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Leise Roboter mit viel Gefühl

Qualitätssicherung Leise Roboter mit viel Gefühl

Das Fenster mit einem Knopfdruck gesenkt, das Radio mit einem Dreh lauter gestellt – nahezu alles, was sich im Auto anfassen oder bewegen lässt, muss durch eine strenge Qualitätskontrolle. Und die übernimmt ein kleines Unternehmen in Moischt.

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Marburg . Uni mit dem Ingenieursdiplom in der Tasche verließ, hallten ihm die Worte seines Professors nach: „Jungs, auf euch wartet die Welt.“ Sie waren gefragt, die jungen Uni-Absolventen. Die Technikbegeisterten, die Visionäre. Sie konnten sich aus zahlreichen Berufsangeboten das beste heraussuchen. Selbstbewusstsein tanken. Erfahrungen sammeln. Eine gute, vielleicht sogar die beste Schule, die Günther Battenberg damals durchlaufen durfte. Denn der junge Ingenieur sammelte Praxiserfahrung und Fachwissen, tankte Selbstvertrauen. Heute ist er Geschäftsführer des Unternehmens Battenberg Messrobotic. Marktführer weltweit. Konkurrenzlos auf seinem Gebiet. Günther Battenberg und seine zwölf Mitarbeiter entwickeln hochsensible Messroboter, die zur Qualitätsüberprüfung eingesetzt werden.  Meist werden die Roboter aus dem Moischter Unternehmen für die Qualitätskontrollen in der Autoindustrie verwendet. Aber auch die Medizintechnik und neuerdings auch die Flugzeugindustrie haben bereits bei dem kleinen Unternehmen angefragt.
Günther Battenberg ist ein Meister im Vereinfachen. Ein Profi im Begeisterung schüren. „Man nehme einen Roboter und  ein paar Sensoren. Und man entwickelt eine Software, die alles verbindet“. Fertig ist der intelligente Qualitätsprüfer. So einfach die Theorie, so schwer die Umsetzung. Die Roboter, die in dem Unternehmen entwickelt werden, sollen eines: flexibel einsetzbar sein. Sie sollen die Überprüfung unterschiedlichster Produkte auf unterschiedliche Qualitätsmerkmale ermöglichen. Eines dieser Merkmale: die Haptik. Wie fühlt sich ein Produkt an? Nach dem ersten, zweiten aber auch nach dem 1000 Mal bedienen? Battenberg weiß, dass nicht nur Qualität und Design in der Autoindustrie eine große Rolle spielen, sondern auch  Aspekte wie  fühlen oder hören. Wie viel Widerstand beim Bedienen eines Radio-Knopfes ist noch angenehm? Wie sehr muss Material bei leichtem Druck nachgeben. Soll die Oberfläche glatt oder eher geriffelt sein? „Die Frage ist immer, was Sie empfinden, wenn Sie etwas bewegen“, erklärt der 63-Jährige.

Geschäftsführer arbeitet an neuen Entwicklungen mit

Günther Battenberg und seine Mitarbeiter kreieren keine Empfindungen. Sie bestimmen nicht, welches Geräusch erklingt, wenn ein Knopf gedrückt wird. Sie sind aber dafür da, die Standards, die sich ein Unternehmen gesetzt hat, durch die Bereitstellung von Qualitäts-Kontroll-Verfahren sicherzustellen. Sie machen das haptische Erlebnis serientauglich. Fast alle Automarken haben bei dem kleinen Unternehmen in Moischt bereits angefragt. Und alle haben sie andere Standards, andere Schwerpunkte. „Man kann fühlen, wenn man in einem Audi sitzt. Im Audi soll es „Klick“ machen, wenn man einen Knopf betätigt. In einem Daimler soll es hingegen nicht einmal  „Klack“ machen“, erklärt Günther Battenberg.
Seit März bietet er am Standort Moischt nicht nur die Entwicklung der Roboter an – sondern übernimmt auch einzelne Prüfvorgänge für Unternehmen. Messungen in der Kälte- und Hitzekammer. Tests, bei dem die Produkte einer Dauerbelastung ausgesetzt sind. Die Technik –  sie entwickelt sich immer weiter. Und auch der Geschäftsführer kann sich nicht diesem Reiz entziehen. Mit seinen 63 Jahren ist er noch aktiv in neue Entwicklungsprozesse mit eingebunden. Versprüht  Pioniergeist und Entwicklerdrang. Ziel sei es, so der Moischter, Roboter zu entwickeln, „die nach Vorgaben der menschlichen Wahrnehmung messen und bewerten.“

Roboter sollen künftig auch menschliche Wahnehmung als Maßstab nutzen

Ein Roboter könne nach objektiven Kriterien arbeiten. Wie ist das Material verarbeitet, wie ist die Beschaffenheit, hält es einer gewissen Belastung stand. „Ziel ist es, die Qualitätsbewertung der menschlichen Wahrnehmung anzupassen“, erklärt Battenberg. Fühlt sich etwas angenehm oder unangenehm an, löst ein Geräusch Emotionen aus oder bleibt es unbeachtet. „Wir wollen auf der humanen Ebene arbeiten. Wir wollen die Messbarkeit von emotionalen Bewertungen optimieren.“ Noch ist dieses Vorhaben eine Vision. Leise Zukunftsmusik. Aber der dreifache Familienvater ist sich sicher: dieses Forschungsfeld gilt es für die Industrie voranzutreiben, um weiterhin den Markt zu dominieren.
Der Standort Moischt, für Günther Battenberg ein Selbstverständnis. „Es ist doch völlig egal, wo man sitzt, wenn man gute Technik anbietet.“ Und so wächst es, das Gästebuch, das gut verschlossen in einer Vitrine im Foyer liegt. Gäste aus der ganzen Welt reisen in das kleine Örtchen, um die Programmierung der Roboter zu erlernen. Schließlich soll eine einzige Maschine später die Kontrolle mehrerer Produkte übernehmen. „In dem Moment, in dem wir einen Roboter ausliefern, lassen wir los. Würden wir das nicht tun, könnten wir uns nicht anderen Dingen zuwenden“, erklärt Battenberg.
Unterschiedliche Autohersteller, unterschiedliche Qualitätsansprüche. Battenberg kennt sie alle. Eines, so sagt er, habe die Autoindustrie erst seit wenigen Jahren begriffen. „Wir haben immer geglaubt, dass wenn wir ein Auto in Deutschland herstellen, dann ist es gut für den Rest der Welt.“ Das, so der 63-Jährige schmunzelnd, sei aber ein Trugschluss. Andere Länder, andere Sitten. Oder besser gesagt: andere subjektive Empfindungen. Battenberg weiß: die Amerikaner „sind ein bisschen grobmotorischer“. Sie wollen größere Bedienungsflächen in ihrem Auto haben. Die Asiaten hingegen seien schon „den Europäern ein bisschen mehr angepasst. Aber sie sind noch verspielter.“
Auf die Frage, wie er sich den globalen Erfolg seines Kleinunternehmens erklärt, hat Günther Battenberg nur eine Antwort: „Wir haben unsere Technikverliebtheit beibehalten – sie schafft Identität. Und wenn diese Identität je verloren geht, werden wir hier nichts mehr machen“.

von Marie Lisa Schulz

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