Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° Regen

Navigation:
Nach dem Sprachkurs in die Backstube

Einstiegsqualifizierung auf dem Weg zur Ausbildung Nach dem Sprachkurs in die Backstube

Teklebrahan Wellu Alem ist aus Eritrea geflohen und möchte arbeiten. Die Chance hat er nun durch die Bäckerei Siebenkorn: Dort absolviert er eine Einstiegsqualifizierung, die ihn fit für den Arbeitsmarkt machen soll

Voriger Artikel
„Schäfers Backstuben“ 
neu in Kirchhain
Nächster Artikel
Nullzinspolitik bleibt die größte Herausforderung

Teklebrahan Wellu Alem absolviert als Vorstufe zur Ausbildung eine Einstiegsqualifizierung bei der Bäckerei Siebenkorn.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Das, was Alem, wie die Kollegen den 30-Jährigen mit seinem Einverständnis nennen, gerade leistet, ist ein Vollzeit-Programm: Morgens absolviert er einen Sprachkurs und lernt Deutsch – drei Stunden täglich. Und danach geht die Arbeit für den Eriträer erst so richtig los: Dann arbeitet er fünf Stunden bei der Bäckerei Siebenkorn in der Backstube – „Einstiegsqualifizierung“ (EQ) nennt sich das Konstrukt von Sprachkurs und Praktikum. Schon seit drei Monaten läuft das Programm für ihn, ist auf ein knappes Jahr ausgelegt.

Das Ziel ist klar: Alem will Bäcker werden. „Erfahrung als Bäcker habe ich noch nicht“, sagt er. Lediglich mit Wissen aus einem Supermarkt könne er schon punkten. „Aber ein Beruf im Handwerk macht mir Spaß“, sagt er. Der Deutschkurs hat durchaus schon Früchte getragen, denn die Worte „Einstiegsqualifizierung“ und „Arbeitsagentur“ kommen ihm schon recht flüssig über die Lippen. Alem lacht: „Ich danke auch den Kollegen. Sie helfen mir bei der Arbeit – und bei der Sprache.“

Im Dezember vergangenen Jahres kam der 30-Jährige zum Arbeitsmarktbüro in der Agentur für Arbeit. Nach erster Beratung dort gelang prompt der Einstieg in das Programm „Perspektiven für Flüchtlinge“, das vom „Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft“ in Marburg getragen wird.

Eine Herzensangelegenheit für den Geschäftsführer

Dort konnte schon rasch geklärt werden, welche beruflichen Kompetenzen und Interessen für Alem realistisch sind. Vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur konnte die Chance auf eine EQ bei Siebenkorn schnell vermittelt werden.
Meinhard Rediske, Geschäftsführer von Siebenkorn, verdeutlicht: „Das Projekt hat von allen Seiten Unterstützung gefunden, es gab viele offene Türen und helfende Hände.“ Von der Ausländerbehörde, das Kreisjobcenter, die Arbeitsagentur und das Bildungswerk hätten alle Stellen Hand in Hand gearbeitet, „um hier diesen Anfang zu machen“.

Für den Geschäftsführer ist es eine Herzensangelegenheit, Flüchtlinge in Arbeit zu vermitteln – „mir ist die aktive Beteiligung wichtig und durch mein Engagement auch andere Arbeitgeber zu motivieren“, sagt er. Alem soll nicht der Einzige bleiben, der die EQ absolviert – Rediske hat schon einen weiteren Platz geschaffen. „Wir sehen unsere Verantwortung ganz stark im sozialen Bereich. Wir sind ja auch gemeinnütziges Integrationsprojekt für schwerbehinderte Menschen“, sagt er.

Die Integration von Flüchtlingen sei eine gesellschaftliche Herausforderung, „und die wollen wir auch mittragen“. Dass dabei die Sprache eine entscheidende Rolle spiele, sei ihm klar – sowohl Alltags- als auch Fachsprache. „Daher bitte ich die Mitarbeiter auch, kein reduziertes Deutsch mit Alem zu sprechen, damit er auch einen größeren Wortschatz bekommt. Eines ist für alle klar: Praxis, Praxis, Praxis – das ist das beste Deutsch-Training und die schnellste Chance auf Integration.

Für Volker Breustedt, den Leiter der Marburger Arbeitsagentur, ist klar: „An diesem Beispiel zeigt sich, dass die Idee, die hinter dem Arbeitsmarktbüro steht, funktioniert.“ Denn den Menschen, die in dieses Büro kommen, sei es „völlig egal, ob die Arbeitsagentur oder das Kreisjobcenter zuständig sind – sie wollen einfach nur einen Ansprechpartner, der die Angelegenheiten regelt“.

Nahtloser Übergang zwischen den Behörden

Alem sei „das Beispiel dafür, wie gut alles funktionieren kann, wenn man einen Betrieb hat, der sagt, er nimmt die Qualifizierung auf sich“. Denn es müssten ja beispielsweise auch Schichtpläne an den Sprachunterricht angepasst werden – es gebe zahlreiche organisatorische Dinge zu bedenken.

Finanziert wird das Projekt EQ durch das Kreisjobcenter als zuständige Behörde für anerkannte Asylbewerber. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) lobte ebenfalls den nahtlosen Übergang zwischen den unterschiedlichen Behörden und Institutionen. „Das ging alles so leicht und nahtlos – so, wie wir uns das auf dem Marburger Weg vorstellen, alles wurde intelligent miteinander verknüpft.“

Rediske hatte ja betont, mit seinem Angebot auch weitere Arbeitgeber zu motivieren – und das scheint auch notwendig zu sein. Denn landkreisweit sind erst knapp 40 Flüchtlinge in EQ untergekommen. „Das ist nicht besonders üppig, da ist noch Luft nach oben“, meint er. Allerdings stünden auch nicht immer für alle Plätze auch geeignete Bewerber zur Verfügung, sagte Zachow. „Wir können keinen komplett ausbildungsreifen Menschen bieten.“ Aber man lasse niemanden alleine auf dem Weg.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr