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Medizinprojekt geht auf Migranten ein

Ambulanz bietet spezielle Beratung Medizinprojekt geht auf Migranten ein

Als bundesweit erstes Klinikum betreibt das Universitätsklinikum in Gießen seit Anfang des Monats in einem Modellprojekt eine Ambulanz speziell für Menschen mit Migrationshintergrund.

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Ayla Gedis (von links), Ösgü Eroglu und Dr. Yasar Bilgrin stehen im Gießener Klinikum Menschen mit Migrationshintergrund in der neuen Ambulanz zur Verfügung.

Quelle: Heiko Krause

Gießen. Getragen wird das Projekt vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg und der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung, die jeweils etwa ein Drittel der Kosten übernehmen. Den Rest der bis zum Jahresende veranschlagten 80 000 Euro fördert das Land Hessen.

Stiftungsvorsitzender Dr. Yasar Bilgrin, Arzt am Klinikum und in der Ambulanz tätig, verweist darauf, dass bei Mitarbeitern und noch mehr bei den Patienten der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund sehr stark angestiegen sei. „Viele Nationen arbeiten hier und noch mehr werden behandelt.“

In Hessen lebten rund 500.000, davon in Mittelhessen etwa 43.000, die keine deutschen Wurzeln haben, so Bilgrin. „Und es wird zunehmen.“ Vor allem in Kinder- und Frauenkliniken sei ihr Anteil an Patienten besonders hoch, mittlerweile gebe es bei ihnen schon 40 Prozent der Geburten.

Oft würden Migranten die Angebote des Gesundheitssystems nicht optimal annehmen und hätten teilweise andere Krankheitsverläufe. So würde beispielsweise bei Menschen aus der Türkei ein Herzinfarkt in deutlich jüngeren Jahren auftreten.

„Wir behandeln ganze Menschen“

Ambulanzen an den Großkliniken böten keine optimalen Zugangsvoraussetzungen, angefangen bei der Sprache bis zum Eingehen auf Kultur und Religionen. „Aber Gesundheit ist ein Menschenrecht“, hebt Bilgrin hervor. Bei mangelnder Kommunikation könne aber schon eine Diagnose schlechter gestellt werden. „Es ist schon etwas ganz Besonderes, was wir bundesweit erstmals angehen“, freut sich Professor Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer in Gießen.

„Die Erkrankungen sind häufig die gleichen, aber wir behandeln ja keine Krankheiten, sondern ganze Menschen“, sagt er. Deshalb sei die interkulturelle medizinische Ambulanz als erste Anlaufstelle geschaffen worden.
Die Ambulanz liegt nahe zum Empfang im Erdgeschoss, so dass sie leicht angelaufen werden kann. Wenn möglich werde auch dort behandelt. Drei Ärzte und drei weitere Mitarbeiter sowie fünf Räume stehen zur Verfügung. Ansonsten würden die Patienten von der Ambulanz auch zu Fachambulanzen oder zur stationären Aufnahme begleitet.

Mitarbeiter sprechen mehrere Sprachen

Auch in Sachen Integration ist laut Bilgrin das Projekt sehr interessant. „Kontakte kann man am besten im Gesundheitsbereich aufnehmen“, ist er sich sicher. Es gelte deshalb, Vertrauen aufzubauen, „denn jeder hat Angst, wenn er krank ist.“ Um Kultur und Religion gerecht zu werden, auch im Falle des Sterbens, pflege man ein Netzwerk mit den Religionsgemeinschaften. Mitarbeiter würden Türkisch, Arabisch und Kurdisch sprechen, berichtet Bilgrin. In anderen Fällen könnten Dolmetscher hinzugezogen werden. Hier erhofft sich Seeger noch mehr erreichbare Ansprechpartner.

Seeger ist sich sicher, dass die Landesregierung auch nach Ablauf des Projekts zum Jahresende weiter fördert. Die Versorgung für Menschen mit Migrationshintergrund solle nachhaltig verbessert werden, unter anderem durch Fortbildungen der Mitarbeiter.

Ziel sei es, für jeden spezifischen Bereich Konzepte zu entwickeln und Strukturen zu schaffen. „Eine Öffnung zur Interkulturalität sollte in der Lage sein, jene Strukturen hervorzubringen, die für eine angemessene medizinische Versorgung bei gleichzeitiger Berücksichtigung kultureller Besonderheiten notwendig sind“, heißt es in den Zielen des Modellprojekts.

von Heiko Krause

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