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Lebensrettende Impfstoffe vom "Mars"

Novartis Lebensrettende Impfstoffe vom "Mars"

Marburger Medikamente kommen weltweit zum Einsatz: Auf dem „Mars“-Campus herrscht nun fünf Jahre nach Errichtung Hochbetrieb. Die Produktion von Tollwut- und FSME-Impfstoff soll ausgebaut werden.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Emil von Behring, der vor 110 Jahren die Behringwerke in Marburg gründete, wäre heute stolz auf Novartis, sagte gestern Jochen Reutter, der Marburger Standortleiter des Behring-Nachfolgeunternehmens Novartis Vaccines. Die Marburger Firma „stärkt Hessen als die sogenannte Apotheke der Welt“, so Reutter. Das Unternehmen exportiert in Marburg hergestellte Medikamente in 50 Länder. Neuerdings werden Marburger Impfstoffe auch auf dem „Mars“ hergestellt. Das Wortspiel bedarf einer Erklärung: „Mars“ steht für Marburger Standort.
Die Bedeutung des Standorts für die Region und das Land Hessen wurde gestern bei der offiziellen Einweihung des „Mars“-Campus  in den Mittelpunkt gerückt.

Die bereits 2009 errichtete Produktionsanlage steht auf dem Görzhäuser Hof, am Rande des Stadtteils Michelbach. Dort werden lebensrettende Tollwut- und FSME-Impfstoffe hergestellt und dort steht auch das Qualitätskontrollgebäude. Alle von Novartis hergestellten Produkte werden  auf dem „Mars“ getestet, bevor sie in die Welt gehen. Fünf Gebäudekomplexe stehen auf dem 7,2 Hektar großen Areal. Mehr als 400 Mitarbeiter sollen in Spitzenzeiten auf dem „Mars“ arbeiten (die OP berichtete).

Nur ein kleiner Teil von ihnen hatte gestern das Losglück und durfte an der Eröffnung teilnehmen. Zu den geladenen Gästen zählten Ministerpräsident Volker Bouffier und Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Dass ein Standort feierlich eröffnet wird, der bereits seit fünf Jahren fertig ist, bedarf ebenfalls einer Erklärung: Erst seit diesem Frühjahr darf der auf dem „Mars“ hergestellte Tollwut-Impfstoff in Europa verkauft werden. Die Australier bekommen den Marburger Impfstoff inzwischen auch schon, die Amerikaner sind kurz davor (die OP berichtete). Novartis ist nun stolz, dass die US-amerikanische Gesundheitsbehörde grünes Licht gab – darauf haben die Marburger lange gewartet.

Bouffier: Arbeit hat „hohe ethische Dimension“

In seiner Rede sprach Reutter von „Anstrengungen“ und „Rückschlägen“ in den vergangenen sechs Jahren. „Mars“-Produktionsleiter Dr. Christoph Hungerer sagte, dass es „ein, zwei Klippen“ gab und  noch immer welche gibt, die noch Novartis umschiffen werde. Rückenwind bekommt das Pharmaunternehmen von der Politik:

„Das Mars-Projekt ist von der Stadt Marburg unterstützt worden“, sagte Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). „Die hier produzierten Impfstoffe tragen den Namen Marburgs in die Welt hinaus“. Der Pharmastandort Marburg habe in der Universitätsstadt eine wirtschaftliche und wissenschaftliche Potenz, die weitere Initiativen anschiebe – so etwa die Gründung eines „House of Pharma“.

Bouffier sagte, die Arbeit des Unternehmens habe eine „hohe ethische Dimension“. Impfstoffe retten Leben, und weltweit setzen viele Menschen ihre Hoffnung auf die Forscher und Entwickler in Marburg. „Das, was hier passiert, ist ein Stück Zukunft“, sagte Bouffier. Damit meinte er aber nicht nur die medizinische Bedeutung, sondern auch die ökonomische. Das Unternehmen müsse sich dem globalen Wettbewerb stellen – „auch hier in diesem lieblichen Tal“. „Seit den seligen Zeiten von Emil von Behring hat sich viel verändert“, stellte der Ministerpräsident fest. Und es stehen weitere Veränderungen an: Novartis, das Schweizer Weltunternehmen, hat seine Impfstoffsparte an GlaxoSmithKline verkauft. Der „Mars“ geht an die Briten. „Die spannende Frage, wie geht es weiter, die beschäftigt auch uns“, erklärte Bouffier. Dem neuen Geschäftsführer

Dr. Niklas Schier bescheinigte Bouffier „der beste Werber“ für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort zu sein. Der 41-jährige Biologe hat in Marburg studiert und seine berufliche Laufbahn bei der No­vartis-Vorgängerfirma Chiron begonnen. Zuvor hatte Schier den Gästen berichtet, dass er als Student von Novartis als „Freund und Nachbar“ profitiert habe. Diese Rolle wolle das Unternehmen weiterhin einnehmen, so Schier.

von Anna Ntemiris

Wirtschaftliche Effekte

Der „Mars“-Campus hat Produktionsanlagen, die je nach Bedarf zwischen der Herstellung von Tollwut- und FSME-Impfstoff wechseln können. Diese in Europa einzigartigen Anlagen ermöglichen fünffach höhere Produktionskapazitäten: Zehn Millionen Dosen Tollwut- und künftig 20 Millionen Dosen FSME-Impfstoff pro Jahr. Damit leistet das Unternehmen einen großen Beitrag zur weltweiten Bekämpfung gefährlicher Erkrankungen.

Der Betrieb des „Mars“-Campus hat aber auch einen besonders großen ökonomischen Effekt: Die hessische Wirtschaft profitiert durch Bruttowertschöpfungseffekte in Höhe von 327 Millionen Euro mit 72 Prozent des deutschlandweiten Effekts. 4 800 Arbeitsplätze werden durch „Mars“ in Hessen gesichert. Diese Zahlen gehen aus einer gestern präsentierten Studie hervor, die die DIW econ GmbH im Auftrag von Novartis Deutschland erstellt hat. Ministerpräsident Volker Bouffier zitierte aus der Studie: Jeder am Mars-Campus investierte Euro löst in Hessen eine weitere Bruttowertschöpfung von 80 Cent aus. Insbesondere die Maschinenbaubranche profitiere vom Standort.

Mit 145 Millionen Euro verbleiben 53 Prozent der durch die Investitionen am „Mars“-Campus generierten Bruttowertschöpfung in der Region Mittelhessen, beim vollständigen Betrieb der Anlage ab 2016 liegt die Erwartung bei 62 Prozent. Zudem werden laut Studie ab 2016 776 Arbeitsplätze in der Region gesichert, 420 Beschäftigte am Campus und 356 Stellen in den Zuliefererbranchen. Je 100 Beschäftigte am „Mars“ sind dies weitere 85 Arbeitsplätze in der Region.
Die öffentliche Hand profitiert von den Gewerbesteuerzahlungen.

Ab 2016 werden durch „Mars“ jährliche Steuereinnahmen von rund 18 Millionen Euro erwartet – deutschlandweit.

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