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„Neuorientierung ist kein Scheitern“

Vom Studierenden zum Tischler „Neuorientierung ist kein Scheitern“

Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus: Jugendliche studieren lieber, als dass sie eine Lehre beginnen. Dabei bietet das Handwerk gerade für 
Studienzweifler attraktive Alternativen.

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Daniel-Timon Spanka hatte beste Noten sowohl in seinem Bachelor- als auch in seinem Master-Studium. Dennoch entschied er sich für eine Tischler-Lehre – und ist nun zufrieden.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Mit Mitte 20 den eingeschlagenen Weg zu schmeißen und eine Lehre als Tischler zu beginnen – diesem Schritt haftet auf den ersten Blick der Makel des Scheiterns an. Dabei verdient er Respekt. Denn er ist von Mut geprägt. Dem Mut, sich einzugestehen, dass das eingeschlagene Studium nicht der richtige Weg ist – trotz hervorragender Noten.

Diesen Weg hat Daniel-Timon Spanka eingeschlagen. Er hat einen hervorragenden Bachelor-Abschluss in Biologie. Und auch im anschließenden Master-Studiengang Biochemie hat er „immer Bestnoten erzielt“, wie der heute 28-Jährige erzählt. „Aber glücklich war ich mit dem Studium nicht“, sagt er. „Daher habe ich mich nach dem zweiten Master-Semester dazu entschlossen, mein Studium nicht weiterzuführen.“

Gründe habe es jede Menge gegeben. „Ich war gut in dem, was ich gemacht habe. Aber ich habe im Laufe der Zeit festgestellt: Selbst wenn man in etwas objektiv sehr gut ist, heißt das nicht, dass es auch unbedingt Spaß machen muss. Darauf bin ich aber jahrelang reingefallen“, sagt Spanka. Aufgrund seiner guten Noten habe er immer gedacht: „Das kann ich – also muss es mir auch Spaß bereiten.“ Doch das sei ein Trugschluss gewesen.

Hinzu seien auch die Berufsaussichten gekommen. Denn als Biochemiker „hat man zwei Wege offen: Wirtschaft und Wissenschaft“, sagt Spanka. Die Wissenschaft sei in der Regel noch mit einer Doktorarbeit verbunden – „man arbeitet sein Leben lang an der Uni, habilitiert vielleicht irgendwann noch und schleppt sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten“. Das habe er auf keinen Fall gewollt, schließlich wolle er auch Familie.

Optionen musste sich Spanka selbst erarbeiten

In der Wirtschaft beschränke sich das Angebot auf große, biotechnische Konzerne oder die Pharma-Industrie – beides hat Spanka nicht gereizt. Dabei schien die Karriere doch so schön vorgezeichnet, wie er sagt: „Man ist auf dem Gymnasium – also macht man Abi. Man hat Abi – also studiert man. Man hat einen Bachelor – also macht man den Master. Man hat den Master – also macht man den Doktor. Das ist eine Pyramide, die immer nach oben weitergeht – aber man hat nie die Möglichkeit bekommen, welche Optionen oder Berufsbilder es noch gibt. Das musste ich mir selbst erarbeiten.“

Dabei habe er festgestellt, dass „es noch viel mehr außerhalb der Universität gibt – und so bin ich bei den Tischlern gelandet“. Er habe nämlich auch eine kreative Ader. Und die könne er mit diesem Handwerksberuf ausleben.
Leicht habe er sich die Entscheidung nicht gemacht. „Ich habe mit unendlich vielen Leuten gesprochen und mir das Spektrum der Möglichkeiten angeschaut“, sagt der 28-Jährige.

Vier Praktika habe er bei verschiedenen Tischlereien gemacht und sei dann zur Holzmanufaktur Becker in Marburg gekommen. Dort hat alles gepasst – mittlerweile ist Spanka im dritten Ausbildungsjahr, legt im Herbst nach einer auf zweieinhalb Jahre verkürzten Ausbildung seine Gesellenprüfung ab.

Rückblickend kritisiert er, dass er nie über Berufe informiert worden sei. „An der Schule gab es keinen Lehrer, der ernsthaft vorgeschlagen hätte, kein Abitur zu machen.“ Und auch an der Uni sei er nie in dieser Richtung beraten worden.
Diese Kritik fällt bei seinem Ausbilder Stephan Becker, gleichzeitig Obermeister der Marburger Tischler-Innung, auf fruchtbaren Boden.

Berufsorientierung an Gymnasien ist jetzt Pflicht

„Schulbegleitende Praktika werden dort überhaupt nicht vorbereitet“, moniert er – das habe er schon mehrfach erfahren. Es herrsche immer noch die Meinung vor, die Schulen seien „für etwas Höheres berufen und bilden fürs Studium aus“, so Becker.

Für Becker war es klar, Spanka einzustellen – er passe hervorragend ins Team. Er habe schon häufiger Studienabbrecher ausgebildet – „heute haben die eine ganz andere Qualität als vor 25 Jahren“, sagt Becker. Damals seien es häufig Traumtänzer gewesen, die sich verwirklichen wollten. „Heute haben die Abbrecher eine ganz andere Einstellung zu dem, was sie in der Umschulung erreichen wollen. Ich kann sie auch sehr schnell einsetzen, weil sie sehr lernfähig und -willig sind.“

Burghard Loewe von der IHK Kassel-Marburg erläutert, dass sich die Beratung an den Schulen ändern werde: „Es hat bisher keine Berufsorientierung an Gymnasien gegeben – es gab nur eine Richtung: Wer an der Schule ist, wird Abitur machen und dann studieren“, sagt er. Doch nun sei eine Berufsorientierung an Gymnasien verpflichtend, „um auch auf die Möglichkeiten hinzuweisen, die die duale Ausbildung bietet“, wie Loewe sagt.

Das Beispiel von Spanka zeige eindrucksvoll, „dass ein solcher Wechsel nichts mit Scheitern zu tun hat“. Daher böten IHK und Kreishandwerkerschaft Beratungen für „Studienzweifler“, um diesen die Möglichkeiten des Umstiegs aufzuzeigen. „Eine solche Umorientierung in der Karriere ist kein Abstieg, sondern ein Umstieg – das muss ganz deutlich werden“, sagt Loewe.

Studienabbrecherquote zwischen 20 und 28 Prozent

Dem pflichtet Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher bei. „Wir haben dieses Jahr erstmals die Zehn-Prozent-Hürde von Ausbildungsbeginnern mit Abitur im Handwerk geknackt“, sagt er. Da es mittlerweile jedoch mehr Studienbeginner als Azubis im dualen Ausbildungssystem gebe, wolle man den Zweiflern oder Abbrechern eine Alternative aufzeigen.

Wie viele Studienabbrecher es gibt, wird an der Philipps-Universität nicht erhoben, wie Pressesprecherin Andrea Ruppel auf Anfrage der OP mitteilte. Es gebe allerdings Studien vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, die von einer Abbrecherquote von rund 20 Prozent ausgingen – bei Bachelor-Studiengängen gar von 28 Prozent.

Harald Parzinsky vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft vermutet, „dass es viele Studierende gibt, die nie eine andere Option als das Studium kennengelernt haben“. Dabei könne man auch in Betrieben „durchaus weiterkommen und gutes Geld verdienen“. Daher wolle man dazu beitragen, „diese Prozesse des Überlegens zu verkürzen, um schnell zu einem Abschluss zu kommen“, sagt er.

von Andreas Schmidt

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