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Migranten als unentdecktes Potenzial

Unternehmer diskutieren Migranten als unentdecktes Potenzial

Selbstkritische Worte eines Geschäftsführers, ermutigende Perspektive eines Wissenschaftlers, nüchterne Zahlen eines Arbeitsamtschefs: Unternehmer bekamen Anstöße, sich mit dem Thema Migranten in ihrer Firma auseinanderzusetzen.

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Migranten werden benötigt: So lautete der Tenor der Afk-Sitzung am Montag.Fotos: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Abend begann und endete mit Bekenntnissen: Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) erklärte, die Stadtverwaltung habe einen Migranten-Anteil von nur sieben Prozent. Das sei zu wenig. „Es geht noch schlimmer“, folgte wenig später Stefan Waldschmidt, Personalleiter der Firma Pharmaserv. Weniger als vier Prozent Migranten habe sein Unternehmen, räumte er vor mehr als 80 Firmenchefs und Inhabern ein. So mancher Zuhörer rechnete im Kopf nach, überflog die Personaldaten seiner Mitarbeiter. Wo liegt der Durchschnitt im eigenen Unternehmen? Den Veranstaltern, dem Arbeitskreis für Kommunal- und Wirtschaftsfragen (AfK) Marburg, ging es nicht um Statistiken und Quoten. Auch nicht um die Festlegung von Positionen. „Das können und wollen wir nicht“, so AfK-Vorsitzender und Pharmaserv-Geschäftsführer Thomas Janssen.

Der AfK bietet aber drei Vorträge aus Wissenschaft und Praxis an, um eigene Positionen kritisch zu hinterfragen. Marketing-Professor Andreas Vlasic aus Mannheim erklärte: „Ohne Zuwanderung würde die hiesige Gesellschaft immer älter und immer weniger werden. Es ist eine Frage der ökonomischen Vernunft, dass Einwanderer integriert werden.“

Migranten als Arbeitnehmer, als Unternehmer, als Konsu­menten: Sie kurbeln die deutsche Wirtschaft an, sagte Vlasic und untermauerte seine Thesen durch Zahlen.

Das böse A-Wort

Doch es gibt auch Statistiken, die ein anderes Bild aufzeigen: Unter den Erwerbslosen gibt es einen hohen Teil von Migranten ohne Schulabschluss. Doch wer ist überhaupt Migrant? Die Begriffe, die Definitionen sind eine Herausforderung für Menschen mit besten Sprachkenntnissen - räumt auch Vlasic ein. Die Agentur für Arbeit unterscheidet Migranten mit oder ohne eigene Migrationserfahrung. Egal, welche Definition, der Kern der Aussage: Bildung ist der Schlüssel für eine gelungene Integration. Vlasic warb dafür, das „böse A-Wort“ Assimilation wertfrei zu betrachten. Wenn sich Menschen mit Migrationshintergrund in strukturellen Punkten wie Bildung und Einkommen der Mehrheitsgesellschaft angleichen, könne man von Integration sprechen. „Es geht nicht um Essen, Kultur oder Religion“, so Vlasic.

Bildung ist auch ein Schlüsselwort für den Chef der Marburger Agentur für Arbeit, Volker Breustedt. 35 Prozent der Arbeitslosen unter den Ausländern haben keinen Schulabschluss. Zwar gibt es in der Region im Vergleich zu anderen Landkreisen kein eklatantes Arbeitslosenproblem, doch gefährdet sind diejenigen, die keine Abschlüsse vorweisen. „Fehlende Qualifikation ist der Grabstein für das Vorankommen von Ausländern“, so Breustedt.

Was sollten Politik und Wirtschaft tun? „Vielleicht nicht noch eine interkulturelle Woche veranstalten, sondern mehr Förderunterricht anbieten“, rät Vlasic. Und Arbeitgeber sollten der Zielgruppe zuhören, um herauszubekommen, wie sie neue Gruppen in ihren Unternehmen gewinnen können.

Das hat Pharmaserv gemacht: Das Unternehmen hat sich zunächst mit der demografischen Entwicklung auseinanderge­setzt und dann wissenschaftliche Begleitung gesucht, um herauszufinden, warum kaum Menschen mit Migrationshintergrund unter den Bewerbern sind. „Wir wollen nicht auf Teufel komm raus bunter werden“, fügte er hinzu.

Die Erziehungswissenschaftlerin Meriem Chenini hat für ihre Master-Arbeit Erkenntnisse aus Umfragen geliefert: Das Unternehmen vermittele den Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft. Dieser Eindruck schaffe Barrieren, erklärte Waldschmidt. Selbstkritische Aussagen, die in der Wirtschaftswelt selten öffentlich zu hören sind. „Wir wollen klarstellen, dass Vitamin B(eziehung) nicht das Vitamin Q(ualifikation) ersetzt“, so Waldschmidt. Er garantiere diskriminierungsfreie Prüfung der eingehenden Bewerbungen, frage aber auch: „Sind wir möglicherweise noch unsicher im Umgang mit einzelnen Bewerbergruppen?“ Auch darüber solle man selbstkritisch nach­denken. Wichtig sei, dass Pharmaserv gezielter auf Menschen mit Migrationshintergrund zugehen möchte; in den Schulen offener als Ausbildungsstätte aufzutreten sei ein Weg.

Stefan Waldschmidt hat noch keine Lösungen gefunden, aber das Ziel vor Augen: Mehr qualifizierte Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen als Arbeitnehmer gewinnen.

von Anna Ntemiris

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