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Münch: Patient soll erst Technik sehen, dann den Arzt

Rhön-Klinikum AG Münch: Patient soll erst Technik sehen, dann den Arzt

Während der Hauptversammlung der Rhön-Klinikum AG sprachen sich Vorstand und Aufsichtsrat für ein Campus-Konzept mit enger Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung an den Kliniken des Konzerns aus.

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Der Aufsichtsratsvorsitzende der Rhön AG, Eugen Münch, kritisiert die Haltung der Arbeitnehmervertretung am Uniklinikum in Marburg.

Quelle: Privatfoto

Frankfurt. Der Vorstand Dr. Dr. Martin Siebert erklärte, das Unternehmen wolle maßgeblicher Motor der deutschen Gesundheitswirtschaft sein. Die Rhön AG besitzt noch zehn Kliniken in Deutschland. Der Konzern rechnet im laufenden Jahr mit einem Ergebnis vor Steuern und Zinsen von mindestens 145 Millionen Euro. Das Marktumfeld stehe vor Umbrüchen, sagte Siebert. Daher müsse sich das Unternehmen mit Innovationen und wirtschaftlichem Erfolg behaupten. Ein Campus-Konzept, wie es am Standort in Bad Neustadt an der Saale geplant ist, sei der Lösungsweg für das Unternehmen. Rhön will eine engere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung in enger Kooperation mit niedergelassenen Ärzten, erklärte Siebert. Er rechnet damit, dass das Campus-Konzept ein "Exportschlager" wird.

Regelmäßig nur Undank

Der Konzern arbeite daran, die Universitätsklinik Gießen und Marburg als universitären Verbund zweier leistungsstarker, wenn auch durchaus unterschiedlicher Klinika weiterzuentwickeln, sagte Siebert und kritisierte, dass die Kliniken oftmals falsch in den Medien dargestellt würden. Er sprach von "tendenziösen, privatisierungsfeindlichen, von Vorurteilen sowie wahlkampftaktisch" geprägter Negativ-Berichterstattung. Das Management des UKGM verdiene ausnahmsweise allein schon deswegen Anerkennung, weil es regelmäßig nur Undank zu ernten gebe. Siebert listete eine Reihe von medizinischen Erfolgen am UKGM auf und bezeichnete dabei das Partikeltherapiezentrum in Marburg, das in diesem Jahr in Betrieb genommen werden soll, als technischen und medizinischen Meilenstein.

Im Raum steht ein weiterer Aktienrückkauf im Volumen von zehn Prozent des Grundkapitals, gab Siebert bekannt. Auf der Hauptversammlung 2014 war bereits beschlossen worden, das Grundkapital der Gesellschaft durch einen groß angelegten Aktienrückkauf herabzusetzen. Insgesamt 98,4 Prozent, das entspricht einem Anteil von fast 47 Prozent, des Grundkapitals nahmen das Angebot wahr. Nach dem Aktienrückkauf ist B. Braun Melsungen mit rund 18 Prozent beteiligt, die Familie Münch mit elf Prozent und die Asklepios-Gruppe mit 15 Prozent. Der Vorstand empfiehlt eine Dividende von 80 Cent pro Stückaktie auszuschütten, im Vorjahr wurden nur 25 Cent gezahlt.

Mut statt "kleinkarierte Revierverteidigung"

In seiner Rede erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Eugen Münch, "schiere Größe ist längst kein Erfolgskriterium mehr". "Wir brauchen eine sogenannte Sprunginnovation", erklärte Münch. Dies erfordere Mut statt "kleinkarierter Revierverteidigung". Neue Prozesse müssten in Gang gesetzt werden. In Marburg beginne man darüber zu sprechen, sagte der 70-jährige Rhön-Gründer. Künftig müsse bei Behandlungen zuerst modernste Technik eingesetzt werden, um die vielen Patienten mit maximaler Qualität so einzustufen, dass "wir die Kunst der Ärzte gezielt einsetzen können". Es gehe nicht darum, den Menschen der Technik zu unterwerfen, sondern deren Möglichkeiten auszuschöpfen.

