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Neue Stellenprofile erhitzen Gemüter

CSL Behring Neue Stellenprofile erhitzen Gemüter

Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten im größten Marburger Pharmaunternehmen beschäftigt sind, können künftig auf gleicher Stufe wie Berufseinsteiger stehen. Das kränkt einige. Andere bleiben gelassen, weil sie dadurch nicht weniger verdienen.

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CSL Behring stellt Arzneimittel aus Humanplasma her. Der größte Produktions- und Forschungsstandort in Deutschland befindet sich in Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Seit Montag, 3. Dezember, informierten Vorgesetzte bei CSL Behring die Mitarbeiter über ihre neue Eingruppierung. Seit diesem Tag führt Betriebsratschef Walter Kreuer mit Kollegen ein Gespräch nach dem anderen. Erst neulich standen morgens um 6.20 Uhr Mitarbeiter, die aus der Nachtschicht kamen, vor seinem Büro Schlange, erzählt er. Er habe allen Kaffee angeboten und einen nach dem anderen beruhigen können. Ob Kollegen aus den Büros oder den Laboren: Fast alle haben derzeit mehr oder weniger das gleiche Anliegen: Sie fragen nach, welche Gründe und Auswirkungen ihre Eingruppierung hat. Das Pharmaunternehmen mit rund 2300 Beschäftigten hat alle tariflich bezahlten Stellen neu eingruppiert, ab Januar ist das neue Entlohnungssystem wirksam.

Der Diskussionsbedarf im Unternehmen ist hoch. Das räumt Geschäftsführer Dr. Roland Martin auf Anfrage der OP unumwunden ein. Doch er betont: CSL Behring zahlt seinen Mitarbeitern überdurchschnittlich hohe Löhne. Fundament dafür sei nach wie vor der Tarifvertrag der chemischen Industrie. Und: Kein Mitarbeiter erhalte künftig am Monatsende weniger Geld als bisher.

Denn durch freiwillige Leistungen des Unternehmens werde die Differenz zum vorherigen Lohn ausgeglichen.

Dass sich dennoch Mitarbeiter aufregen oder enttäuscht sind, sei nachvollziehbar und werde in der Chefetage sehr ernst genommen. Denn auch wenn das laufende Entgelt gleich bleibt, empfinden viele die niedrige tarifliche Einstufung als Geringschätzung ihrer Arbeit. „Hier sind das Unternehmen und die Vorgesetzten gefordert, unseren Mitarbeitern die gebotene Wertschätzung entgegen zu bringen und deutlich zu machen, dass hier Stellenprofile und nicht die persönliche Leistung bewertet wurden“, sagt Martin. Auch Kreuer kann die Emotionen verstehen, fügt aber hinzu: „Wer sich von Führungskräften wertgeschätzt fühlen will, muss sich auch selber wertschätzen“. Eigene „Unzulänglichkeiten“ müssten geregelt werden. Der Betriebsrat sei in den internen Prozess eingebunden und trage diesen mit, betont Kreuer.

Die Neueingruppierung schaffe ein transparentes System, das für alle gleich und damit gerecht sei, so Martin. Sie „korrigiert historisch gewachsene fehlerhafte Eingruppierungen“, heißt es. Denn bisher gab es laut Martin mehr als tausend unterschiedliche Arbeitsplatzbeschreibungen bei CSL - je nachdem unter welchem Vorgesetzten man in der Vergangenheit gearbeitet habe, gab es persönlich zugeschnittene Stellenprofile. So sei es vorgekommen, dass so mancher ungelernte Mitarbeiter jahrelang in einer hohen Entgeltstufe eingruppiert gewesen sei, die nicht angemessen gewesen sei, ergänzt der Betriebsratsvorsitzende.

Betriebsvereinbarung ist keine Beruhigungspille

Das Unternehmen gibt nicht bekannt, um wie viele Stufen der Durchschnitt des Personals höher oder niedriger eingruppiert wurde. Eine eigens eingerichtete „Clearingstelle“ soll allen Mitarbeitern die Gelegenheit geben, Einwände gegen ihre tarifliche Eingruppierung vorzubringen und prüfen zu lassen. Die Clearingstelle besteht aus Kreuer und Martin, erklären beide auf Nachfrage der OP.

Rund 40 Mitarbeiter hätten bisher ihren Widerspruch gegen ihr neues Stellenprofil eingereicht. Juristisch sei alles einwandfrei, sind sich Betriebsratschef und Geschäftsführer einig. Schließlich habe man das Ganze auch unter Einbindung von Gewerkschaftsexperten lange vorbereitet.

Vor zwei Jahren begann CSL das Vorhaben zunächst mit einer Analyse der Entgeltstruktur. Zahlreiche Firmen in Deutschland waren dem Marburger Unternehmen damit bereits voraus.

Jede Stelle wurde ins Visier genommen und überarbeitet. Arbeitswissenschaftler des Arbeitgeberverbandes Hessen Chemie und Vertreter der Gewerkschaft IGBCE begleiteteten den Prozess, erklärt CSL. Aufgabenbeschreibungen wurden überarbeitet, neu bewertet und Stellen neu eingruppiert. Mehrere Betriebsversammlungen fanden statt - auch da sei es teilweise hoch hergegangen, berichten Mitarbeiter. Im Oktober wurde eine Betriebsvereinbarung unterzeichnet. „Die freiwillige Entgeltsicherung ist keine kurzfristige Beruhigungspille, sondern hat auch für die Zukunft Bestand. Dafür haben wir mit einer unbefristeten Betriebsvereinbarung gesorgt“, betont Kreuer. Tarifliche Erhöhungen gelten künftig auch auf die Entgeltsicherung, sagt er.

Betroffen von dem neuen Entgeltsystem sind vor allem künftige Mitarbeiter. Neueinstellungen werden das Unternehmen weniger kosten. Nur so könne man langfristig den Produktionsstandort Marburg sichern und ausbauen. Durch die geringe Fluktuationsrate erwarte man einen messbaren Einfluss auf die Personalkosten erst in „mehreren Jahren“. Eine weitere wichtige Voraussetzung für die Sicherung des Standorts ist laut Martin die Bewahrung des Gewerbesteuerhebesatzes. Eine Erhöhung würde den Industriestandort Marburg schwächen.

„Wir befinden uns im globalen Wettbewerb. Der Standort muss attraktiv sein - auch für neue Mitarbeiter“, so Martin.

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