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Kostenlose Plastiktüten sollen weichen

Umweltschutz Kostenlose Plastiktüten sollen weichen

Sie sind praktisch, aber ökologisch bedenklich: Plastiktüten. Daher will der Einzelhandel ab dem 1. April für 60 Prozent 
aller Tüten Geld verlangen – um eine Vorgabe der EU zu erreichen.

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Mindestens 60 Prozent der Plastiktüten sollen ab April kostenpflichtig sein – darauf haben sich der Handelsverband und das Umweltministerium geeinigt.

Quelle: Franziska Kraufmann

Marburg. In Supermärkten kosten Plastiktüten schon seit Jahren Geld. In allen anderen Geschäften hingegen werden Einkäufe bislang in der Regel gratis eingepackt. Doch das soll sich nun ändern. Denn Plastiktüten stehen in der Kritik, weil sie sich in der Natur praktisch nicht zersetzen und Kleinteile von Seetieren wie Fischen oder von Vögeln gefressen werden.

Schritt für Schritt sollen die kostenlosen Plastiktüten nun aus dem Handel verschwinden. Das sieht eine geplante freiwillig Vereinbarung des Handelsverbandes Deutschland (HDE) und des Bundesumweltministeriums vor, der sich zahlreiche Handelsunternehmen anschließen wollen. Ausgenommen sind extrem dünne Plastiktüten wie sie etwa für Obst, Gemüse oder Wurstwaren benutzt werden.

Ganz freiwillig ist diese Selbstverpflichtung indes nicht gekommen: Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte bereits angekündigt, eine gesetzliche Regelung einzuführen, wenn die Händler nicht reagieren.
Zahlreiche Unternehmen wollen sich deshalb der Vereinbarung anschließen, die am 
1. April in Kraft tritt. Sie sieht vor, Plastiktüten nicht mehr kostenlos abzugeben.

dm-Markt-Verantwortlicher begrüßt Initiative

Die Höhe des Entgelts für Plastiktüten legen die Unternehmen aus kartellrechtlichen Gründen individuell fest. „Es beteiligen sich zum Start so viele Unternehmen, dass bereits 60 Prozent der Tüten im Handel erfasst sind“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Innerhalb von zwei Jahren sollen mindestens 80 Prozent der Kunststofftüten in Deutschland kostenpflichtig sein. Die Teilnahme weiterer Branchen ist vorgesehen.

Die Drogeriemarktkette dm teilt mit, bei der Initiative dabei zu sein: Der dm-Gebietsverantwortliche Alexander Hüge, zuständig auch für die Märkte in Marburg, erklärt: „Wir bei dm beschäftigen uns schon seit längerer Zeit mit der Frage, welche Einkaufstaschen von unseren Kunden gewünscht sind und inwieweit wir dies mit den Aspekten der ökologischen Nachhaltigkeit vereinbaren können. Daher haben wir uns vor einiger Zeit dazu entschlossen, in einigen Märkten im Rahmen eines Tests keine Plastik-Tragetaschen mehr kostenlos anzubieten – so auch in den drei Marburger dm-Märkten. Dies wurde von unseren Kunden überwiegend positiv aufgenommen.“

Tests zeigen: Verzicht macht den Kunden nichts aus

Früher hatte dm die kleinen Tüten zusätzlich zu den Bezahltaschen angeboten, damit die Kunden kleinteilige Produkte transportieren konnten. Die Restbestände der Plastiktüten würden nun dem Wertstoffkreislauf zugeführt.

Künftig gebe es mehrere Alternativen – „von der Tragetasche aus Recycling-Kunststoff oder Papier bis zu attraktiven Mehrweg-Taschen aus stabilem Recycling-Kunststoff oder Bio-Taschen aus Bio-Baumwolle. Damit bieten wir unseren Kunden eine breite Auswahl, mit der wir diese dazu anregen möchten, zu den umweltfreundlichen Mehrweg-Alternativen zu greifen“, sagt Erich Harsch, Vorsitzender der dm-Geschäftsführung.

Konkurrent Rossmann hat – nach anfänglicher Verweigerungshaltung – nun auch den Schritt getan und kostenlose Tüten aus dem Sortiment verbannt. Beim Kaffee-Verkäufer Tchibo werden seit Anfang Januar 20 Cent fällig, wenn der Kunde eine Plastiktüte benötigt. Wie das bei den Kunden ankommt, hat Tchibo in Österreich getestet: Dort verzichtet der Händler schon seit vergangenem Juli auf kostenlose Plastiktüten – seitdem sei der Verbrauch in den Filialen um 75 Prozent zurückgegangen.

