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„Notruf 113“ kritisiert Zentrumspläne

Geplantes Ambulanz- und Diagnostikzentrum „Notruf 113“ kritisiert Zentrumspläne

Die Initiative „Notruf 113“ kritisiert die Pläne des UKGM, ein Ambulanz- und Diagnostikzentrum auf den Lahnbergen zu errichten.

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Am Marburger Standort des Universitätsklinikums Gießen und Marburg soll ein Ambulanz- und Diagnostikzentrum entstehen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die privatisierungskritische Initiative weist darauf hin, dass sich die Hausärzte schon dagegen entschieden hätten, die Notfallambulanz auf den Lahnbergen anzusiedeln. Notruf 113 befürchtet, wenn erst einmal ein „schönes“ Ärztehaus auf den Lahnbergen entstanden ist, werde die Geschäftsführung des Klinikums darauf hinwirken, auch die ärztlichen Notdienste dort einzurichten.

„Es würde dann für einen Hausarzt schwer, einen Patienten mit einer akuten Symptomatik weg von den Lahnbergen in eine andere Klinik fahren zu lassen“, sagt Notruf-Mitglied Dr. Ulrike Kretschmann und schlussfolgert: „Die Unabhängigkeit des Hausarztes wäre erheblich beeinflusst.“ Das UKGM spricht dagegen von einer notwendigen „Verpartnerung“ mit den Fachärzten.

Einer der Hintergründe für die Skepsis könnte sein, dass der Rhön-Konzern als UKGM-Eigner bis vor kurzem noch die Strategie verfolgte, frei werdende Facharztsitze aufzukaufen und in eigene medizinische Versorgungszentren umzuwandeln. Noch im März 2015 sprach Rhön-Aufsichtsratsvorsitzender Eugen Münch von der Notwendigkeit eines „rigorosen Ausbaus“ von MVZ- oder Poliklinik-Strukturen.

Kretschmann: Hausärzte müssen aber anders denken

Jetzt solle die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten in dem Neubau dabei helfen, Patientenströme so zu lenken, dass der medizinische „Case-Mix“, also die durchschnittliche Schwere der Krankheit der Patienten, angehoben wird. Dadurch solle der Gewinn für den Rhön-Konzern günstig beeinflusst werden.

Hausärzte müssten aber anders denken, sagt Dr. Kretschmann: „Man schickt Patienten natürlich in Einrichtungen, in denen in der Vergangenheit ähnlich gelagerte Fälle in befriedigender Weise behandelt worden sind.“

Es gebe einen Qualitätswettbewerb zwischen Krankenhäusern, und hier habe das UKGM seit der Privatisierung keine überzeugende Arbeit geleistet. In der Pflege wurden immer wieder „drastische Kürzungen“ vorgenommen, sagt Dr. Kretschmann und beruft sich auf Berichte von Patienten und Mitarbeitern der Pflege selbst, die von „gefährlicher Pflege“ sprechen.

Bei Notruf 113 ist man „irritiert“ davon, dass Rhön einen Mangel an schweren Fällen beklage, Hausärzte aber immer wieder von Patienten erführen, die mit ernsten Erkrankungen im UKGM vorstellig wurden, aber mit verharmlosenden Worten abgewiesen wurden. „Wenn schwere Fälle nicht erkannt werden, wenn sie sich in den Räumen der Klinik befinden, sinkt der Case-Mix“, sagt Dr. Kretschmann.

Das UKGM wolle den Patienten, dem ein niedergelassener Kollege schon ein Schild mit der korrekten Diagnose um den Hals gehängt habe und der dann nur noch einer lukrativen Operation im Sinne eines lukrativen Prozesses zugeführt werden solle.

Ärzte sehen Qualität als wichtige Stellschraube

Die schweren Fälle mit hohem Case-Mix können niemals aus Marburg und dem unmittelbaren Umland gestemmt werden, sagt Notruf 113. Eine Universitätsklinik habe schon immer davon gelebt, dass sie einen überregionalen Ruf hat und Patienten quer durch Deutschland reisen, um einen Spezialisten aufzusuchen.

Mit der vorgesehenen Investition von 42 Millionen Euro in das Ambulanz- und Diagnosezentrum „wird daher das Problem des Case-Mix-Index niemals gelöst werden können, da die Stellschraube die Qualität ist“, sagt Dr. Kretschmann.

Aus dem UKGM würden ohnehin jährlich mehr als 40 Millionen Euro aus dem laufenden Betrieb abgezogen, davon ist der Hauptanteil die Refinanzierung der Investitionen plus Gewinn für die Aktionäre. Andere Unikliniken hätten diese Last nicht zu tragen, würden aber auch defizitär arbeiten. „Hochschulmedizin kann nicht kostendeckend sein, sondern ist gesellschaftliche Aufgabe“, sagt Kretschmann.

Notruf 113 beklagt in diesem Zusammenhang, dass es nach wie vor keine quantitativen und qualitativen Mindeststandards für die Mitarbeiter einer Uniklinik gebe. „Das würde die Qualität der Versorgung des Patienten wesentlich verbessern“, so die Initiative.

Der Hessische Landtag hatte vor zehn Jahren, am 31. Januar 2006, den Verkauf von 95 Prozent der Gesellschafteranteile des Landes am UKGM an die Rhön-Klinikum AG beschlossen.

von Till Conrad

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