"Wenn wir es richtig machen, können wir heute eine radiologische Volluntersuchung für weniger Geld bereitstellen, als uns eine Arztstunde von einem Spitzenmediziner kostet." Der Arzt setze dann ein, wenn die Aufgaben, die sich aus der großen Zahl von Patienten ergäben, gelöst würden. Damit würde das alte medizinische Prinzip - den Arzt und danach die Technik einzusetzen - umgekehrt, weil der Arzt heute die knappste und teuerste Ressource sei. Das sei vor 100 Jahren, als die Technik noch sehr teuer war, anders gewesen. Auch müsse das Unternehmen hier schnell agieren. Bevor eines Tages auch Lidl eine Scantechnik anbiete, so Münch.

Münch sieht nur minimalen Rückhalt für Arbeitnehmervertretung

Der Standort Marburg mit dem universitären Hintergrund von Forschung und Lehre wäre ein geeigneter Platz, diese neue Ansätze zu entwickeln und zu evaluieren, so Münch. Der neue Weg ermögliche die Einsparung von Geld und somit Preissenkungen.

Mehr Marktanteil, Steigerung der Investitions- und Wachstumsfähigkeit: Das verspricht sich der Rhön-Patriarch von neuen Wegen.

Die Oberhessische Presse hatte berichtet, dass Münch die Ansiedlung der ambulanten medizinischen Versorgung am Klinikum in Marburg forderte.

Seine Pläne waren auf Kritik unter den niedergelassenen Ärzten gestoßen. Der Aufsichtsrat sei für die Unternehmensentwicklung ein entscheidender Garant für Stabilität und Stärke, sagte Münch und gab den Vertretern der Arbeitnehmern alles andere als Vorschusslorbeeren. Sie "leiden unter schwindenden, gar homöopathischen Wahlbeteiligungen", so der Rhön-Gründer über die acht Aufsichtsratsmitglieder aus der Arbeitnehmervertretung.

In Marburg hätten sie gerade mal 677 von 4314 und in Gießen 425 von 4436 möglichen Stimmen bei Wahlbeteiligungen von 20 und 11 Prozent hinter sich. "Eine aus solch minimalen Rückhalt abgeleitete Mitbestimmung, ebenso wie auf einer solchen Minimalbasis geführte Tarifverhandlungen, erzeugen leicht überkompensierenden Aktionismus, der niemanden nutzt und dem Unternehmen schadet." Während der heutigen Versammlung in der Jahrhunderthalle sollen die acht Vertreter der Anteilseigner in den Aufsichtsrat gewählt werden. Als Vorsitzender des neuen Aufsichtsrats kandidiert erneut Münch.

Der neue Aufsichtsrat

Die Hauptversammlung der Rhön-Klinikum AG wählte am Mittwoch acht Aufsichtsratsmitglieder neu, das sind die Vertreter der Anteilseigner. Eugen Münch bleibt Aufsichtsratschef. Der neue Aufsichtsrat des Konzerns besteht nur noch aus 16 statt wie bisher 20 Mitgliedern. Der Grund: Durch den Verkauf von 43 Kliniken hatte sich auch die Zahl der Beschäftigten verkleinert.

Die acht Arbeitnehmervertreter wurden erst kürzlich durch Beschäftigte gewählt. Die Marburgerin UKGM-Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher und ihr Gießener Kollege Klaus Hanschur sowie der Marburger Björn Borgmann, Vorsitzender des Konzernbetriebsrates, haben nach den jüngsten Wahlen einen Sitz in dem Gremium erhalten. Borgmann ist erstmals im Aufsichtsrat.

(Die Arbeitnehmervertreter des UKGM im Aufsichtsrat von Rhön: Björn Borgmann , Bettina Böttcher (beide Marburg) und Klaus Hanschur (Gießen))

von Anna Ntemiris

Bericht folgt

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