Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Duale Ausbildung „ist keine Sackgasse“

Kreishandwerkerschaft Biedenkopf Duale Ausbildung „ist keine Sackgasse“

Das Handwerk im Altkreis Biedenkopf blickt zuversichtlich ins neue Jahr. „Die Geschäftszahlen ­sagen viel Gutes“, meint Frank Interthal, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Voriger Artikel
Stimmung im Betriebsrat ist „vergiftet“
Nächster Artikel
„Schnuffels Naschkiste“ neu in Marburg

Die Kreishandwerkerschaft Biedenkopf will sich verstärkt um Nachwuchs bemühen – die konjunkturelle Lage schätzt sie allerdings positiv ein.

Quelle: Michael Reichel

Biedenkopf. Ein großes Thema im Handwerk ist der Mangel an Fachkräften. Besonders betroffen sei momentan beispielsweise die Sanitär- und Heizungs-Innung, erklärt Interthal. Wenn es um den Nachwuchs geht, sieht es dagegen vor allem bei den Bäckern und Fleischern schlecht aus. Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen reiche in diesen Innungen nicht aus, um den künftigen Bedarf zu decken, erläutert der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Bedingt sei das sicherlich durch die Arbeitszeiten. „Aber die sind gar nicht so schlecht, wie oft gesagt wird“, sagt Interthal. Natürlich würden Bäcker und Metzger schon in der Früh mit der Arbeit beginnen, dafür seien sie dann aber auch früher als andere fertig. „Den nötigen Nachwuchs an Fachkräften zu finden, ist das Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte“, ist Interthal überzeugt.

Das sagt auch Bernhard Mundschenk, Geschäftsführer des hessischen Handwerkertages. Er wünschte sich kürzlich, dass nicht alle Abiturienten zu den Universitäten strömen. Man müsse ihnen deutlich machen, dass die Ausbildung im dualen System keine Sackgasse sei.

Interthal betont Weiterbildungsmöglichkeiten

Diesem Gedanken schließt sich der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft in Biedenkopf sofort an. Leider würden in Deutschland zu viele Akademiker ausgebildet, bedauert er, und es werde nicht ausreichend gesehen, dass sich auch in den Handwerksberufen viele Aufstiegschancen bieten.

„Wir haben im Handwerk Weiterbildungsmöglichkeiten über die Gesellenprüfung und die Meisterprüfung hin zur Selbstständigkeit“, betont Interthal. Wohl in keinem anderen Wirtschaftszweig könne man sich so schnell und einfach selbstständig machen. Einmal abgesehen von jenen Handwerksberufen, in denen teure Maschinen zum Einsatz kommen.

In den vergangenen Jahren habe das Handwerk sogar einiges getan, um diesen Weg noch weiter zu verkürzen. So könne man die Meisterprüfung mittlerweile direkt an seine Gesellenprüfung anschließen. Interthal: „Ich war schon immer ein Verfechter davon, dass das gut ist.“

„Die Handwerksordnung muss bestehen bleiben“

Die Qualifizierung der Handwerker ist auch in anderer Hinsicht ein Thema für die Kreishandwerkerschaft Biedenkopf. Bis heute kann man sich dort nicht mit der Novelle der Handwerksordnung im Jahr 2004 anfreunden. Damals wurde per Gesetz die Zahl der meisterpflichtigen Handwerke von 94 auf 41 reduziert. Unter anderem, um Existenzgründungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu erleichtern. In Inter­thals Augen hat die Novelle zu vielen Klein- und Kleinstbetrieben geführt – und darüber hinaus zu vielen Scheinselbstständigen. Das lasse sich besonders gut im Rhein-Main-Gebiet beobachten.

Er sei daher froh, dass man auf bundespolitischer Ebene eingesehen habe, damals den falschen Weg beschritten zu haben und sich nun in Brüssel gegen eine weitere Lockerung stark mache. „Die Handwerksordnung muss bestehen bleiben“, sagt Interthal, „weil sie Garant der Stabilität und Qualität ist“.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hatte vor einigen Wochen auf das Problem aufmerksam gemacht, dass viele Handwerker aus Altersgründen aufhören möchten, aber keinen Nachfolger finden. Deutschlandweit betrifft das laut ZDH bis 2020 etwa 180.000 Betriebe. In einigen Bundesländern gibt es daher schon Meisterprämien und Zuschüsse bei Übernahmen, um einem Firmensterben entgegenzuwirken.

„Die Digitalisierung ist nicht für jeden“

Firmenschließungen aus Altersgründen gibt es laut Frank Interthal auch im Bereich der Kreishandwerkerschaft Biedenkopf. Vor allem bei Ein-Mann-Betrieben komme das vor, wenn kein anderes Familienmitglied und kein Geselle den Betrieb weiterführen will.

Als dramatisch schätzt er die Situation allerdings nicht ein. „Wir haben auch viele erfolgreiche Beispiele“, betont Interthal. Allerdings sei die Betriebsnachfolge immer ein Thema in einer Kreishandwerkerschaft. Die KHK Biedenkopf bietet daher regelmäßig Veranstaltungen an, in denen sie die Firmenchefs aufrufe, den Übergang möglichst frühzeitig zu planen.

Und wie sieht es mit der Digitalisierung im Handwerk aus? „Die Digitalisierung ist nicht für jeden“, erklärt Frank Interthal. Sicherlich gebe es Bereiche, in denen Handwerker die neuen digitalen Möglichkeiten für sich nutzen können.

Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft berichtet von einem Beispiel, dass er kürzlich am Kompetenzzentrum für Gestaltung, Fertigung und Kommunikation in Koblenz gesehen hat. Dort hat ein Bäcker und Konditor den 3-D-Druck genutzt, um Reliefs der Region aus Schokolade anzufertigen. In anderen Handwerken, wie beispielsweise bei den Friseuren, könne er sich dagegen nur wenige Möglichkeiten vorstellen, sagt Interthal. „Der Übergang wird fließend sein.“

von Hartmut Bünger

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr