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„Wir müssen die Menschen aktivieren“

Kreisjobcenter „Wir müssen die Menschen aktivieren“

Knapp 900.000 Langzeitarbeitslose gab es im Juli in Deutschland – die Zahl ist zwar gesunken. Aber für die meisten bleibt ein normaler Job unerreichbar. Im Landkreis stehen die Chancen etwas besser.

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Ein Kunde auf dem Weg ins Kreisjobcenter des Landkreises in der Marburger Raiffeisenstraße: Auch mit Sonderprogrammen sollen Menschen fit für die Vermittlung in sozialversicherungspflichtige Jobs gemacht werden.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Langzeitarbeitslose finden in Deutschland nur selten einen neuen, regulären Job. Bei den Betroffenen, die im vergangenen Jahr ihre Arbeitslosigkeit beenden konnten, war nur in rund jedem achten Fall eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt der Grund. Dies geht aus der Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann hervor.

Insgesamt gab es im Durchschnitt des vergangenen Jahres 993.073 Langzeiterwerbslose. 12,2 Prozent nahmen eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt auf. 17,3 Prozent wurden wegen Arbeitsunfähigkeit aus der Statistik gestrichen. Für Kurzzeiterwerbslose, die weniger als zwölf Monate arbeitslos waren, war 2016 in fast jedem dritten Fall eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt der Grund für die Beendigung der Arbeitslosigkeit.

Zahl der Langzeitarbeitslosen im Kreis gestiegen

Insgesamt gibt es bei der Langzeitarbeitslosigkeit einen Abwärtstrend. So lag die Zahl der Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, im Juli bei 899.000 – 87.000 weniger als vor einem Jahr. Den Betroffenen fehlt es laut BA häufig an der nötigen Ausbildung. Viele Langzeitarbeitslose wollten daher eine Stelle als Hilfskraft. Nur 17 Prozent der Jobs, die der BA gemeldet werden, sind Helferberufe.

Im Landkreis ist die Entwicklung der Langzeitarbeitslosen binnen Jahresfrist leicht angestiegen: Im Juli waren 1629 Menschen als Langzeitarbeitslose registriert – 109 mehr, als im Jahr zuvor. Volker Breustedt, Leiter der Marburger Agentur für Arbeit, sieht die Entwicklung als schwierig an: „Diese Gruppe macht ein Drittel aller Arbeitslosen im Landkreis aus“, sagt er. Es müsse weiter daran gearbeitet werden, „sich für Menschen, die mehrere schwere Vermittlungshemmnisse haben, Lösungen einfallen zu lassen“. Qualifikationsdefizite gebe es ebenso wie gesundheitliche Defizite. Und vor allem habe die Zahl der psychischen Beeinträchtigungen zugenommen.

In vielen Fällen müssten die Betroffenen zunächst stabilisiert werden – etwa durch eine Entgiftung oder den Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. „Die Bretter, die wir da bohren müssen, werden zwar insgesamt weniger – aber sie werden dicker“, fasst es Breustedt zusammen.

„Wollen Langzeitarbeitslose
 nicht in Statistik parken“

Die Arbeitsagentur hat eigens für die Betreuung solch schwieriger Fälle das Team „Inga“ eingerichtet. Das Kürzel steht für „Integration mit ganzheitlichem Ansatz“. Dort nähmen sich die Vermittler viel Zeit, um den Problemen auf den Grund zu gehen „und auch so weit zu kommen, dass derjenige bereit ist sich zu öffnen und erkennt, dass der Vermittler nicht mit Sperrzeiten oder anderen Maßnahmen droht, sondern hat ein Interesse daran, die persönliche Lage zu verändern“, erläutert der Agenturleiter.

Ein Großteil der Langzeitarbeitslosen wird vom Kreisjobcenter (KJC) des Landkreises betreut. „Wir wollen Langzeitarbeitslose nicht in der Statistik parken, sondern uns intensiv um sie kümmern“, verdeutlicht der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU). „Wir müssen die Menschen aktivieren.“

Königsweg seien dabei aber nicht nur Lohnkostenzuschüsse als Anreize für Arbeitgeber oder die reine Qualifizierung der Menschen. „Diese ist unabdingbar, aber wir müssen zunächst die Menschen an sich stark machen, damit sie wider ein Selbstbewusstsein entdecken“, sagt er. Denn erst, wenn die Menschen ihre Kompetenzen wiederentdeckt hätten, könnten sie sich auch wieder eine Arbeit zutrauen. „Unsere Zahlen können sich sehen lassen“, sagt Zachow. Sie seien zwar im hessenweiten Vergleich gut, „aber insgesamt ist die Zahl der Vermittlungen immer noch niedriger, als wir uns für die Menschen wünschen würden“.

