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Mensch und Umwelt stehen im Fokus

Gemeinwohl-Ökonomie Mensch und Umwelt stehen im Fokus

Wie wirkt sich das Handeln einer Firma auf die Umwelt aus? Und wie werden Mitarbeiter behandelt? Das haben zwei Marburger Unternehmen für sich hinterfragt und mit einer Gemeinwohl-Bilanz untersucht.

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Zwei Firmen aus Frankfurt und zwei aus Marburg haben zusammen eine Gemeinwohl-Bilanz für ihre Unternehmen erstellt. Die ­Ergebnisse haben sie Bürgermeister Dr. Franz Kahle im Rathaus vorgestellt.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Eine Gemeinwohl-Bilanz soll aufzeigen, wie sich das Handeln einer Firma auf bestimmte Werte, wie Nachhaltigkeit, Solidarität und soziale Gerechtigkeit und damit auch auf die nächste Generation auswirkt. Das erklärte Jörg Wittich von der Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ).

Diese Bewegung zielt auf ein alternatives Wirtschaftssystem, bei dem das Gemeinwohl und nicht das Streben nach Gewinn im Mittelpunkt stehen ( die OP berichtete). Wie viel ein Unternehmen für das Gemeinwohl tut, lässt sich mit einer Bilanz ablesen, die laut Wittich eng begleitet mit geschulten Auditoren erstellt wird.

In Marburg haben nun die Unternehmen Foster Naturkleidung und die Gesellschaft für angewandte Kommunalforschung (Gefak) ihre erste Gemeinwohl-Bilanz erstellt und im Rathaus vorgestellt. „Diese Bilanz gibt uns die Möglichkeit zu schauen, wie ethisch wirksam das ist, was wir tun“, sagte Lars Volkmer von der Firma Foster. Seine Kernerkenntnis durch die Bilanz: Foster sei im Kerngeschäft – der Naturbekleidung – ganz oben und bekomme viele Punkte, in anderen Bereichen sei das Unternehmen dann aber „so konventionell wie jede andere Firma“.

„Alte deutsche Gewohnheit über Bord werfen“

Da wolle Volkmer nun ansetzen und mehr für die betriebliche Demokratie tun. Auch wolle er sich transparenter für Kunden machen und dabei etwa Einkommensspreizung und Verwendung des Gewinns offenlegen – und die „alte deutsche Gewohnheit“, dass man über Geld nicht spreche, über Bord werfen. „Diese Bilanz ist ein nützliches Werkzeug, um herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen liegen“, zog er Bilanz aus dem Prozess.

Laut Josef Rother beschäftigt Gefak sich schon seit acht Jahren mit den Fragen, wie das Unternehmen seinen Erfolg messen kann und ob der Mitarbeiter weiß, wofür er morgens aufsteht. Für das mitarbeiter­geführte Unternehmen mit einem solidarischen Gehaltsmodell sei die GWÖ daher eine Antwort: Sie biete konkrete Möglichkeiten, Abläufe in einer Firma zu optimieren. Viele Punkte hat sein Unternehmen beispielsweise im Punkt „ökologische Nachhaltigkeit“ – denn es gebe keine Firmenwagen, die Mitarbeiter fahren mit dem Rad oder der Bahn zu Terminen.

Wittich: Prinzip gilt auch für andere Bereiche

Laut Wittich sollen künftig noch mehr Firmen in Marburg und Umgebung für die Bewegung GWÖ begeistert werden – und sich bilanzieren lassen. „Das bereits vorhandene Anreizsystem wollen wir dafür weiterentwickeln“, erklärt Wittich. Beispielsweise wolle die Bewegung darauf hinarbeiten, dass für GWÖ-Unternehmen ein ermäßigter Umsatzsteuersatz gelten könne – oder das bei öffentlichen Ausschreibungen Firmen mit einer Gemeinwohl-Bilanz bevorzugt würden. „So etwas gibt es bereits in Südtirol“, sagte Wittich. Rother ergänzte, dass seine Firma bereits Aufträge bekommen habe, weil sie nachhaltig arbeite: „Das können auch in Deutschland Kommunen als Punkt in ihre Ausschreibungen aufnehmen.“

Laut Wittich ist die Gemeinwohl-Bilanz nicht nur auf Firmen anwendbar. Auch Kommunen, Schulen und Freiberufler könnten damit sehen, was sie für das Gemeinwohl tun. „Das kann auch ein Motivator sein“, so Rother. „Die Bilanz zeigt, was jemand freiwillig zusätzlich für die Mitarbeiter und die Gesellschaft macht.“ Das helfe dabei, in einer Bewertung wegzukommen von der Fokussierung auf das Geld als Instrument zur Erfolgsmessung. „Kommunen werden oft auf die finanzielle Betrachtung reduziert“, sagte Rother. Dabei haben sie viele Aufträge für das Gemeinwohl zu erfüllen, an denen sie ebenfalls gemessen werden könne.

Bilanzierungsprozess dauert etwa sechs Monate

Die GWÖ-Initiative will laut Rother nun verstärkt bei Marburger Unternehmen dafür werben, der Bewegung beizutreten und sich ebenfalls bilanzieren zu lassen. Sowohl die Gemeinde Cölbe als auch Hof Fleckenbühl seien bereits sehr interessiert. Der Prozess der Gemeinwohl-Bilanzierung dauert laut Rother und Volkmer etwa sechs Monate.

Foster Naturkleidung habe dafür etwa 120 Arbeitsstunden investiert, Gefak 200 Stunden Arbeitszeit. Abhängig von der Anzahl der Mitarbeiter kommen ein Jahresbeitrag für die GWÖ-Initiative und Kosten für den Begleitprozess zur Bilanzierung zustande. Laut Rother hat Gefak 1100 Euro für den Prozess bezahlt und zahlt 400 Euro Jahresbeitrag.

Eine Infoveranstaltung über Gemeinwohl-Ökonomie findet am Dienstag, 16. Mai, ab 20 Uhr im TTZ in Marburg statt. Die Infoveranstaltung ist öffentlich für alle Interessierten.

von Patricia Grähling

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