehört.

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Schwindelfrei und mit handwerklichem Geschick arbeiten Dachdecker wie der Auszubildende 
Joshua Nickel in luftiger Höhe.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Trittsicher und schwindelfrei sorgen die Fachleute für den wohl wichtigsten Teil eines gesicherten, funktionsfähigen Gebäudes – das Dach. Dabei wird die Branche von Nachwuchssorgen geplagt.

Einer der wenigen Auszubildenden in der Region ist Joshua Nickel. Er ist im dritten Ausbildungsjahr beim Dachdeckerbetrieb Hans-Werner Müller in Weimar und kennt sich bereits bestens aus mit der Arbeit in luftiger Höhe. Der 22-Jährige ist bereits über zahllose Ziegel- oder Schieferdächer im Kreis spaziert. Das Handwerk liegt ihm, denn er möchte zum Feierabend etwas vor Augen haben, „hier sieht man einfach, was man den Tag über geschafft hat“, erzählt er.

Anders als viele glauben, besteht sein Arbeitsalltag nicht nur ausschließlich aus Dachziegeln. Dachdecker verkleiden ebenso Außenwände, dichten Flächen an verschiedenen Gebäudeteilen ab oder nehmen energetische Sanierungsarbeiten vor. Sie montieren Dachfenster, legen Dachrinnen und sind in der Installation von Solaranlagen, Kaminanschlüssen oder Blitzschutzanlagen geschult. „Die Arbeit besteht aus vielen Detailarbeiten, Reparaturen, Auf- oder Abdecken, Schiefern oder einer neuen Fassade“, zählt Joshua auf.

Respekt vor der Höhe und Geschick gehören zum Job

Dachdecker sind Experten, wenn es um den detaillierten Aufbau des gesamten Daches geht, stellen die Holzkonstruktionen für Dachstühle her und wissen genau, an welchen Stellen eine besondere Abdichtung vonnöten ist. „Man darf nicht auf den Kopf gefallen sein und muss genau wissen, wo die Sparren verlaufen und vieles einkalkulieren – und jedes Dach ist dabei unterschiedlich“, erzählt der Lehrling. Derzeit erneuert Joshua den Wandanschluss der Dachfenster eines Kunden, arbeitet ganz entspannt in sieben Metern Höhe und klettert zielsicher auf dem Schrägdach herum.

Wie bewegt sich ein Dachdecker eigentlich auf diesem nicht ungefährlichen Arbeitsplatz? Hinauf kommt er per ­Gerüst, Sicherheitsleinen oder ähnliches gibt es oben nicht mehr. Sitzen keine Metallstufen auf dem Dach, nutzen die Experten einfach die Abdeckung.

Joshua macht es vor und drückt einzelne Dachziegel ins Innere, sodass sie unter den überlappenden Nachbarziegeln verschwinden und schafft sich damit bequeme Stufen. „Man muss Respekt vor der Höhe haben und geschickt sein, aber man gewöhnt sich schnell daran“, findet er.

Erst Praxiserfahrung, dann Studium

Die Arbeit in der Werkstatt oder unter freiem Himmel sagt Joshua zu, er genießt jeden Panoramablick, zumindest bei gutem Wetter. In der Berufsschule beschäftigt er sich mit diversen Arbeitsmaterialien, verschiedenen Ziegelarten und Arbeitstechniken, „Schiefern und Löten muss man erst mal richtig lernen“. Rechenkenntnisse und ein gewisses Zeichentalent sind für die Erstellung der Vorlagen und Kalkulationen ebenfalls von Vorteil.

Mit neuen technischen Anforderungen in diesem Beruf und abweichenden Ziegel- und Aufbautechniken von Dächern wurde die Ausbildung mittlerweile in die Fachrichtungen Dach-, Wand- und Abdichtungstechnik sowie Reetdachtechnik gesplittet. Ersteres hat Joshua im dritten Ausbildungsjahr gewählt und noch viel vor in seiner Branche. Nach der Lehre will er studieren und Bauingenieur werden, zuvor jedoch eine fertige Lehre in der Tasche haben. Dass er vor dem Studium bereits jede Menge Praxiserfahrung sammeln kann, wird ihm in seinem späteren Beruf zugute kommen: „Ein Bauingenieur, der schon gearbeitet hat, der hat ganz andere Ansätze. Das Verständnis der Materie ist einfach da“, lobt Arbeitsvermittler Hartmut Findt von der Arbeitsagentur.

„Man schleppt nicht den ganzen Tag“

Seit Jahren plagt die Branche allerdings ein anhaltender Nachwuchsmangel, viele potenzielle Azubis lehnen die Arbeit in der Höhe ab – oder die Saisonarbeit. Auf dem Dach gearbeitet wird in der warmen Jahreszeit, nicht im Winter. Außerhalb der Saison hat Joshua jede Menge Freizeit, wird als Auszubildender dabei voll weiter bezahlt. Bei Gesellen sieht das anders aus, bei ihnen reduziert sich im Winter meist der Lohn.

Auch die Arbeit mit schweren Materialien schreckt so manche Schulabgänger ab. Dabei muss der moderne Dachdecker von heute die schweren Baustoffe längst nicht mehr selber auf das Dach bugsieren. Das erledigt ein Kran. „Viele haben eine falsche Vorstellung von dem Beruf, man muss schon anpacken können, aber es ist lange nicht mehr so, dass man den ganzen Tag schleppt und den Lkw leer räumt“, fasst Joshua zusammen.

Gerade durch den wachsenden Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften seien gute Dachdecker sehr willkommene Bauexperten auf allen Dächern dieser Welt. Dabei mit „sehr guten Verdienstmöglichkeiten – ein geschickter Dachdecker ist gefragt und verdient auch gut“, sagt Findt.

von Ina Tannert

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Drogist (2)
(Quelle: Agentur für Arbeit. Stand: 30. Mai)
 
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