Ermittlung der Nachhaltigkeit ist lückenhaft

So liegt das KJC bei der Vermittlung von Arbeitslosen hessenweit auf dem ersten Platz – mit einer Integrationsquote von 29,8 Prozent. Der Durchschnittswert in Hessen liegt bei einer Quote von 24,4 Prozent. Bei der Nachhaltigkeit der Integration liegt das heimische KJC mit einer Quote von 69,3 Prozent auf Platz sieben in Hessen – der Durchschnitt beträgt 67,4 Prozent.

Die Ermittlung der Nachhaltigkeit ist dabei indes lückenhaft: Wenn ein Mensch vermittelt wird, schaut das System genau ein Jahr später, ob er noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist. „Es kann aber sein, dass jemand im nächsten Monat sein Arbeitsverhältnis wieder beendet und dann beispielsweise zwei Monate vor dem Stichtag wieder beginnt – dann denkt das System, er sei nachhaltig integriert“, erläutert Joachim ­Hikade vom KJC.

Von 2014 bis 2016 sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen im KJC von 1557 auf 1406. Während in Hessen die Zahl der Langzeitarbeitslosen in 2015 um 0,9 Prozent und in 2016 um 2 Prozent sank, konnte das KJC die Zahlen um 7 Prozent und um 2,9 Prozent verringern.

Spezielle Projekte sollen die Kunden mobilisieren

Im Jahr 2016 konnte das KJC von seinen 1154 Langzeitarbeitslosen 242 in Arbeit vermitteln – 203 davon in den ersten Arbeitsmarkt. „Relativ hoch ist dabei der Wert von Arbeitsunfähigen mit 112 Personen“, sagt Hikade. Doch das sei der Tatsache geschuldet, dass man nah am Kunden sei. „Wenn jemand von uns eine Einladung bekommt, dann versucht er mitunter, sich mit einer Arbeitsunfähigkeit zu entziehen.“

Das zeige aber, dass man mit speziellen Projekten, die Kunden wieder zu mobilisieren, auf dem richtigen Weg sei. Er verdeutlicht: „Letztendlich müssen wir die Kunden dort abholen, wo sie stehen. Denn nicht für jeden ist der erste Arbeitsmarkt die Lösung.“ Essenziell seien Menschen im Fallmanagement, „die Zeit haben, zuzuhören, um genau zu erfahren, wie sie dem Kunden helfen können“. So könnten auch Menschen mit tiefer sitzenden Problemen wieder mobilisiert werden.

Die Aktivierungsquote – also durch Qualifizierung, Projekte oder auch Arbeitsgelegenheiten – liegt im Landkreis bei 11,4 Prozent und hessenweit bei 8,2 Prozent. „Auch dadurch werden Kunden gestärkt: Indem sie passgenau gefördert werden“, sagt Hikade. Das habe auch einen entscheidenden Einfluss auf die Integrationsquote.

Aus diesem Grund bewirbt sich das KJC immer wieder um Sondermittel, um Projekte für besonders betroffene Personengruppen zu realisieren. Das Projekt „In“ hat beispielsweise zum Ziel, Menschen mit Schwerbehinderung und psychischen Beeinträchtigungen zu vermitteln. Mit Erfolg: Von 140 Teilnehmern wurden bisher 66 in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Das Projekt „Regionales Kompetenzzentrum Arbeit“ konnte vergangenes Jahr 66 Vermittlungen in den ersten Arbeitsmarkt verbuchen, dieses Jahr waren es bisher 45. Und das Projekt „Aufbruch“ hat von bisher 112 Teilnehmern 14 in Arbeit integriert.

Damit trifft das KJC zum Teil die Forderungen des Sozialverbands VdK Deutschland nach einem nachhaltigen Konzept für mehr Chancen von Langzeitarbeitslosen. „Weiterbildungsprogramme, die insbesondere die individuelle Situation von gering Qualifizierten berücksichtigen, müssen ausgebaut werden“, sagte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Notwendig sei ein öffentlich geförderter Arbeitsmarkt mit tariflich entlohnten, abgesicherten Arbeitsplätzen.

von Andreas Schmidt 
und unserer Agentur

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