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Längst nicht mehr in Stein gemeißelt

Wandel in der Bestattungskultur Längst nicht mehr in Stein gemeißelt

Gestorben wird immer. Diese Plattitüde galt 
lange als eherner Garant für ein einträgliches 
Auskommen der Steinmetze. Grabsteine 
gehören aber längst nicht mehr zu einer Standard-Bestattung.

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Steinmetz Wilderich Paffrath bei der Arbeit. Der Wandel in der Bestattungskultur macht seinem Handwerk zu schaffen, die Bearbeitung von Grabsteinen trägt die Betriebe kaum noch.

Quelle: Frank Rademacher

Marburg. „Pflegeleicht und kostengünstig“ – Steinmetz Wilderich Paffrath findet für den Wandel in der Bestattungskultur deutliche Worte. Die Beerdigung sei heute häufig eine Frage der schnellen Entsorgung – die Zeiten einer ausgeprägten Erinnerungskultur sind aus seiner Sicht jedenfalls Geschichte. Sein Handwerk hat mit den Folgen zu leben.

Der Wandel in der deutschen Bestattungskultur macht sich schon seit einigen Jahren bemerkbar. Nach Aussagen des Verbands der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe haben die Feuerbestattungen 2011 die traditionelle Erdbestattung als vorherrschende Form abgelöst.

In Marburg machten die Urnenbestattungen inzwischen fast 80 Prozent aus, weiß Wilderich Paffrath. Sein Kollege Heinrich Reinhard aus Lahntal schätzt, dass auch im dörflichen Umland die Quote der Urnenbestattungen mittlerweile auf 60 bis 70 Prozent gestiegen ist. Von dieser Veränderung sind nicht nur die Steinmetze betroffen, sondern auch die Sargbauer. Auch sie bangen zum Teil um ihre Existenz und befürchten den Abbau von Arbeitsplätzen in ihrem Gewerbe.

Betriebe kämpfen auch mit Konkurrenz aus Internet

Das bestätigt Karl-Heinz Damm, Innungsobermeister im Landesverband der Steinmetze. Etwa die Hälfte der Betriebe sei existenziell bedroht, vor allem jene, die ausschließlich Grabsteine fertigten. „Die Betriebe machen zum Teil schon vor Totensonntag dicht, das war früher undenkbar“, erklärt Damm.

Nachdem Kommunalpolitiker und Verwaltungen viele Jahrzehnte über lokale Friedhofsordnungen die traditionelle Erdbestattung mit Grabsteinen sicherten, hat sich diese bewahrende Haltung in den vergangenen Jahren sukzessive aufgelöst.

Auf den meisten Friedhöfen gibt es heute neben den klassischen Reihengräbern auch Urnenstelen und so genannte Wiesengräber. Nahezu flächendeckend ist mittlerweile auch das Angebot an Friedwäldern. Heinrich Reinhard glaubt indes, bei diesem Angebot wieder einen rückläufigen Trend auszumachen. Obermeister Damm wirft den Kommunen vor, ihre Friedhöfe verwaisen zu lassen. Zum Teil mangele es an der Pflege der Anlagen, für die zugleich auch keine Werbung gemacht werde.

Auf dem kleiner werdenden Markt müssen die überwiegend mittelständisch geführten Betriebe zudem noch mit der Konkurrenz aus dem Internet kämpfen. Und die wartet zum einen mit aggressiver Werbung auf, wogegen der Verband schon gerichtlich mit Erfolg vorgegangen ist, und zum anderen mit billiger Industrieware. „Die kommt mit dem Schiff aus China“, weiß Damm zu berichten und betont, dass diese Produkte mit der Qualitätsarbeit eines Steinmetzes wenig gemein hätten.

Steinmetz beklagt 
Zunahme der Bürokratie

Wilderich Paffrath räumt aber ein, dass seine Zunft lange Zeit von den günstigen Importen aus Indien und China profitiert habe. Inzwischen hätten die Preise für Steine aus Indien aber angezogen – wer in der Vergangenheit ganz auf niedrige Preise gesetzt habe, komme nun bei den Kunden in Erklärungsnöte.

Paffrath, der das Geschäft in Ockershausen von seinem Vater übernommen hat, berichtet aber noch von einer anderen Front, die den Steinmetz kämpfen lässt: Die Bürokratie habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Heute verbringe er 80 Prozent seiner Arbeitszeit im Büro. Das habe er sich als Lehrling einmal ganz anders vorgestellt.

In diesen Tagen kommt bei vielen Steinmetzen das Geschäft ganz zum Erliegen. Das hat allerdings nichts mit veränderten Bestattungsformen, sondern etwas mit dem Wetter zu tun. Bei den teilweise frostigen Temperaturen lassen sich keine Fundamente für die Grabsteine setzen.

Heinrich Reinhard, der zusammen mit seinem Bruder Jürgen das Geschäft in Göttingen betreibt, bildet da eine Ausnahme – sein Betrieb bleibt auch im Winter geöffnet. Er sieht die Probleme für seine Zunft gleichfalls, ist aber zuversichtlich, den Wandel bewältigen zu können. Schließlich biete sein Handwerk eine Vielzahl von Betätigungsfeldern, nicht zuletzt bei den Urnenbestattungen oder im künstlerischen Bereich.

von Frank Rademacher

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