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Nachfolge benötigt viel Zeit im Vorfeld

Mittelhessische Unternehmertage Nachfolge benötigt viel Zeit im Vorfeld

Wenn der Seniorchef nicht loslassen will oder der Nachfolger sich nicht mental auf seine Führungsrolle eingelassen hat: Es gibt viele Fallstricke in der Nachfolge. Experten, aber auch Insider aus der Praxis, berichten.

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Sie werden auf der Tagung zum Thema Nachfolge sprechen: Dr. Anne-Kathrin Roth (von links), Professor Michael Lingenfelder und Annette Klingelhöfer.

Quelle: Privat, Archiv

Marburg. Annette Klingelhöfer (Konditorei Klingelhöfer) und Dr. Anne-Kathrin Roth (Roth Werke) sind Nachfolgerinnen. Sie arbeiten in Spitzenpositionen in den Unternehmen ihrer Väter mit und werden diese fortführen.
Anne-Kathrin Roth ist nach Studium und Promotion 2009 aktiv in das Buchenauer Familienunternehmen eingestiegen. „Es gab kein konkretes Ereignis, das diese Entscheidung herbeiführte. Die Identifikation mit dem Unternehmen ist vielmehr mit der Zeit gereift“, erklärt die 37-Jährige.

„Es ist sehr schön, wenn die Fortführung eines mittelständischen Familienunternehmens durch die Familie gesichert ist. Grundlegende Voraussetzung neben der fachlichen Qualifikation ist die vollständige Identifikation mit dem Unternehmen und den Aufgaben“, sagt sie.

Die Zahl der Unternehmen, die in den kommenden Jahren eine Nachfolge regeln müssen und wollen, war noch nie so hoch wie derzeit. Insgesamt knapp 3000 Unternehmen haben in den nächsten Jahren in Hessen einen Bedarf an einer Nachfolgeregelung. Das verarbeitende Gewerbe ist prozentual am stärksten betroffen oder auch Unternehmen mit bis zu 2,5 Millionen Umsatz, teilt Roland Reiser von der „Creditreform Rating AG“ mit. Was Unternehmer vor große Herausforderungen stellt, ist ein spannendes Forschungsfeld für Wirtschaftswissenschaftler.

Lingenfelder: Typischer Mittelständler sucht würdigen Nachfolger

Professor Michael Lingenfelder von der Philipps-Universität Marburg schaut sich seit Jahren die Nachfolgeregelungen in Unternehmen an. Als Mitglied der Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft organisiert er am 23. September das sechste Forum „Wert(e)basierte Unternehmensführung im Mittelstand“, auch als „Mittelhessische Unternehmertage“ bekannt. Diesmal tauschen sich Fachleute aus Praxis und Theorie über das Thema „Unternehmensnachfolge im Mittelstand“ aus.

Der Mittelstand interessiert sich nicht nur für harte Werte wie Gewinn und Umsatz, sondern auch für weiche Themen, zum Beispiel das Wohl der Belegschaft, erklärt Lingenfelder. Ein typischer Mittelständler verkaufe seinen Laden nicht an den, der das meiste dafür zahle, sondern an den, bei dem er ein gutes Gefühl habe, dass er den Laden erfolgreich weiterentwickeln werde. Dieses werte­basierte Denken mache die Nachfolgeregelung einfach und schwer zugleich.

Es gehe um wirtschaftliche, strategische, rechtliche, aber auch psychologische Komponenten. Da gebe es beispielsweise die Senior-Chefs, die einfach nicht loslassen wollen und damit eine große Belastung für die Nachfolger und die Familie seien. Doch wer ist überhaupt der beste Nachfolger? Sind dies in einem Familienunternehmen die Kinder? „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Familienmitglieder die besseren Nachfolger sind“, stellt der Professor klar.

„Diejenigen, die es am besten können, sollen das Unternehmen führen.“ Allerdings: „Familienmitglieder kennen die DNA oder Blutbahn der Firma. Sie wachsen im Unternehmen mit auf, es gibt weniger Übergabeprobleme, und regionale Beziehungen lassen sich leichter erhalten und pflegen.“ Dennoch: Ein externer Geschäftsführer könne dies theoretisch auch.

Klingelhöfer: Es gibt nicht „den“ richtigen Weg

Wer die Führung seines Unternehmen mehreren Kinder gibt, muss darauf achten, dass dies nicht zum Zerwürfnis zwischen Geschwistern führt. Die Erfolgsfaktoren, so Lingenfelder, für ­eine gute Nachfolgeregelung im Mittelstand: Frühzeitige Planung und Vorbereitung – auf beiden Seiten.

In einem Betrieb mit rund 50 Mitarbeitern sollten die Planungen fünf bis zehn Jahre vorher beginnen, sagt der Ökonom. In dieser Zeit können beide Seiten schauen, welche Kompetenzen vorhanden sind und was noch fehlt. „Früher gingen die Handwerker auf die Walz. Man sammelte Erfahrungen außerhalb des Unternehmens“, erläutert Lingenfelder. Das sei ein guter Einstieg, um für alles gewappnet zu sein.

Annette Klingelhöfer (26), die in der fünften Generation in der traditionsreichen Backstube steht, ließ sich zum Beispiel in Baden-Württemberg ausbilden, sammelte andernorts Erfahrungen und Erfolge. Der Ökonom findet diesen Weg richtig – aber es gibt nicht „den“ Weg zur Nachfolge. Das Technische, etwa steuerrechtliche Kenntnisse in der Geschäftsführung, könne man von externen Dienstleistern erhalten.

Dafür sei keine längere Vorbereitung nötig. Doch ein potenzieller Nachfolger benötige viel Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er künftig viele Menschen führen und Verantwortung übernehmen wird. Viele lassen sich von einem externen Coach beraten. Ein weiterer Tipp, den Lingenfelder gibt, ist, für klare Strukturen zu sorgen: Wenn zwei führen, sollte feststehen, wer welche Position hat.

von Anna Ntemiris

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