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Lebensretter und Streitschlichter

Berufsbild: Fachangestellte für Bäderbetriebe Lebensretter und Streitschlichter

Den Schwimmbädern mangelt es an Nachwuchs: Rund 2500 Fachkräfte fehlen, heißt es beim 
Bundesverband Deutscher Schwimmmeister (BDS). 
In Marburg ist die Situa­tion entspannter.

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Schwimmmeister Lukas Huck prüft den PH-Wert des Wassers im Aquamar.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Was wir an gut geeigneten Bewerbern haben, kann man an einer Hand abzählen“, sagt zum Beispiel Oliver Sternagel, Geschäftsführer der Karlsruher Bäder. Es habe Jahre gegeben, in denen niemand ausgebildet wurde. „Wenn Sie jemanden suchen, ist niemand auf dem Markt. Das ist traurig“, sagt Edgar Koslowski, BDS-Vorsitzender in Baden-Württemberg.

Erfahrungen, die Rolf Klinge, Leiter der städtischen Bäder in Marburg, so zum Glück nicht bestätigen kann: „Wir haben jedes Jahr einige Bewerber und bilden auch jährlich ­eine Fachkraft für Bäderbetriebe aus“, sagt er. Insgesamt gibt es 13 Schwimmmeister, die im Aquamar und im Hallenbad Wehrda arbeiten – in Voll- und Teilzeit.

In den rund 7000 Bädern in Deutschland arbeiten etwa 25.000 Fachkräfte. „Bademeister“ sind diese Beschäftigten allerdings nicht – offiziell heißt der Ausbildungsberuf Fachangestellter für Bäderbetriebe. Nach der dreijährigen Ausbildung kann man sich weiterbilden und zum Beispiel Meister für Bäderbetriebe werden. Auch Perspektiven als Wellnessberater oder Fachwirt für Sport bestehen. Mit dem Meisterstatus ist es erlaubt, ein Schwimmbad zu leiten. Um am Becken aufpassen zu dürfen, reicht das Rettungsschwimmer-Abzeichen in Silber.

Körperliche Fitness ist 
wichtige Voraussetzung

Die Ausbildung läuft dual: Auszubildende arbeiten in einem Bad und werden in der Schule theoretisch ausgebildet. Der Praxisteil kann in öffentlichen Hallen- und Freibädern, aber auch in privaten Freizeit- und Spaßbädern absolviert werden.

Laut der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen wird man zum „Allrounder“ ausgebildet. Ein Schulabschluss ist nicht zwingend Voraussetzung, in Marburg setzt man allerdings auf einen guten Hauptschulabschluss, wie Ausbildungsleiterin Silke Fischer-Stamm erläutert. Zudem sollten die Bewerber technisches Verständnis ebenso mitbringen, wie eine gute körperliche Fitness. „Insbesondere Spaß am Schwimmen sollte gegeben sein“, so ­Fischer-Stamm.

Außerdem sind Beobachtungsgenauigkeit, Zielstrebigkeit, Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit gefordert. Und auch gute Kenntnisse in Deutsch und Naturwissenschaften sind notwendig – ebenso wie soziale Kompetenzen, Flexibilität, Teamgeist sowie Präsentationsfähigkeit. Denn: die Fachkräfte leisten weit mehr, als am Beckenrand darauf zu achten, dass niemand ertrinkt.

Die Aufgaben einer Fachkraft für Bäderbetriebe sind unter anderem das Aufpassen als Rettungsschwimmer, Veranstaltungsplanung, Bedienen der Chlorungsanlagen, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Bevor die Schwimmer kommen, müssen Anlagen geputzt, Blumen und Büsche gepflegt werden. „Unsere Auszubildenden lernen das gesamte Spektrum eines Bades kennen – von der Aufsicht über die Verwaltung bis zur Technik“, erläutert Klinge.

Nicht nur Wasseraufsicht, sondern auch Techniker

Einen großen Teil nimmt natürlich auch die Interaktion mit den Badegästen ein. So geben sie auch Schwimmunterricht oder leiten Kurse, „nicht direkt vom ersten Tag an“, sagt Fischer-Stamm, „aber nach und nach werden sie an diese Aufgaben herangeführt“.

Und die Fachkräfte haben auch eine große Verantwortung. Denn bei einem Unfall sind sie die Ersthelfer vor Ort, müssen eingreifen und so gegebenenfalls Leben retten – dafür werden sie ausgebildet. Aber auch bei Streit greifen die Schwimmmeister ein, „das kann bei einer solch großen Hitze wie in der vergangenen Woche, wenn die Leute sowieso schon gereizt sind, häufiger vorkommen“, erläutert Klinge. Mediation sei daher auch ein Teil der Ausbildung.

Den 21-jährigen Lukas Huck fasziniert an seinem Beruf die Vielfalt. „Ich mag den Umgang mit den Menschen und die Abwechslung. Denn wir haben nicht nur die Wasseraufsicht, sondern auch die technische Seite“, sagt er. Mitunter brauche man aber auch ein dickes Fell, wie Huck sagt: „Ich habe mir am Sonntag schlagartig 3000 Leute zu Feinden gemacht, als wir die Becken schnellstens wegen Gewitters räumen mussten“, sagt er.

Obwohl die Gefahr bei Gewittern hinlänglich bekannt sein müsste, würden einige Gäste dennoch diskutieren und wollten im Wasser bleiben. „Ich habe schon einen langen Geduldsfaden, den braucht man auch“, sagt er.
Auszubildende verdienen übrigens im ersten Lehrjahr durchschnittlich rund 850 Euro im Monat. Im dritten Jahr gibt es etwa 950 Euro. Als angestellte Fachkraft liegt das Gehalt später bei rund 2000 Euro brutto im Monat.

von Andreas Schmidt
 und Nikolai Huland

Der Fachangestellte Lukas Huck füllt im Keller des Schwimmbads Flockungsmittel nach. Foto: Thorsten Richter
 
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