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Männer gehen an ihr vorbei

Handwerk Männer gehen an ihr vorbei

Am Samstag ist der „Tag des Handwerks“. Immer mehr Frauen pfuschen den Männern ins Handwerk, aber immer noch zu wenige. Die Kreishandwerker­schaft Marburg freut sich über Kolleginnen wie ­Selina Schwick. Die junge Frau ist Zimmermeisterin.

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Handwerkerin mit Leib und Seele: Zimmermeisterin Selina Schwick auf dem Dach in der Marburger Ritterstraße. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Zimmermeisterin Selina Schwick liebt Altbausanierungen. Wenn sie in alten Kirchen wie zuletzt in Todenhausen arbeite oder in Fachwerkhäusern wie derzeit in der Ritterstraße kommen Gefühle auf. Alles ist verwinkelt, nichts ist gradlinig. „Richtig schön ist das, wenn wir alte Zeitungen oder Zigarettenpackungen in den Wänden finden“, sagt sie. Die 23-Jährige ist feinfühlig, mag aber nicht die filigrane Arbeit. Das Grobe liege ihr mehr. Nach einem Praktikum in einer Schreinerei habe sie festgestellt: Die Arbeit mit Holz ist ihr Ding, aber das Schreinern ist ihr zu fein. Daher hat sie das Zimmer-Handwerk gelernt. Zuvor besuchte sie nach ihrem Real­schulabschluss an der Friedrich-Ebert-Schule ein Jahr lang die Fachoberschule mit Schwerpunkt Bautechnik an der Adolf-Reichwein-Schule. Ihre Ausbildung schloss Selina Schwick mit 1 minus ab. Darauf ist sie stolz, umso mehr ärgert es sie, dass sie „verschwitzt“ habe, rechtzeitig Begabtenförderung für den einjährigen Besuch der Meisterschule in Kassel zu beantragen. Auf der Meisterschule war sie die einzige Frau unter gut 60 Männern. Eigentlich ist Selina Schwick überall im Arbeitsalltag die einzige Frau, bei ihrem Arbeitgeber Obermeister Hartmut Pfeiffer in Kirchhain, und auf der Baustelle, die sie leitet. Seit sie im Februar als Meisterin in die Firma zurückkehrte, führt sie auf dem Bau in der Ritterstraße die Regie. Aber sie ist bescheiden, demütig. „Ich habe ein Jahr lang viel Theorie gelernt. Ich muss jetzt immer noch viel Praxis nachholen“. Sie greife gern auf erfahrene Kollegen zurück. Ihr Vorbild ist „Altgeselle“ Jörg Eberhardt. „Er macht seit 25 Jahren Altbau. Die Erfahrung habe ich einfach nicht“, sagt sie. Ihre Kollegen gaben ihr anfangs Welpenschutz, nahmen ihr Fehler nicht übel und schweres Gerät ab. Von ihrem Team werde sie respektiert und geschätzt. Dumme Sprüche blieben und bleiben ihr auf dem Bau dennoch nicht erspart. „Gerüstbau ist ein Volk für sich“, sagt sie. „Manchmal rege ich mich zu sehr über blöde Sprüche auf. Das geht nicht an mir vorbei“, sagt die Frau mit den langen blonden Haaren. „Man muss sich als Frau viel mehr beweisen als Männer“. Fremde, die auf der Baustelle den Chef suchen, gehen häufig wortlos an ihr vorbei. Wenn dann die Kollegen auf sie zeigen, schaue sie oft in sprachlose Gesichter. Die Poster mit Pin-up-Girls im Pausenraum stören sie nicht. Sie habe als Gegengewicht einen Männerkalender. Extras gibt es für die Ausnahme-Frau nur selten: Weil sie sich weigert, das Dixie-Klo der Männer auf der Baustelle aufzusuchen, bekam sie einen Schlüssel fürs Nachbarhaus.

Anlässlich des „Tag des Handwerks“ werden Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher sowie Vertreter der Innungen am Samstag von 10 bis 14 Uhr am Markt in der Oberstadt über das Handwerk informieren.

von Anna Ntemiris

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