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Neue Projekte trotz starker Kürzungen

Verein „Arbeit und Bildung“ Neue Projekte trotz starker Kürzungen

Der Verein „Arbeit und Bildung“ muss in diesem Jahr mit knapp einem Drittel weniger Geld auskommen. Man wolle sich dennoch „auf zu neuen Ufern machen“, wie Geschäftsführer Rainer Dolle betont.

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Die Arbeit mit Flüchtlingen beschreibt Rainer Dolle, Geschäftsführer von „Arbeit und Bildung“, als Erfolgsprojekt. Sie werde auch in diesem Jahr fortgesetzt.

Quelle: Franziska Kraufmann

Marburg. Unter dem Dach von „Arbeit und Bildung“ geht es seit knapp 30 Jahren darum, Wege zum Überwinden von Arbeitslosigkeit zu finden. Dabei habe man sich „auf die 50 Prozent spezialisiert, die besonders benachteiligt sind“, erläutert Rainer Dolle, Geschäftsführer von „Arbeit und Bildung“. In der Regel seien dies Langzeitarbeitslose, die schwer zu vermitteln seien, weil sie beispielsweise ein Handicap hätten oder auch psychisch krank seien.

„Wir sind jedoch nicht strukturfinanziert, sondern müssen im Vorfeld an Ausschreibungen teilnehmen und quasi Verträge ergattern“, fasst Dolle zusammen. Und das auf einem Markt, der von zahlreichen Bildungsträgern hart umkämpft ist. „90 Prozent unserer Arbeit ist von der ständigen Akquise von Drittmitteln abhängig.“ Doch durch die drastische Kürzung von Mitteln muss „Arbeit und Bildung“ in diesem Jahr mit lediglich 7 Millionen Euro – statt bisher 10 Millionen – auskommen.

Gerade bei den klassischen Arbeitslosen im Bereich des Sozialgesetzbuchs (SGB) II, „die unser Hauptklientel sind“, wie Dolle betont, gebe es schon seit Jahren eine ständige Kürzung der Mittel. „Es gibt einen politischen Unwillen, Geld in diesen Bereich zu stecken“, so der Geschäftsführer. Die Gelder für die Kreisjobcenter seien „in den vergangenen zwei, drei Jahren halbiert“ worden.

Dolle: Politik erschwert Arbeit

Deutschlandweit gebe es rund „eine Million Menschen, die in dem System verharren“. Nur ein Viertel habe die Langzeitarbeitslosigkeit in den vergangenen zehn Jahren verlassen können, „drei Viertel stecken in der Grundsicherung fest“, so Dolle. Das sei nicht nur ein verheerendes politisches Signal, sondern erschwere auch die Existenz von Arbeit und Bildung.

„Wir hätten dort viele Angebote zu machen – mit Ein-Euro-Beschäftigungsförderungen, der Bootswerft, der Produktionsschule oder einem Auslandsaufenthalt durch das Projekt ,Integration durch Austausch‘ – aber es gibt keine Beauftragung. Dahinter steht die politische Absicht, es diesem Personenkreis nicht angenehm zu machen“, sagt Dolle.

„Wir halten uns deswegen, weil wir nicht nur Beschäftigungsförderung für Langzeitarbeitslose bieten, sondern schon immer ein diversifiziertes Angebot mit unterschiedlichen Kostenträgern hatten“, erläutert Rainer Dolle. So arbeite man als Bildungsträger auch mit der Arbeitsagentur zusammen, habe zudem das Geschäftsfeld auch auf die Kreise Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder erweitert.

Doch auch in diesem Geschäftsfeld gibt es Probleme: „Dort gibt es zwar Geld, aber es fehlen die Leute“, fasst Dolle zusammen. „Die Arbeitslosenquote ist gigantisch niedrig, es gibt kaum Menschen, die zu vermitteln sind.“ Eine Zielgruppe sei die der Älteren über 50 Jahre, für „die wir viele Angebote machen können“.

Keine Entlassung, doch Verträge laufen aus

Als dritten großen Punkt gibt es bei „Arbeit und Bildung“ EU-Projekte. „43 Prozent unseres Umsatzes entfallen auf die EU“, sagt Dolle, der weiß, dass damit auch eine große Abhängigkeit entstehe. „Am 31. Dezember vergangenen Jahres war die jeweils siebenjährige Förderperiode der EU beendet“, verdeutlicht der Geschäftsführer. Zwar habe man sich bereits im vergangenen Herbst um neue Projekte bewerben können. „Das führt aber dazu, dass wir erst im Sommer wieder Bewilligungen auf der Basis dieser Anträge bekommen.“

Um Entlassungen komme man jedoch herum, da man – wie in der Branche üblich – mit vielen Freiberuflern zusammenarbeite. Diese hätten zum Glück auch noch andere Aufträge, könnten bei „Arbeit und Bildung“ aufgrund der Problematik derzeit aber nur sporadisch eingesetzt werden. Jedoch gebe es bei Arbeit und Bildung auch „einige befristet Angestellte, deren Verträge jetzt erst einmal auslaufen und denen ich nur die Hoffnung machen kann, dass sie im Sommer wieder anfangen können“, so Dolle.

