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Nullzins-Phase wird Dekade prägen

Markus Gürne referierte Nullzins-Phase wird Dekade prägen

Europa ist zu zerfasert, um in der Weltwirtschaft eine tragende Rolle zu spielen – so die Analyse des ARD-Börsenexperten Markus Gürne, der am Montag vor rund 350 Gästen der Volksbank Mittelhessen im Cineplex sprach.

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Markus Gürne, langjähriger Auslandskorrespondent und nun Ressortleiter der ARD-Börsenredaktion, sprach am Montag über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Weltkrisen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Unter dem Motto „Zeitenwende – Europas Rolle in einer veränderten Welt“ wagte der langjährige Auslandskorrespondent einen ungeschönten Blick auf die aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorgänge in Europa und der Welt. „All das, was passiert, wirkt auf uns ein – Politik, Wirtschaft und Finanzen sind eine kommunizierende Röhre. Was die Politik an Rahmenbedingungen vorgibt, das kommt am Ende bei Ihnen im Geldbeutel an“, verdeutlichte Gürne.

Ob Russlandkrise, Eurokrise oder die im Nahen Osten: Sie alle bedrohen laut Gürne die Werte, für die Europa steht – nämlich Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. „Diese haben wir 60 Jahre lang als selbstverständlich erachtet“, sagt er. Doch durch die Annektierung der Krim durch Russland seien diese Werte plötzlich bedroht – und die Politik wisse nicht, wie sie mit der Situation umgehen solle.

„Es konnte so weit kommen, weil sich heute die Kraft eines Landes in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit seiner Gesellschaft zeigt“, verdeutlicht Gürne. Daher herrsche zwischen Kontinent und Russland „eine dramatische Sprachlosigkeit“, so der Börsen-Experte.

Flüchtlingskrise fordert „gesamte Nordhalbkugel“

In der Folge seien wirtschaftliche Sanktionen verhängt worden – die einzige Form von „Strafe“, die wirklich greife. Denn die wirtschaftlichen Verquickungen zwischen der EU und insbesondere Deutschlands mit Russland seien reell. In diesem Zusammenhang bezeichnete der Journalist es als großen Fehler, sich bei Öl- und Gaslieferungen von Russland „als einzigem Lieferanten“ abhängig zu machen.

Doch es gebe eine weitere Krise, die unmittelbaren Einfluss habe: Die im Nahen Osten und Afrika, „die spätestens dann ein Gesicht bekam, als die Flüchtlinge in unser Gemeinwesen kamen“. 1,3 Millionen Menschen seien gekommen. „Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass in den kommenden 30 bis 50 Jahren so viele Staaten in Afrika zerfallen, dass sich 250 Millionen Menschen auf den Weg machen werden – um Freiheit, Sicherheit und Wohlstand zu erreichen“, erläuterte der Referent. Der Weg vieler Menschen werde also nach Europa führen.

„Und das ist eine Herausforderung, die die gesamte Nordhalbkugel bewältigen muss – nicht einzelne Länder.“ Im Nahost-Konflikt gehe es letztendlich darum, ob Saudi-Arabien oder der Iran zur Hegemonialmacht in der Region aufsteige. Er bevorzuge den Iran, denn die Gesellschaft sei weltoffener als die von Saudi-Arabien, das von einem sehr konservativen Islam geprägt sei.

Gürne prognostizierte, dass Indien bald zu einer ökonomischen Macht aufsteigen werde, denn es werde China als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Dies habe China erkannt und sichere sich schon jetzt zahlreiche „Steinhaufen im südchinesischen Meer, baut dort einen Flughafen und sichert ihn ab. Denn 80 Prozent des Welthandels in den nächsten 35 bis 50 Jahren werden über das südchinesische Meer laufen – es wird die wichtigste Handelsroute der Welt“.

TTIP bietet Chance für wirtschaftliche Größe

Das würde bedeuten, „dass die einzige wirkliche Supermacht im Jahr 2050 die Volksrepublik China sein wird.“ Indien, die USA und Russland würden derzeit versuchen, „diesen Einfluss auf 60 Prozent zu reduzieren“ – Europa sei indes „zu klein und auch zu weit weg – außerdem wird nicht mit einer, sondern mit mindestens 28 Sprachen gesprochen“. Europa sei viel zu zerfasert.
Dass man TTIP nun so 
vehement ablehne, sei aus 
seiner Sicht ein Fehler, denn sonst könnten „350 Millionen Amerikaner und 598 Millionen Europäer für einen gewissen Zeitraum gemeinsame wirtschaftliche Standards schaffen“ und so ein politisches Gewicht erhalten.

Die Auswirkungen des Weltgeschehens auf jeden Einzelnen, verdeutlicht Gürne an der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. „Draghi schafft die Zinsen ab und lässt die größte Volkswirtschaft in Europa kein Vermögen und keine Altersvorsorge mehr bilden. Das bedeutet, dass die starken Staaten, die die schwächeren retten können, immer schwächer werden. Und gleichzeitig werden die schwächeren Staaten immer mehr.“

Und Gürne verdeutlichte auch, dass diese Niedrigzinspolitik eine Dekade lang anhalten werde. Daher müsse man nun anders mit Geld umgehen. Die Kunden seien es gewohnt, ihr Geld zur Bank zu bringen, und dort vermehre es sich. Doch diese Zeiten seien nun vorbei – daher seien nun andere Anlageformen gefragt, die aber auch mehr 
Risiko beinhalten.

von Andreas Schmidt

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