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Mit Geld vom Bund in die Offensive

Vermittlungsprojekt für Schwerbehinderte Mit Geld vom Bund in die Offensive

Es ist ein ehrgeiziges Projekt von Arbeitsagentur und Kreisjobcenter: Bis Ende 2016 sollen mindestens 40 Schwerbehinderte einen neuen Job finden – dafür gibt es 917 000 Euro vom Bund.

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Die Beteiligten stellten am Montag das Projekt „In“ vor: Daniela Friedrich (von links), Birgit Sturmat-Rosenbaum, Marian Zachow, Volker Breustedt und Andrea Martin.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Im Januar vergangenen Jahres hatte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ein Programm zur „intensivierten Eingliederung und Beratung Schwerbehinderter“ aufgelegt – mit einer Fördersumme von insgesamt 50 Millionen Euro. „Da hieß es schnell sein, denn die Gelder wurden nach dem Windhund-Prinzip vergeben“, erinnert sich Andrea Martin, Leiterin des Kreisjobcenters (KJC).

Innerhalb weniger Wochen erarbeiteten KJC und Arbeitsagentur ein Konzept für das Projekt „In“, das ausgeschrieben den etwas sperrigen Titel „Inklusion durch Information, Beratung und Coaching, Innovative Personalentwicklung“ trägt. Und das mit Erfolg: Die heimischen Arbeitsvermittler erhielten die Zusage über Fördergelder in Höhe von 917 000 Euro. „Dazu mussten wir gut, spontan und flexibel sein, um als eine der ersten den Projektantrag einzureichen“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU).

Breustedt: Teures Projekt wird sich rechnen

Nach dem „Inklusionsbarometer 2014“ der Aktion Mensch ist die Situation schwerbehinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt kaum besser als im Mittel der vergangenen fünf Jahre. Die Quote der behinderten Menschen im Landkreis an allen Arbeitslosen beträgt 9,2 Prozent.  Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur, verdeutlicht: „Wir haben hier ein Projekt geschaffen, bei dem es nicht nur um Bewusstseinsschaffung geht. Denn wir werden beinhart an den Erfolgen gemessen werden.“ In dem Projekt sei festgeschrieben, dass man 40 Schwerbehinderte vermitteln werde.

Außerdem müsse man 350 Betriebe besuchen – „und diese auch betreuen, coachen und fitmachen in der Problematik, wie sie Schwerbehinderte in ihre Betriebe integrieren können“, wie Breustedt sagt. Die 917 000 Euro seien „eine Menge Holz“. Aber das Projekt würde sich schon dann rechnen, „wenn wir nur 15 Menschen mit Schwerbehinderung für jeweils ein Jahr unterbekämen“. Denn die gesamtwirtschaftlichen Kosten eines Arbeitslosen lägen laut aktueller Hochrechnungen bei rund 60 000 Euro im Jahr.

Ende 2016 soll zudem auch nicht Schluss sein. Denn die Beteiligten erhoffen sich von dem Projekt, dass am Ende – neben den Vermittlungen – auch ein standardisiertes Konzept entstanden ist, mit dem sich arbeitslose Schwerbehinderte leichter vermitteln lassen. Alles andere als standardisiert geht es allerdings bei den Projektteilnehmern zu: Diese werden ganz individuell betreut, wie Andrea Martin berichtet.

Martin: Psychische Situation steht im Vordergrund

Sie weiß: „Die schwerbehinderten Arbeitslosen sind im Grunde besser qualifiziert als nicht schwerbehinderte Arbeitslose. Außerdem ist die Motivation zur Arbeitsaufnahme um ein Vielfaches höher.“ Dennoch seien diese Personen besonders betroffen von Arbeitslosigkeit – und wären durch ihre Situation häufig psychisch belastet.

„Wenn man sich vorstellt, dass besonders diejenigen, die unbedingt arbeiten wollen, die auch in ihre Berufsausbildung viel investiert haben, besonders häufig arbeitslos sind und besonders lange arbeitslos sind und vielleicht auch noch aufgrund ihrer Behinderung ohnehin von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind – dann kann man sich vorstellen, dass diese Personen besonders leiden“, fasst die KJC-Leiterin zusammen. Dies könne durchaus zu einem eigenständigen Vermittlungshemmnis werden. Daher habe man die psychische Situation der arbeitslosen Schwerbehinderten in den Vordergrund des Projektantrags gestellt.

Von dem Projekt erhoffe man sich auch Erkenntnisse, wie man Arbeitgeber künftig von der Einstellung Behinderter überzeugen könne. „Praktika, direkte Vorstellung mit den betroffenen Menschen, Einreichen von Bewerbungsunterlagen – was ist eigentlich zielführend? Darüber erhoffen wir uns Aufschluss“, so Andrea Martin. „Wir haben in der Vergangenheit schon die Erfahrung gemacht, dass es durchaus helfen kann, wenn man zum Chef eines Betriebs vordringt und nicht im Personalbüro hängenbleibt“, sagt sie.

So könne die Sensibilisierung für die Problematik bei den Arbeitgebern durchaus erhöht werden. Die Schwelle für Behinderte, in den Betrieb zu kommen, sei häufig zu hoch. Andrea Martin weiß: „Wenn sich die Tür erst einmal geöffnet hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Menschen im Betrieb bewähren, sehr hoch.“Dass man den Antrag so früh eingereicht habe, habe sich bewährt. Denn obwohl Bewerbungen theoretisch noch bis Juni diesen Jahres möglich seien, ist das Fördergeld schon längst weg.

Kündigungsschutz kann Einstellungshemmnis sein

Als Kooperationspartner wurde das Berufsbildungszentrum (BBZ) Marburg ausgewählt. Denn der besondere Charakter des Projektes, das neben der direkten Arbeitsmarktintegration auch die psychische Stabilisierung und Motivation der betroffenen arbeitslosen Menschen in den Fokus nimmt, erforderte sowohl eine besondere Arbeitsmarktnähe als auch besondere Kompetenzen in der Gesundheitsfürsorge und Rehabilitation.

Das BBZ Marburg arbeitet mit seiner Fachabteilung „berufliche Rehabilitation“ seit 30 Jahren intensiv mit Betrieben, Institutionen sowie Kliniken und Einrichtungen der Rehabilitation zusammen. Birgit Sturmat-Rosenbaum, Geschäftsführerin des BBZ, weiß, dass bei vielen Arbeitgebern das Wort „schwerbehindert“ direkt die Assoziation mit dem Rollstuhl weckt – und auch, dass das Thema „Kündigungsschutz“ viele Arbeitgeber von Einstellungen abhält. Doch gehe es nicht darum, „eine Behinderung einzustellen – sondern eine gut ausgebildete Fachkraft“, sagt sie.

45 weitere schwerbehinderte Teilnehmer sollen im Projekt aktiviert und für eine Integration vorbereitet werden, und 15 Personen außerhalb des Projekts können durch die intensivierte Beratung und Betreuung von Betrieben zusätzlich durch die Besetzung bislang unbesetzter Pflichtarbeitsplätze integriert werden.

Durch ein zielgruppenspezifisches individuelles Coaching sollen die Teilnehmer systematisch auf die Eingliederung in den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Die enge Begleitung bietet permanente Unterstützung während des gesamten Prozesses, insbesondere bei auftretenden Schwierigkeiten oder Hemmnissen.

von Andreas Schmidt

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