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Minus liegt bei 750 000 Euro monatlich

UKGM Minus liegt bei 750 000 Euro monatlich

Im voll besetzten Hörsaal fand am Mittwoch die Betriebsversammlung am Marburger Uniklinikum statt. Dabei ging es auch um den bereits am Mittwoch in der OP beschriebenen Stellenabbau.

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Während der Betriebsversammlung machten auch die Auszubildenden auf ihre Situation aufmerksam: Ein Großteil von ihnen wird wohl nicht übernommen werden.

Quelle: Foto: Andreas Schmidt

Marburg. Gut 500 Mitarbeiter kamen in den Hörsaal am Klinikum, um sich von Betriebsrat und Geschäftsführung informieren zu lassen. Dabei blieb es erstaunlich ruhig, als das Thema Stellenkürzungen angesprochen wurde. „Das führe ich darauf zurück, dass unter den Beschäftigten mittlerweile eine gewisse Resignation herrscht“, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Demper im Gespräch mit der OP.

Zunächst erläuterte jedoch Björn Borgmann vom Konzernbetriebsrat, dass er aufgrund des kürzlich beendeten Aktienrückkauf-Programms immer wieder gefragt werde, was sich nun an der Eigentümer-Struktur ändere. Er sei schon häufiger angesprochen worden, dass es Gerüchte um den Verkauf oder um den Einstieg anderer Beteiligter gebe.

„Seien Sie als Beschäftigte hier vor Ort versichert: An der Tür wird erst mal Uniklinikum stehen bleiben“, so Borgmann. Ende der Woche werde feststehen, ob es Veränderungen in der Eigentümerstruktur gegeben habe. Sowohl der Betriebsrat vor Ort als auch der Konzernbetriebsrat würden sich weiterhin dafür einsetzen, „wie wir für Sie als Beschäftigte das Beste herausholen können“.

Keine Übernahmegarantie für Azubis

Emotional wurde es, als ein Teil der Auszubildenden sich vor dem Auditorium aufbaute – mit Schildern in der Hand: „Wir sind hier und jetzt...?“ Damit wollten sie auf ihre prekäre Situation hinweisen, denn die Geschäftsleitung habe ihnen mitgeteilt, dass man sie zum Teil nicht übernehmen könne.

Man fordere für alle Auszubildenden eine gesicherte Übernahme – denn man könne nicht mit einem Kino-Spot um Azubis werben, um diese dann vor die Tür zu setzen. „Wir haben hart gearbeitet und würden gerne übernommen werden“, so eine Auszubildende. Die Geschäftsleitung betonte allerdings, dass man sich in einer Phase befinde, „in der gewisse Dinge neu justiert“ würden. Daher könne es derzeit keine Übernahmegarantie geben.

Ein weiterer wichtiger Punkt vonseiten des Betriebsrats war der Komplex Überstunden: „Wir stellen fest, dass der Überstundenstand stetig ansteigt – im September sind wir über alle Berufsgruppen hinweg bei 121 000 Überstunden gelandet“, verdeutlichte Demper. Das entspräche gut 60 Vollzeitstellen, „die Arbeitsleistung dieser Vollkräfte wird zum großen Teil von den Leuten, die hier heute sitzen, mit erbracht“, so Demper. Dabei würden die Überstunden krank machen – in 15 Monaten gebe es 600 Dauerkranke. „Das Thema muss auf andere Füße gestellt werden. Denn das sind fast 2,5 Millionen Euro, die die Beschäftigten dem Unternehmen zinslos zur Verfügung stellen“, so Demper.

Man untergrabe den Tarifvertrag, denn dort sei geregelt, dass die Überstunden innerhalb von zwölf Wochen ausgeglichen werden müssten – das sei aber nicht möglich. Die Geschäftsführung argumentierte, man habe 100 000 Überstunden durch die Übernahme „geerbt“, die Zahl sei von Dezember 2013 (127 000) auf die jetzigen 121 000 leicht gesunken.

