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Mit 56 Jahren im Traumjob gelandet

Arbeitsmarkt Mit 56 Jahren im Traumjob gelandet

Die Arbeitsmarkt-Statistik des Landkreises liest sich sehr positiv. Doch rund ein Drittel aller gemeldeten Arbeitslosen sind älter als 50 Jahre - um sie kümmert sich in der Arbeitsagentur das Team „Lila“.

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Britta Schurz (von links), Rita Neidhardt, Volker Breustedt und Christian Betz mit Janina Uhlig: Die 56-Jährige hat einen Job im DRK-Kleiderladen in der Oberstadt gefunden.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Älter als 50, Berufs- und Lebenserfahrung vorhanden und auf der Suche nach einer neue Arbeitsstelle - das ist eine Situation, die nicht immer einfach ist, aber gemeistert werden kann. Denn das Team „Lila“ der Arbeitsagentur Marburg, im Sommer gegründet, hat sich darauf spezialisiert, ältere Arbeitssuchende zu vermitteln. Denn diese machen rund ein Drittel der Arbeitslosen im Landkreis aus: Gut 1400 Menschen jenseits der 50 suchen eine Stelle im Kreisgebiet, in Marburg sind es 804.

„Lila“ steht dabei für „Lebensältere in Langzeitarbeit“. Britta Schurz ist eine von fünf Fachkräften im Team. Und sie hat nun, gemeinsam mit Agenturleiter Volker Breustedt, Rita Neidhardt vom „Zentrum für Integration und Bildung“ (Zib) und Christian Betz, Geschäftsführer des DRK Marburg, eine erfolgreich vermittelte Arbeitnehmerin besucht: Janina Uhlig (56) arbeitet seit einigen Wochen im Kleiderladen des Roten Kreuzes in der Marburger Oberstadt.

Es gehe darum zu schauen, „was die Agentur tun kann, um nach mehr oder weniger unterbrochenen Berufsbiographien wieder neu starten zu können“, erläuterte Dr. Heike Beber, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit.

Für Christian Betz ist indes klar: „Wir haben nur gute Erfahrungen mit älteren Mitarbeitern gemacht.“ Und der Geschäftsführer weiß, wovon er redet: „Ich führe die Geschäfte auch in Gießen, dort haben wir bereits vier Mitarbeiter aus dem Programm 50plus eingestellt.“ Die Kollegen benötigten „ein besonderes Pfund an Lebenserfahrung, denn manchmal ist es nicht einfach hier. Da muss man schon etwas kampferprobter sein“, so Betz.

Lebenserfahrung gefragt

Zwar sei es „ganz angenehm“, dass es eine Förderung gebe, doch sei dies nicht der ausschlaggebende Punkt zur Einstellung gewesen. „Mir kommt es darauf an, dass ich Leute bekomme, die Erfahrung haben.“

Britta Schurz vom Team „Lila“ betonte, dass es „eine sehr enge Kontaktdichte“ zu den Kunden gebe. Man schaue beispielsweise auch nach fehlenden Qualifizierungen, „um dort gezielt anzusetzen“, sagt sie. Denn häufig scheitere eine Bewerbung trotz aller Erfahrung an nur einem Punkt - und die könne man erlernen.

Arbeitgeber erhalten für die Personalkosten einen Zuschuss von der Arbeitsagentur. Der ist jedoch nicht generell festgelegt. „Es gibt keine 100 Prozent“, sagt Volker Breustedt. Vielmehr werde immer individuell auf die Fähigkeiten des Arbeitnehmers geschaut. Breustedt macht jedoch klar: Vor dem Demografiewandel und den anstehenden Pensionierungswellen seien Arbeitgeber „viel mehr darauf angewiesen, auch auf Menschen zuzugehen, die sie vorher nicht genommen hätten“. Daher sei es immer wichtiger, individuelle Lösungen anzubieten - „und das geht nur, wenn man in ein Projekt deutlich mehr Zeit investiert“.

Janina Uhlig hat zunächst einen Wiedereinstiegskurs für Frauen des Zib absolviert. Schulung und Praktikum, ebenfalls gefördert über die Marburger Arbeitsagentur, ebneten den Weg ins Erwerbsleben. Und mit dem anschließenden Eingliederungs-zuschuss der Arbeitsagentur passte alles zusammen.

Rita Neidhardt sagt: „Sie war die Älteste im Kurs und hat immer gesagt, dass sie am liebsten in den Verkauf wolle.“ Sie habe sich auf den Job beworben, ihn bekommen. „Als ich sie dann zum ersten Mal im Laden besucht habe, dachte ich, da steht eine andere Frau. Die leuchtenden Augen - das hat gezeigt: Das ist es.“

Qualitäten sichern

Sie fordert, dass Arbeitgeber auch für ältere Arbeitnehmer offen sind. Denn die Menschen brächten so viele Qualitäten mit, die nicht verloren gehen dürften. Die älteren Arbeitslosen hätten Erfahrung, seien belastbar, „und auch die Kinder sind schon aus dem Haus“.

Janina Uhlig sagt: „Das ist genau der richtige Beruf für mich.“ Sie erzählt: „Mit sechs Jahren habe ich im elterlichen Betrieb angefangen zu arbeiten, ich habe Waren ausgezeichnet, ich bin im Verkauf aufgewachsen“, erzählt sie. Von Spiel- und Schreibwaren bis hin zu Lederwaren hat sie bisher Erfahrungen gesammelt. „Ich bin es gewohnt, auch im Weihnachtsgeschäft alleine klarzukommen“, erzählt sie. Beste Voraussetzungen also, auch im Kleiderladen „ihre Frau“ zu stehen.

Sie hätte nie geglaubt, einen solchen Job zu bekommen, denn: „Nur Verkäuferin, das wäre mir zu wenig gewesen.“ Jetzt sei sie auch für das Ordern und Präsentieren der Ware zuständig, „ich kucke, dass es läuft“.

von Andreas Schmidt

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