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Mutmaßlicher Chef spielt Rolle herunter

Aus dem Landgericht Mutmaßlicher Chef spielt Rolle herunter

Zeugen gegen Angeklagten: Die vermeintlichen Mitglieder der Führungsetage der Düsseldorfer Betrügerbande schieben sich im neuesten Prozess gegenseitig den schwarzen Peter zu.

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Vor dem Landgericht findet der Prozess um Aktienbetrug in ­Millionenhöhe statt. „El Presidente“ belastet dabei seinen ehemaligen Geschäftspartner.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Wer hatte die Fäden in der Hand, wer war Initiator und auf wessen Konto gingen die millionenschweren Betrügereien? Darüber gibt es vor dem Landgericht ganz verschiedene Ansichten.

Am dritten Verhandlungstag stellten zwei Zeugen, darunter der Bandenchef, die interne Rollenverteilung der Gruppe in einem etwas anderen Licht dar, als der Angeklagte zuvor. Der besteht auf einer untergeordneten Position innerhalb der Bande, in der er sich als kleines Licht und unwissenden Mitläufer betrachtete.

Dem widersprachen die Ex-Kollegen. Der Angeklagte selber soll mit dem Plan, eine lukrative Fake-Firma zu gründen, erstmals an ihn herangetreten sein, meinte „El Presidente“, der mittlerweile eine mehrjährige Haftstrafe absitzt und als Zeuge vor Gericht aussagte. Demnach kam der Kollege auf die Idee, durch Goldankauf das Firmenkonto abzusichern und das Betrugsgeld reinzuwaschen, „wir wollten gemeinsame Sache machen“.

Neue Partner, selbes Konstrukt

Beide gründeten das erste Unternehmen – dass es sich dabei von Anfang an um Anlagenbetrug handeln würde, sei allen klar gewesen, so der Zeuge. Man soll sich auf Augenhöhe begegnet sein, Entscheidungen gemeinsam getroffen haben, oft „unter vier Augen“. Dass sich der Angeklagte über Monate hinweg eher am Rande der Machenschaften aufhielt, konnte der Zeuge nicht bestätigen – „ich habe mit ihm zusammen die Dinge organisiert“.

Beide besorgten angeblich abwechselnd Kundenlisten anderer Firmen, koordinierten Goldankäufe und Bargeldverkehr. Nur der Vertrieb und die Bezahlung der Mitarbeiter lagen dabei fast ausschließlich in seiner Hand, gab der Bandenchef zu. Nach der Gründung der zweiten Fake-Firma zerstritt und trennte man sich. Der Grund sei angeblich der überbordende Alkoholkonsum des Kollegen, der zunehmend unausstehlich und „aggressiv“ wurde, meinte der „Wolf“. Gemeinsam mit einem weiteren Kollegen, in Bandenkreisen nur „Max“ genannt, eröffnete der Angeklagte einen eigenen Brokerbetrieb nach dem altbewährten System. Man nutzte wie zuvor „genau dasselbe Konstrukt“, vermutete der vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog. Das gab der Beschuldigte zu.

Beschuldigter erhielt „Hungerlohn“

Auch dabei soll indes der Partner die Führungsposition innegehabt haben, „von ihm wurde alles kontrolliert“, so der Beschuldigte. Das sah der zweite Zeuge anders. Der Kollege kam täglich im Büro vorbei, zählte das vorhandene Bargeld, beglich die Miete, „er hielt sich auf dem Laufenden“, gab wiederum „Max“ an. Auch die Verkäufer sprachen sich angeblich mit ihm ab, welche falschen Aktien sie den geprellten Käufern aufschwatzen wollten.

Selbst vor der Abspaltung habe der Beschuldigte eine Führungsposition innerhalb der Bande erhalten, war „Partner“ des Chefs, meinte der zweite Zeuge. Welche inhaltlichen Vereinbarungen beide dabei angeblich getroffen hatten, wusste er jedoch nicht. Er selber sei als Sekretär angeworben worden, kümmerte sich um das Büro und erhielt monatlich 1000 Euro, später 1500 Euro als Provision. Im Vergleich zu anderen Bandenmitgliedern schon fast ein Hungerlohn – dass der Zeuge für das Geld bewusst illegale Geschäfte tätigte, bei denen sein Aufgabengebiet ständig anwuchs, daran zweifelte die Verteidigung. „Das halten Sie für ­eine glaubhafte Einlassung? Ich sehe hier viele unbestätigte Vermutungen“, hakte Rechtsanwalt Jürgen Möthrath genauer nach, der die Glaubwürdigkeit des Zeugen infrage stellte. Der blieb bei seiner Aussage.

Alle drei Beteiligten, Zeugen wie Angeklagter, schoben sich die Chefkarten gegenseitig zu – der jeweils andere soll von Anfang an die treibende Kraft hinter dem Anlagenbetrug gewesen sein. Mehr Licht ins Dunkel sollen am nächsten Verhandlungstag weitere Zeugen bringen.

  • Der Prozess wird am 12. Juni fortgesetzt.

von Ina Tannert

Den Bericht zum vorausgegangenen Prozesstag lesen Sie hier.
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Weitere Aussagen zum großen Aktien-Betrug gab es am zweiten Prozesstag. Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Teil der Führungsriege oder kleines Licht im System? Welche Rolle ein weiterer Angeklagter innerhalb der Betrügerbande einnahm, war Thema am zweiten Verhandlungstag.

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