Erste Vorab-Bescheide gebe es bereits, „auf dieser Grundlage arbeiten wir derzeit“. Jedoch bestehe immer noch die Gefahr, dass der endgültige Bescheid nicht komme, „das Risiko müssen wir aber tragen“, sagt Dolle.

Arbeit mit Flüchtlingen „ist ein Erfolgsprojekt“

Man wolle „das Solide bewahren und gleichzeitig zu neuen Ufern aufbrechen“. Ob Marburger Produktionsschule, die Bootswerft, laut Dolle „ein einzigartiges Projekt“, oder die „Perspektive Wiedereinstieg“: Die Projekte würden ebenso fortgeführt, wie die Umschulungen zu Erzieherinnen oder die Vereinsmesse, die am 19. und 20. Juli in der Stadthalle Stadtallendorf stattfindet.

Ein Erfolgsprojekt sei auch „Bleib in Hessen“, das in diesem Jahr eine Neuauflage erfährt: Dabei seien bis heute bereits 1700 Flüchtlinge durch „Arbeit und Bildung“ beraten worden. „Und davon konnten wir immerhin 35 Prozent in Beschäftigung und Sprachkurse vermitteln“, erläutert Rainer Dolle.

Neu im Angebot ist die „Mobilitäts-Zentrale“: Dabei sollen Betriebe Mitarbeiter freistellen, damit diese durch Partnerbetriebe von „Arbeit und Bildung“ im EU-Ausland interkulturelle Erfahrungen sammeln können. „Die Idee ist, dass die Mitarbeiter dort lernen, wie beispielsweise spanische Firmenbelegschaften funktionieren.“ Damit sollten sie bei einer späteren Integration von ausländischen Fachkräften eine gewisse Lotsenfunktion haben.

Das Projekt „Kunstraum Marburg: Sehreise durch meine Stadt“ soll Behinderten zunächst die heimischen Kunstwerke näherbringen. Im Anschluss werden – in Zusammenarbeit mit heimischen Künstlern – eigene Kunstwerke entstehen. Partner ist dabei die „Aktion Mensch“.

Helfen durch Sprachkurs oder Kinderbetreuung

Im Februar beginnt das Projekt „Service-Center Migration Marburg“. „Damit zielen wir auf Migranten ab, die hier sind und dem Arbeitsmarkt noch nicht zur Verfügung stehen, obwohl sie eigentlich könnten“, sagt Dolle. Gemeint seien beispielsweise nachgezogene Partner von bereits hier lebenden Migranten, die sich noch zurechtfinden müssten. „Erleichtern könnten wir das etwa durch einen Sprachkurs oder die Organisation der Kinderbetreuung“, so Dolle, dazu setze man auf die bestehenden Netzwerke in den Kommunen, „um die Personen zu finden und sie in den Arbeitsmarkt zu bringen – um Fachkräfte zu sichern“.

Mit „Plan to go“ bietet „Arbeit und Bildung“ nun eine Fachstelle für berufliche Bildungsberatung an. Zielgruppe sind Arbeitnehmer, die sich beruflich verändern möchten. „Unsere Fachkräfte, die den Markt kennen und bestens vernetzt sind, setzen dabei auf ein professionelles Profiling, ein Coaching, die Kompetenz-Feststellung und eine Markt-Analyse – und das ganzheitlich“, beschreibt Dolle das Angebot, das sich an Selbstzahler richtet. Profitieren könnten davon aber beispielsweise auch Studienabbrecher oder Menschen, die sich selbstständig machen wollten.

Ein weiteres Projekt, das „Arbeit und Bildung“ anbietet, ist die „Initiative Inklusion 50+“. „Sowohl die Arbeitsagentur als auch das Kreisjobcenter haben – relativ gesehen – einen erheblichen Anteil an behinderten Älteren, die schwer zu vermitteln sind“, erläutert Dolle. Das habe auch der Landeswohlfahrtsverband Hessen erkannt und das Programm ins Leben gerufen. „Wir arbeiten mit diesen Menschen, qualifizieren sie – das Projekt wird vom Landeswohlfahrtsverband finanziert.“

von Andreas Schmidt

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