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„Mein Vertrauen in VW ist erschüttert“

Abgasskandal „Mein Vertrauen in VW ist erschüttert“

Der VW-Skandal zieht 
immer weitere Kreise. 
Unabhängig vom wirtschaftlichen Schaden des 
Konzerns: Wie fühlen sich die Betroffenen? Die OP fragt nach.

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Sinnbild für die Volkswagen-Krise: Ein verrostetes VW-Männchen steht auf der Stoßstange eines Käfers.

Quelle: Uwe Zucchi

Marburg. Seit März ist Rouven Laukel aus Niederweimar stolzer Fahrer eines VW Passat: Als Jahreswagen hat er ihn mit wenigen Kilometern gekauft. In klassischem Schwarz kommt der Kombi daher, ist laut seinem Besitzer komfortabel ausgestattet „und macht einfach Spaß zu fahren“, sagt der 41-Jährige.

Dazu trägt auch der durchzugsstarke Dieselmotor bei. Und genau dieser Motor ist auch das Problem an Laukels Fahrzeug: Es ist eines der 2.0-Liter-Triebwerke, die den VW-Skandal ins Rollen brachten.

„Eigentlich war ich jahrelanger Citroën-Fahrer. Aber ich habe schon oft mit VW geliebäugelt – die Autos haben mich mit ihrem Image angesprochen. Aber sie waren mir immer zu teuer – obwohl es ja ein ,Volkswagen‘ ist“, gibt der Polizist zu. Für ihn war VW gleichbedeutend „mit Qualität, solider Verarbeitung und einem klassischen Design“. Werte, die sein Passat auch immer noch verkörpert.

Kunden fühlen sich 
von Konzern getäuscht

Anfang des Jahres stand der Kauf eines neuen Autos an, sein Citroën-Händler hatte ihm schon ein Angebot unterbreitet. Dennoch sah sich Laukel gemeinsam mit seiner Frau Helga bei einem VW-Händler um – sah den Passat und griff zu. Der Wagen überzeugt ihn immer noch: „Er fährt sich traumhaft, es klappert nichts, er hat eine gute Leistung – ich bin zufrieden.“

Als die ersten Meldungen zum VW-Skandal kamen, ahnte Rouven Laukel zunächst noch nicht, dass sein Auto betroffen sein könnte. Doch die Meldungen über manipulierte Motoren verdichteten sich. „Und als VW eine Webseite schaltete, auf der man anhand der Fahrgestellnummer sein Auto überprüfen konnte, war klar, dass ich auch betroffen bin“, erzählt er. Wirklich gewundert habe er sich nicht – „allerdings bin ich gespannt, wie es nun weitergeht“. Sicherheit darüber wird er wohl kommendes Jahr haben. Denn dann wird Volkswagen alle betroffenen Kunden anschreiben.

Für den Polizisten ist klar: „VW hat nicht einen fehlerhaften Motor gebaut – sondern vorsätzlich betrogen.“ Das lasse ihn mit ambivalenten Gefühlen zurück. Denn einerseits habe der Konzern ihn getäuscht, „weil das Auto nicht so schadstoffarm ist, wie ich gedacht habe.

„Ein Betrug auf großer Linie“

Aber ich sehe meinen persönlichen Schaden nicht so richtig“, sagt er. Das würde sich ändern, „wenn durch die Reparatur der Motor plötzlich weniger Leistung hat, um die Schadstoffwerte einzuhalten. Dann würde ich mich in der Tat betrogen fühlen.“ Denn dann hätte er für das Geld ein anderes Auto gekauft.

Unabhängig davon schätzt er den globalen und ökologischen Betrug jedoch als „sehr problematisch“ ein: „Für Millionen Kunden war der geringe Schadstoffausstoß ein Kaufanreiz – das ist also ein Betrug auf großer Linie, hinter dem mit Sicherheit eine Form von Profit-Orientierung steckt.“

Sauer mache ihn das nicht. „Denn ich bin der festen Überzeugung, dass es andere Autobauer auch machen.“ Doch die Manipulation enttäusche ihn, sie „verändert das Image, das VW für mich hatte. Das Bild des soliden VW-Made-in-Germany-Autos ist getrübt“, sagt Laukel.

Konzern denkt offenbar über Rückkauf nach

Dass der Autobauer seine Kunden umfassend aufklären wird, damit rechnet der Niederweimarer nicht. „Ich glaube 
nicht, dass VW nach diesem Image-Verlust seine Karten offen auf den Tisch legen wird. Es wird ein standardisierter Brief aus gut gewählten Textbausteinen an die Betroffenen versandt werden, der natürlich das Bedauern und den Wunsch nach Vertrauen in der Zukunft ausdrücken wird“, glaubt er.

Mittlerweile treibt der Skandal auch weitere Blüten: Verbraucherzentralen und Automobilclubs raten gleichermaßen, den Schaden geltend zu machen, eine erste Fahrerin aus Deutschland hat bereits geklagt, und in sozialen Netzwerken und im Internet buhlen Anwälte um die Vertretung von „geprellten“ VW-Kunden. Zudem gab es Meldungen, dass der Konzern darüber nachdenke, die betroffenen Fahrzeuge zurückzunehmen – quasi als Neuauflage der „Abwrackprämie“.

Auch davon hat der Niederweimarer gehört. „Ich habe zunächst überlegt, ob das eine gute Möglichkeit wäre, für wenig Aufpreis ein noch besseres Auto zu bekommen“, sagt er. „Aber mittlerweile denke ich, dass VW damit eventuell versuchen will, die extremen Verluste ins Positive umzukehren.“ Er vermutet, dass es „marktübliche Lockangebote, vielleicht etwas höher, sein werden und VW damit unterm Strich nicht die Kunden stärkt – sondern sich selbst“.

Dass der Autobauer genau wisse, welches Ausmaß der „Dieselgate“-Skandal habe, sieht Laukel auch darin begründet, dass er dieselben Anwälte verpflichtet habe, die der Ölkonzern BP nach der Ölpest durch die Bohrplattform „Deepwater Horizon“ aufgefahren hatte. „Die wissen genau, wo die Reise hingeht.“

„Die Marke VW hat für 
mich an Image verloren“

Und was ist, wenn der Passat des 41-Jährigen nach einer Reparatur veränderte Fahreigenschaften hätte? „Dann läge für mich ein deutlicher Mangel vor, den ich geltend machen würde“, sagt er. Sollte das Auto „durch die Software-Umstellung deutlich weniger Leistung oder einen höheren Verbrauch haben, dann würde ich es mir nicht gefallen lassen.“

Er werde sich zunächst an seinen Händler wenden „und dann entsprechend VW anschreiben“. Lehne der Konzern die Forderungen ab, „würde ich rechtliche Schritte einleiten – mit ange­messener Entschädigungsforderung“, sagt er.

Laukel stellt klar: „Mein Ziel ist es nicht, aus der Sache Kapital zu schlagen. Unterm Strich hat die Marke VW für mich an Image verloren. Aber vom Produkt bin ich noch überzeugt – ich würde nicht sagen, ich würde nie wieder einen VW kaufen.“ Wenn allerdings immer mehr Betrügereien herauskämen – „dann wäre es für mich problematisch“. Er verdeutlicht: „Mein Vertrauen in VW ist erschüttert. Aber noch nicht komplett zerstört.“

von Andreas Schmidt

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