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Marburg wird „Innovations-Hotspot“

Novartis Marburg wird „Innovations-Hotspot“

Vergangenes Jahr investierte Novartis 68 Millionen Euro in den Standort Marburg, statt ihn wie geplant zu schließen. Nun ist der Umbau nahezu abgeschlossen, bald kommt ein neues Produkt auf den Markt.

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Der Umbau an der Produktionsanlage von Novartis in Marburg ist nahezu abgeschlossen. Anfang kommenden Jahres sollen die Testläufe für ein neues Medikament starten.

Quelle: Novartis

Marburg. Eigentlich sollte bei Novartis in Marburg schon längst niemand mehr arbeiten. Denn nach dem Verkauf der Impfstoff-Sparte an Glaxo
SmithKline und der separaten Veräußerung des Grippeimpfstoff-Portfolios an Seqirus wollte sich Novartis komplett aus Marburg zurückziehen – zum 31. Januar 2017. Geschäftsführer Martin Lang verdeutlicht im Gespräch mit der OP: „Der Sozialplan und Interessensausgleich waren verhandelt, es war klar, wo es hinläuft: Wir werden Anfang 2017 das Licht ausmachen.“

Doch es kam anders: Im Mai vergangenen Jahres kündigte Novartis an, dass die Schließung nicht stattfinde. Vielmehr startete ein Investitionsprogramm über 68 Millionen Euro ( die OP berichtete). Denn, so Lang: „Novartis hat eine groß gefüllte Pipeline – darunter biologische Produkte. Und da kam die Idee auf, dass man die vergleichsweise kleinen Fermenter, die wir in Marburg haben, idealerweise einsetzen kann.“

Fermenter dieser Größe – bis zu 3000 Litern – setze man beispielsweise ein, um neue Produkte zu platzieren, klinische Studien zu unterstützen oder neue Produkte „in den Launch zu bringen“, wie Lang (Foto: Novartis) sagt. Der Vorteil des Marburger Standorts: „Wir waren eine kommerzielle Site und besitzen das Know-how, um Arzneimittelwirkstoff für den Markt und den Patienten herzustellen.“

Das habe die Konzernzentrale in Basel erkannt und somit die Entscheidung pro Marburg getroffen. Mit 90 Mitarbeitern sei man in das „Abenteuer Start-up innerhalb des Konzerns“ gestartet, 40 neue Arbeitsplätze seien bereits entstanden. „Und kommendes Jahr werden bis zu 40 neue Stellen hinzukommen“, sagt Lang.

„Wir bringen eine komplett neue Technologie an den Standort Behringwerke, denn wir produzieren monoklonale Antikörper – das macht hier sonst keiner“, sagt Lang selbstbewusst. „Das ist gut für den Standort, aber auch für Marburg insgesamt“, ist er sich sicher.

Der aktive Umbau sei mittlerweile nahezu abgeschlossen, „wir befinden uns gerade in der Inbetriebnahme und der Qualifizierung der Anlage“, erläutert der Geschäftsführer. Denn das Unternehmen müsse belegen, dass Maschinen, Prozesse und Equipment „das tun, was sie tun sollen“ – alles werde genauestens überprüft. Die hauseigene Qualitätskontrolle ist ebenfalls bereits im Betrieb, „denn die benötigen wir natürlich, wenn wir mit der Produktion starten“.

Das soll laut Lang bereits bald der Fall sein, „wir werden erste Testchargen Ende des ersten oder Anfang des zweiten Quartals kommenden Jahres starten und dann sukzessive in die Produktion einsteigen.“ Der Ablauf in der Produktion ist wie folgt: In der Fermentation werden Zellen vermehrt. Diese sind gentechnisch so programmiert, dass sie Antikörper herstellen – das könne, je nach Produkt, 10 bis 20 Tage dauern. „Danach werden Zellen und Antikörper im sogenannten ,Downstream‘ aufgereinigt, um letztendlich das Produkt zu erhalten“, erläutert Lang den Prozess.

„Biosimilars“ können 
zu Einsparungen führen

In Marburg werde man zunächst ein sogenanntes „Biosimilar“ produzieren, das zur Behandlung von Blutkrebs und immunologischen Krankheiten entwickelt wurde. Dabei handelt es sich im Prinzip um einen „Nachbau“ eines bestehenden Bio-Wirkstoffs, dessen Patent ausgelaufen ist. Mit den Biosimilars könne die selbe Wirksamkeit günstiger hergestellt werden und somit weltweit eine bedeutende Möglichkeit für Einsparungen im Gesundheitswesen darstellen. Durch den Einsatz von Biosimilars könnten die deutschen Krankenkassen in den kommenden fünf Jahren mehr als vier Milliarden Euro einsparen, heißt es im Arzneimittelreport 2016 der Barmer GEK.

Die Sandoz-Gruppe, Teil des Novartis-Konzerns, sei bei den Biosimilars führend. Das Unternehmen habe jetzt fünf Biosimilars in Europa zugelassen – laut eigenen Angaben mehr als jedes andere Unternehmen. Bei den Biosimilars sei Novartis weltweit Marktführer. Zudem habe eine Studie des Fraunhofer-Instituts gezeigt, dass der Konzern mit seinen 14 Standorten in Deutschland bundesweit zu den innovativsten Unternehmen in der industriellen Gesundheitswirtschaft zähle.

Bis das neue Biosimilar auf den Markt kommt, wird noch einige Zeit vergehen, denn nach dem erfolgreichen Produktionsstart kommen noch zahlreiche Validierungs- und Prüfungsphasen – und am Ende steht die Zulassung der Gesundheitsbehörden. Mit dem neuen Produkt soll laut Martin Lang aber nicht Schluss sein: „Wir können uns schon vorstellen, in den kommenden Jahren neue Produkte nach Marburg zu holen.“ Denn die Anlage gebe dies her. „Die Zeichen stehen weiter auf Wachstum.“

von Andreas Schmidt

Hintergrund

Das Biosimilar, das von No­vartis in Marburg hergestellt wird, ist ein monoklonaler Antikörper, also eine Art von Protein. Dieser Antikörper ist konzipiert, ein auf der Oberfläche von B-Lymphozyten – einer Art von weißen Blutkörperchen – vorhandenes Protein zu erkennen und daran zu binden. Dadurch werden die B-Lymphozyten abgetötet.

Dies dient unter anderem der Bekämpfung bösartiger Lymphome und auch der chronischen lymphatischen Leukämie, bei der sich B-Lymphozyten krebsartig verändert haben. Auch kann der Wirkstoff gegen rheumatoide Arthritis, bei der die B-Lymphozyten an der Gelenkentzündung beteiligt sind, eingesetzt werden.

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