Media-Markt bietet nur noch Papiertüten

„Im Frühjahr führen wir zusätzlich eine faltbare Mehrwegtragetasche ein, die auch bei Gelegenheitskäufen praktisch mitgenommen werden kann“, erklärt Stefan Dierks, Leiter Produkte & Strategien im Bereich Unternehmensverantwortung.

Auch der Marburger Media-Markt hat Plastiktüten bereits aus dem Sortiment verbannt. Holger Neubauer, Geschäftsführer des Markts am Erlenring, erläutert auf Anfrage der OP, dass er aus Gesichtspunkten des Umweltschutzes den Verzicht auf kostenlose Plastiktüten sehr befürworte.

„Bei uns gibt es derzeit nur noch Papiertüten“, so Neubauer. Es handele sich dabei um eine Übergangszeit, wie er betonte – „und auch die Papiertüten sind nicht kostenlos. Zukünftig werden wir dann verstärkt auf große, stabile und wiederverwendbare Plastiktüten setzen – ähnlich den großen Ikea-Taschen“, verdeutlicht Neubauer. Diese seien groß und stabil genug, um auch größere Artikel der Unterhaltungselektronik zu transportieren – einmal 1,50 Euro werden dafür fällig.

Bekleidungshändler sehen Verpflichtung kritisch

Vielen Bekleidungshändlern ist allerdings bewusst, dass der Verzicht auf kostenlose Plastiktüten bei etlichen Verbrauchern Kopfschütteln auslösen würde. „Viele Textilhändler haben inzwischen auf Papiertüten umgestellt“, berichtet Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE).

Die oft aufwendig lackierten Tüten fallen nicht unter die Plastiktütenregelung. Dabei weisen Umweltschützer darauf hin, dass die Papiertüten nicht automatisch ökologisch vorteilhafter sind als eine normale Kunststofftüte und oft sogar eine viel schlechtere Energiebilanz aufweisen. Die Ketten C&A und H&M werden künftig für Plastiktüten dennoch eine Gebühr einführen. Und bei Kik gibt es sogar nur noch Baumwolltaschen.

Die lokalen Einzelhändler, die keiner Kette angehören, sind indes noch ein wenig unschlüssig, wie sie mit dem Thema umgehen sollen. So sagt beispielsweise Bernd Brinkmann, Inhaber des Kaufhauses Teka in der Marburger Bahnhofstraße, dass er noch nicht endgültig entschieden habe, wie es mit den kostenlosen Tüten künftig weitergehen werde.

„Intelligente Lösungen einfallen lassen“

„Das ist ein hochsensibles Thema“, sagt er. Denn ihm sei bewusst, dass durch Plastiktüten viele Probleme entstünden. „Wir werden uns als mittelständisches Unternehmen letzten Endes natürlich den Mitbewerbern anpassen“, sagt Brinkmann. Allerdings wisse er noch nicht genau, wie eine Lösung aussehe. „Wir haben das Problem, dass wir uns im Konfektionsbereich schwer tun, auf die Plastiktüte gänzlich zu verzichten“, sagt der Teka-Chef.

Seiner Meinung nach seien die Händler „gut beraten, wenn sie sich intelligente Lösungen einfallen lassen“ – welche das genau sein könnten, das wisse er derzeit aber noch nicht. „Es kann aber nicht sein, dass der Kunde seine Konfektion über dem Arm tragend aus dem Laden bringen muss“, sagt Brinkmann.

von Andreas Schmidt

 
 Hintergrund: Plastiktüten
Laut einer EU-Vorgabe muss der Verbrauch von Kunststofftüten bis 2025 auf 40 Tüten im Jahr sinken. In Deutschland sind es derzeit 71 Tüten je Einwohner. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte den Handel Mitte Januar ermahnt, eine angekündigte Selbstverpflichtung nicht endlos zu verschleppen. Andernfalls sei „eine Regelung per Ordnungsrecht“ unausweichlich. Außer mit dem HDE wird auch mit anderen Branchenvertretern gesprochen. (dpa)
 
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