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90-Jähriger steht täglich in seinem Geschäft

Laden ist Hans Linnes Lebenselixier 90-Jähriger steht täglich in seinem Geschäft

Seit mehr als 65 Jahren 
arbeitet Hans Linne in 
seinem Lebensmittelgeschäft in Simtshausen. Im November wurde er 
90 Jahre alt – ans Aufhören denkt er aber nicht.

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Mit 90 Jahren steht Hans Linne immer noch täglich hinter der Kasse seines Lebensmittelgeschäfts in Simtshausen – und das nun schon seit mehr als 65 Jahren. Foto: Andreas Schmidt

Quelle: Andreas Schmidt

Simtshausen. Dass Hans Linne eines Tages selbstständig werden würde, zeichnete sich eigentlich schon früh ab. „Ich habe in Marburg bei Handschuh-Naumann am unteren Steinweg meine Lehre gemacht“, erzählt er. Doch bevor Linne anfangen konnte, im Handel zu arbeiten, kam der Zweite Weltkrieg dazwischen: Hans Linne wurde eingezogen, musste mit seinen 16 Jahren zum Arbeitsdienst nach Korbach. „Meine Lehre war noch nicht ganz beendet“, erinnert er sich, „aber ich habe dann noch schnell meine Prüfung gemacht“, sagt er – und dann kam der Krieg.

Auf der „Hainbirke“ in Korbach absolvierte er seine Grundausbildung, danach musste er nach Frankreich. In Carcassonne war er ebenso eingesetzt wie in Tarbes in den Pyrenäen. „Dann kam der Rückzug, es ging von den Pyrenäen bis nach Villefranche auf der Höhe von Straßburg“, erinnert sich der 90-Jährige.

Plan zur Flucht mit Bettnachbarn geschmiedet

Weiter ging es in das Rhône-Tal, wo Linne in Kriegsgefangenschaft geriet – mit gerade einmal 17 Jahren. „Drei Jahre und vier Monate dauerte die Gefangenschaft. Dann schafften wir es, zu fliehen“, erzählt er.

Den Plan zur Flucht schmiedete er mit einem Bettnachbarn. Gemeinsam wollten sie durch das Rhône-Tal in die Schweiz fliehen. „Aber mein Kumpel hat im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Er hatte mir aber vorher von zwei weiteren Männern erzählt, die ebenfalls ausreißen wollten.“

Zusammen machten sie sich auf den Weg, immer in Gefahr, entdeckt und wieder gefangen genommen oder gar erschossen zu werden. „Wir sind immer nur nachts marschiert, tagsüber haben wir uns versteckt gehalten“, sagt Hans Linne. Unterwegs stießen die drei auf eine weitere Gruppe von Flüchtlingen, gemeinsam setzten sie den Weg fort. „Einige wurden erwischt, aber für mich ging alles gut.“

Sein Vater hat ihn nach dem Krieg zunächst nicht erkannt

Die Gruppe schlug sich in die Schweiz durch, kam nach einigen Tagen in Genf an. „Ein Mann hatte uns erzählt, dass wir uns am Bahnhof verstecken sollten, um um 3 Uhr auf einen Güterzug zu springen, mit dem wir bis Basel kämen. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen.“

Denn ein Schweizer, mit dem Linne Kontakt hatte, hatte erfahren, dass Kriegsgefangene, die keine Verbrechen begangen hätten, nichts geschehe. „Also haben wir uns gestellt – zwei Tage lang wurden wir im Gefängnis befragt und dann nach Basel gebracht.“ Dort ging die Befragung weiter – „da sich nichts ergeben hat, wurden wir mit einem Jeep nachts über die Grenze nach Deutschland gebracht.“

Mit dem Zug reiste Linne über mehrere Stationen zurück in die Heimat – nach fast dreieinhalb Jahren Gefangenschaft kam er in Marburg an, fuhr dann weiter in seinen Geburtsort Münchhausen.
„Mein Vater hat mich zunächst nicht erkannt, da hätte ich beinahe geheult“, sagt Hans Linne, dem die Erinnerung merklich sehr nahe geht. „Von der Zeit ist vieles hängen geblieben, das hat mich geprägt.“ Zwar sei er unverletzt geblieben, „aber wir sind in der Zeit nie richtig satt geworden“, erinnert er sich.

In der ganzen region Textilien verkauft

Doch das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang auf: Linne arbeitete zunächst erneut bei Naumann in Marburg. Der Münchhäuser lernte einen Mann aus Guernsey kennen, der ebenfalls Kaufmann war. „Mit dem habe ich mich zusammengetan, und wir haben in der ganzen Region Textilien verkauft.“ Da sein Geschäftspartner gelernter Drogist und Fotograf war, reisten sie auch über die Dörfer und machten Fotos, die die Menschen für ihre Pässe brauchten.

Nach der Hochzeit des Geschäftspartners trennten sich die Wege der beiden langsam. Dennoch hatten sie gemeinsam einen Laden in Wiesenfeld, außerdem übernahmen sie das Geschäft von Hans Linnes Schwester in Mellnau.

Hans Linne baute mithilfe seiner Eltern sein Wohnhaus in Simtshausen – inklusive des noch heute bestehenden Ladens, der in 1951 eröffnete. Seither steht Hans Linne jeden Tag in seinem Geschäft. „Es macht mir einfach Spaß“, sagt er – auch wenn er die Konkurrenz durch die großen Supermärkte in den umliegenden Orten durchaus merkt.

„Ich habe alle Ein- und Verkaufspreise im Kopf“

„Heute würde ich das Risiko wohl nicht mehr eingehen“, sagt er, „denn man braucht viel mehr Fläche.“ Dagegen könne er mit seinen 130 Quadratmetern nicht punkten. Und es gibt „alles, was man so braucht. Außerdem werden wir auch von einem Bäcker und einem Metzger beliefert.“ Etwa 30 Kunden hat er am Tag, „am Samstag auch mal mehr“, erzählt er.

Der Laden funktioniere, weil Linne kein Personal einstellen müsse. Als seine Frau vor acht Jahren verstarb, übernahm die „nächste Generation“ den Laden: Tochter Dagmar gemeinsam mit ihrem Mann Dieter Rohleder. Sie sagt: „Der Laden ist sein Lebenselixier.“ Daher hält der Senior die Fäden auch weiter in der Hand, „mir tut die Arbeit gut“, sagt er. Und fügt mit Stolz hinzu: „Ich habe alle Ein- und Verkaufspreise im Kopf.“

Bestellungen, die heute eigentlich per Computer übers Internet ausgeführt werden, schreibt Hans Linne immer noch per Hand – zweimal wöchentlich hält ein Vertreter auf dem Weg nach Cölbe bei ihm an und nimmt die Bestellung mit. Und wenn die Lieferungen kommen, dann packt der 90-Jährige sie selbst aus – „meine Tochter hilft mir aber“.
Und wie lange will er den Laden noch führen? „So lange es geht“, sagt er lachend.

von Andreas Schmidt

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