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„Zu wenige Abgänger bleiben in der Region“

Mittelhessische Unternehmertage „Zu wenige Abgänger bleiben in der Region“

Wie gelangen regionale Unternehmen heute, künftig und auf Dauer an Fach- und Führungskräfte? Darum drehte sich das Marburger Forum der Mittelhessischen Unternehmertage.

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„Es war wie in einer Scheinwelt“

Die Moderatoren Dr. Michael Stephan (links) und Michael Müller (rechts) diskutierten mit (von links) Christin Roth-Jäger (Roth ­Industries), Stefan Waldschmidt (Pharmaserv), Dr. Michael Schlapp (CRS Medical) und Jörg Diehl (SW-Motech).

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Wachstums- und Entwicklungskurs für Unternehmen hängen an kompetentem Personal – und davon gibt es immer weniger, gerade außerhalb der Ballungszentren. Um externe Fachkräfte anzulocken, braucht es heute schon exquisite Angebote, einen regionalen Bezug und nicht zuletzt ein aufpoliertes Firmenimage. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmer des Forums „Wert(e)basierte Unternehmensführung im Mittelstand“. Vertreter von Universität, Politik und großen heimischen Unternehmen kamen am Mittwoch zum Brainstorming zusammen. Eingeladen hatte die Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft an der Philipps-Universität (FMW).

Mögliche Konsequenzen, die Unternehmen aus dem Wandel auf dem Arbeitsmarkt ziehen müssten, stellte Michael Donges, Personalleiter der Roth ­Industries aus Dautphetal vor. Anhand von zwei fiktiven Szenarien zeigte er den Wandel in der Mitarbeitergewinnung auf.

Szenario eins: Eine Stelle im Unternehmen wird Ende Januar frei. Einen Tag später steht das Stellenprofil, die Bewerbung läuft an. Zwei Wochen später werden 80 Bewerbungen geprüft, sieben vielversprechende Bewerber eingeladen – und alle kommen auch zum Gespräch. Nach zwei Tagen steht der neue Mitarbeiter fest, der Vertrag wird unterzeichnet, Arbeitsbeginn ist am ersten des Folgemonats. Das Szenario beinhaltet eine geringe Vakanzdauer der Stelle von 40 Tagen.

„Marktmacht liegt nicht mehr bei Arbeitgebern“

Ganz anders sieht das im Negativ-Szenario aus: Neben derselben Stelle sind hier sieben weitere Arbeitsplätze zum selben Zeitpunkt vakant. Das Stellenprofil muss deutlich breiter gestreut werden, dennoch gibt es kaum geeignete Bewerber. Fünf werden ausgewählt, von denen nur zwei erscheinen. Einer ist ungeeignet, der andere hat überzogene Vorstellungen vom neuen Arbeitsplatz.

„Der Markt wird dünner“, betonte Donges. Kein Vertrag, zwei weitere Bewerbungsrunden und Ausgaben für einen Headhunter sind die Folge. Am Ende­ steht eine Vakanzdauer der Stelle von 250 Tagen. „Leider ist das deutlich realistischer als das erste Szenario“, sagt Donges. Der Markt habe sich stark gewandelt, ein Ungleichgewicht entwickelt und neue ­Abhängigkeitsverhältnisse hervorgebracht. „Die Marktmacht lag mal bei den Arbeitgebern, heute ist es andersherum“.

Aus dem Mangel an Spitzenkräften müssten Betriebe heute Konsequenzen ziehen und intensiver auf Entscheidungsfaktoren potenzieller neuer Mitarbeiter achten: Vom entspannten Arbeitsklima als „stärkster Faktor“ über Karrierechancen, moderne Arbeitsabläufe bis zur attraktiven Betriebskantine. Immer stärker zähle auch die Vereinbarkeit von Familie und Karriere und damit die Schaffung von Betreuungsmöglichkeiten und flexiblen Arbeitszeiten. „Die Ansprüche steigen, die Einstellung zu Arbeit ändert sich noch weiter – darauf müssen wir uns einstellen“, riet Donges.

Roth-Jäger: Müssen einen regionalen Bezug aufbauen

Darum drehte sich auch die Unternehmer-Talkrunde des Forums, bei der sich mehrere­ Vertreter regionaler Firmen den Fragen der Zuhörer stellten. Christin Roth-Jäger (Roth Industries), Jörg Diehl (SW-Motech), Dr. Michael Schlapp (CRS Medical) und Stefan Waldschmidt (Pharmaserv) diskutierten über geeignete Erfolgskonzepte bei der Gewinnung von Spitzenkräften. Die Ausbildung des Nachwuchses im eigenen Unternehmen stehe dabei weiterhin hoch im Kurs. Bei der ­Rekrutierung von externen Kräften setzte man auf individuelle Ansprache von Absolventen und ein gutes Firmen­image als Zugpferd. Potenzial böten auch eine starke Präsenz im Internet und Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten: „Wichtig ist viel persönliche Ansprache und viel Netzwerken“, riet Dr. Michael Schlapp.

Außerhalb von Ballungsräumen sei außerdem der regionale­ Bezug eines Unternehmens wichtiges Kriterium bei der Mitarbeiterbindung. Von der Kinderbetreuung bis zur Unterstützung von örtlichen Vereinen und kulturellen Veranstaltungen im ländlichen Raum – „hier müssen wir als Unternehmen attraktiver werden und einen regionalen Bezug aufbauen“, befand Christin Roth-Jäger.

Eine stärkere Präsenz diene ebenso als Gegenpol gegen die steigende Abwanderungswelle von akademischen Nachwuchskräften: Das sei ein Ziel des Wirtschaftsforums, eine Plattform zu schaffen, um Studierende und Unternehmer zusammenzubringen – „es bleiben viel zu wenige gute Abgänger in der Region“, fasste Wirtschaftswissenschaftler Dr. Michael Lingenfelder von der FMW am Rande der Veranstaltung zusammen. Den Spitzenkräften der Zukunft die Karrierechancen vor Ort zu ­verdeutlichen, sei die künftige Herausforderung für die regionale Wirtschaft, so der Dozent.

von Ina Tannert

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