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„Mit einem Ziel vor Augen ist alles zu schaffen“

Matthias Steiner „Mit einem Ziel vor Augen ist alles zu schaffen“

Der ehemals stärkste Mann der Welt, Matthias Steiner, gastierte am Donnerstag in der Hinterlandhalle. Im Gepäck hatte er neben seiner bewegenden Lebensgeschichte jede Menge Motivation.

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Matthias Steiner gab in der voll besetzten Hinterlandhalle einen Einblick in sein bewegendes Leben.

Quelle: Andreas Schmidt

Dautphe. Auf Einladung der VR Bank Biedenkopf-Gladenbach kam Steiner ins Hinterland - und viele Besucher trauten zunächst ihren Augen nicht. Denn der Athlet hatte in 2008 bei seinem Olympiasieg im Gewichtheben noch 150 Kilogramm auf die Waage gebracht.

Der Kämpfer Steiner will das Publikum motivieren

Davon ist ein knappes Drittel weg, wie Steiner lachend erzählte: Das Gewicht habe er sich anfuttern müssen, um in der höchsten Gewichtsklasse der Gewichtheber antreten zu können. „Das Zunehmen war schwerer als das Abnehmen“, sagt Steiner, der jetzt noch 105 Kilo wiegt und sich „wohler denn je“ fühlt.

Und dann erzählte der 32-Jährige aus seinem Leben - gespickt mit zahlreichen Schicksalsschlägen, von denen sich viele bestimmt hätten entmutigen lassen.

Doch Steiner ist ein Kämpfer. Daher will er seinen Zuhörern mit auf den Weg geben: Man kann alles schaffen - „das Allerwichtigste ist, dass man ein Ziel hat“, sagt er. Dann sei, je nach persönlicher Voraussetzung, alles zu erreichen.

So wie er scheinbar alles erreicht hat: „Wenn man das Ziel des stärksten Mannes der Welt erreicht hat, ist das Leben schön - aber das war es nicht immer.“

Mit zwölf Jahren hat er mit dem Gewichtheben angefangen, weil sein Vater auch diese Sportart ausübte. Schnell erzielte Steiner die ersten Erfolge, „mit 16 war es mein erstes Ziel, meinen Vater zu schlagen“, sagt er. Mit 17 stand die erste EM an - doch Steiners Trainer, der für ihn „wie eine Vaterfigur war“, erkrankte an einem Hirntumor und starb. „Da war die Kindheit vorbei, mit einem Schlag war ich erwachsen.“ Nur kurze Zeit später kam die nächste Zäsur: „Mit 18 habe ich die Diagnose ,Diabetes Typ I‘ bekommen, der Arzt hat mir gesagt, Gewichtheben ist vorbei“, so Steiner. Auslöser sei wohl eine verschleppte Grippe gewesen.

Der Athlet setzte sich über das Sportverbot hinweg, strampelte eine Stunde lang auf einem Heimtrainer, „und es ging. Man muss Dinge auch einfach mal probieren“, sagte der Sportler.

Er lernte, die Diabetes zu kontrollieren, „und Kontrolle passt auch gut zum Gewichtheben - Disziplin“, so Steiner. So war sein erstes großes Ziel, die Olympischen Spiele in Athen 2004, machbar.

Vorbereitung auf Olympia mit 950 Euro im Monat

Steiner gab seinen erlernten Sanitärberuf auf, suchte sich kleine Förderer und lebte von 950 Euro im Monat. „So sah das Leben eines zukünftigen Olympiasiegers aus, bevor er Olympiasieger ist“, sagte Steiner, der von den amateurhaften Strukturen des Österreichischen Verbandes berichtete. Denn die Unterstützung sei äußerst schlecht gewesen. Dennoch schaffte es Steiner nach Athen, wurde dort Siebter und war somit besser als „jeder Deutsche Gewichtheber“, wie er sagt.

Steiner war danach klar: Er musste in die Supergewichtsklasse wechseln, um weitere Erfolge zu erzielen. Also nahm er 40 Kilo zu, denn: „Beim Gewichtheben gewinnt nicht der Schönste, sondern der Stärkste.“ Die Gewichtszunahme sei „dem Ziel und dem Traum geschuldet, den ich hatte“.

Bei der Europameisterschaft 2005 kam es zum endgültigen Bruch mit dem Österreichischen Verband. Steiner wurde vorgeworfen, aus Unsportlichkeit drei ungültige Versuche im Wettkampf herbeigeführt zu haben. „Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten: Aufhören oder ein Nationenwechsel.“ Es sei nur Deutschland infrage gekommen, „das war sprachlich natürlich eine Herausforderung“, so Steiner lachend.

Er beantragte die Einbürgerung, die bei Spitzensportlern drei Jahre dauert - die Wartezeit überbrückte Matthias Steiner „mit Training und Warten, Warten, Warten. Denn an internationalen Wettkämpfen durfte ich nicht teilnehmen“.

In 2007 dann der nächste Schicksalsschlag: Steiners erste Ehefrau starb bei einem Unfall. Wieder habe es nur zwei Möglichkeiten gegeben: Aufhören oder Weitermachen. „Meine Welt stand still, ich kann nachvollziehen, wenn Menschen in einer solchen Situation sagen, dass es für sie jetzt auch vorbei ist“, erinnert sich Steiner.

Doch er habe weitergemacht, „denn ich hatte ein Riesen-Riesen-Ziel, und das war Olympia“. Darauf habe er sich fokussiert - letztendlich mit Erfolg.

Steiners Botschaft: „Es gibt in einer solchen Situation zwei Möglichkeiten: Entweder, man lässt sich hängen oder man geht weiter. Aber wenn man sich hängenlässt, wird das, was passiert ist, nicht ungeschehen. Es ist trotzdem passiert. Was nicht zu ändern ist, muss man hinter sich lassen - das ist zwar schwer, aber machbar. Und zwar mit einem Ziel.“

von Andreas Schmidt

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