Weiß versichert erneut: Keine Kündigungen

Dr. Gunther Weiß, kaufmännischer Geschäftsführer, präsentierte die Kernzahlen des Unternehmens: Die Fallzahl liege mit 3600 Patienten im Monat ungefähr bei der des Vorjahres – allerdings verdiene man daran weniger Geld. Denn die Behandlungsschwere, nach der die Krankenkassen bezahlen, sei gesunken. Zudem seien die Personalkosten um 3,7 Prozent gestiegen. „De facto machen wir eine dreiviertel Million pro Monat Minus“, sagte Weiß. Dass derzeit lediglich ein Gesamt-Minus von einer Million in den Büchern stehe, liege an Rückstellungs-Auflösungen.

Aus diesem Grund müsse man nach Einsparpotenzialen ebenso suchen wie nach neuen Erlösquellen. Daher halte man daran fest, Betten neu zu verteilen und ein neues Pflegekonzept zu etablieren ( die OP berichtete am Mittwoch). Und dazu gehöre auch der „moderate Stellenabbau“ von 44 Kräften – es werde „keine betriebsbedingten Kündigungen“ geben, versicherte Weiß.

Die Ankündigung der Stellenstreichung rief auch das Aktionsbündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“ auf den Plan. „Die UKGM-Geschäftsführung hat angekündigt, ‚an einigen Stellschrauben zu drehen‘, um die ‚unbefriedigende wirtschaftliche Entwicklung‘ zu verbessern. ‚Betriebsbedingte Kündigungen‘ seien zwar ‚nicht geplant‘, aber durch diese Wortwahl eben auch nicht ausgeschlossen. Die Aussagen der Unternehmensführung erfüllen uns mit großer Sorge“, teilte das Bündnis am Mittwoch mit.

Stellen nicht verrechnen

Der Verweis darauf, dass 70 Stellen aufgebaut worden seien, überzeuge nicht. „Wenn das Klinikum um neue Bereiche erweitert wird, braucht es auch mehr Personal. Das kann nicht mit anderen Bereichen verrechnet werden“, lautet die einhellige Überzeugung der Bündnissprecher Monika Biebusch, Dieter Unseld und Jan Schalauske.

Die Landesregierung dürfe vor den neuen Entwicklungen nicht die Augen schließen und tatenlos zusehen. „Wir erwarten, dass sich das Wissenschaftsministerium einschaltet und sich unmissverständlich gegen den angekündigten Stellenabbau ausspricht.“

Auch müsse die Landesregierung von der Rhön-AG ein Konzept verlangen, wie es nach dem Verkauf von rund 40 Krankenhäusern mit der geschrumpften „Rest-Rhön-AG“ weitergehe. Das Bündnis erwarte zudem von der Landesregierung, dass eine sich eventuell eröffnende Möglichkeit zur Rückkehr des UKGM in öffentliches Eigentum ergriffen wird – nämlich dann, wenn sich durch das Aktien-Rückkaufprogramm eine neue Situation ergebe.

Auch der Marburger SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Thomas Spies meldete sich am Mittwoch zu Wort. „Angesichts der allgemein bekannten, notorischen Belastung des Pflegepersonals bis an und über die Grenzen hinaus kann ich schwerlich nachvollziehen, wie ein weiterer Personalabbau um Uniklinikum gerechtfertigt werden kann“, sagte er in Wiesbaden.

Spies: Gespannt auf Bericht des Ministers

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier habe vor der Landtagswahl wiederholt ein Moratorium beim Stellenabbau versprochen. „Jetzt muss die Landesregierung erklären, wie sie als Miteigentümer zu den neuerlichen Entwicklungen steht und was sie dagegen tun will“, so Spies.

Der Abgeordnete habe deshalb namens der SPD-Fraktion Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) aufgefordert, heute zu berichten. „Wir sind gespannt, wie die Landesregierung und insbesondere die Koalition von CDU und Grünen dazu steht“, so Spies. Insbesondere wolle Spies wissen, inwieweit die Vereinbarungen des Kaufvertrags zum Verhältnis der Standorte eingehalten würden und wie die Landesregierung das kontrolliere.

„Die Aufgabenverteilung zwischen Marburg und Gießen ist Teil des Vertrages“, so Spies. Davon könne Rhön nicht eigenmächtig abweichen. Deshalb sei schwer verständlich, wie es zu einer angeblich so unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung der Standorte kommen könne. „Hier ist die Landesregierung in der Pflicht, für Ausgleich zu sorgen, auch im Interesse von Forschung und Lehre – die das Land mit über 60 Millionen Euro finanziert“, fordert Spies.

von Andreas Schmidt

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