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Knapp 50 Millionen durch Mindestlohn?

Studie Knapp 50 Millionen durch Mindestlohn?

24670 Menschen arbeiten im Kreis Marburg-Biedenkopf für einen Niedriglohn. Die Kaufkraft würde durch die Einführung eines einheitlichen Mindestlohns deutlich steigen, sagt eine Studie des Pestel-Instituts.

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Mehr Geld für die Konsumenten durch den Mindestlohn? Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie des Pestel-Instituts.

Quelle: Sven Hoppe

Marburg. Gewerkschaften fordern ihn seit langem, Arbeitgeber lehnen ihn strikt ab: Eine neue Studie des Pestel-Instituts in Hannover sorgt für neue Diskussionen zwischen den verhärteten Fronten. Das Ergebnis der Studie: Im Landkreis Marburg-Biedenkopf arbeiten rund 24670 Menschen für einen Niedriglohn. Sie verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde. Die Wissenschaftler haben darüber hinaus untersucht, welche positiven Effekte ein gesetzlicher Mindestlohn für die heimische Wirtschaft hätte: „Die Kaufkraft im Kreis würde um 49,7 Millionen Euro pro Jahr steigen. Vorausgesetzt, jeder Beschäftigte verdient künftig mindestens 8,50 Euro pro Stunde“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut. Der Leiter der Mindestlohn-Studie erwartet, dass der Zuwachs an Kaufkraft nahezu eins zu eins in den Konsum gehen würde.

Hundt: Einstieg in Arbeit wird erschwert

Für die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sind die Ergebnisse der Studie ein klares Argument für die sofortige Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes von 8,50 Euro. Beide Gewerkschaften hatten die Untersuchung in Auftrag gegeben. „Wer den ganzen Tag arbeitet, muss mit dem, was er verdient, auch klarkommen können. Das klappt aber nicht, wenn Dumpinglöhne gezahlt werden. Und ein Dumpinglohn ist alles unter 8,50 Euro pro Stunde“, sagt die Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Mittelhessen, Susanne Pitzer-Schild.

Als Reaktion auf ein Gewerkschaftsgutachten hat Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt einem gesetzlichen Mindestlohn erneut eine Absage erteilt. Nach seiner Einschätzung würden entsprechende Pläne von SPD, Grünen und Linkspartei zulasten der Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt gehen. „Insbesondere für Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose würde der Einstieg in Arbeit erheblich erschwert“, sagte Hundt. Die schädlichen Folgen ließen sich in allen Ländern Europas beobachten, die einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn hätten. „Dort ist auch die Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit dramatisch höher als in Deutschland“, sagte Hundt.

Niedriglöhner seien gezwungen, kürzerzutreten und Verzicht zu üben, sagen dagegen die Gewerkschaften. „Sie können am Leben nicht richtig teilnehmen. Das fängt schon beim Bus- und Bahnticket an. Für Ausflüge und selbst für Verwandtenbesuche reicht das Geld oft nicht. Genauso wie fürs Kino oder Schwimmbad“, sagt Susanne Pitzer-Schild. Ein Niedriglohn bedeute automatisch „eine Lebensqualität dritter Klasse“.

Das zeige sich ganz besonders beim Einkauf: „Wer von einem Niedriglohn lebt, für den sind die Käse- und die Frischfleischtheke im Supermarkt tabu. Bei Lebensmitteln kommen dann nur Sonderangebote und Billigprodukte in Frage. Am besten reduzierte Ware: Zweite-Wahl-Produkte oder Sachen kurz vor dem Ablaufdatum. Geringverdiener sind gezwungen, jeden Cent zweimal umzudrehen“, sagt der Geschäftsführer der NGG-Region Mittelhessen, Andreas Kampmann.

Vorwürfe an die schwarz-gelbe Regierung

NGG und Verdi werfen Lohndumping-Arbeitgebern vor, sie würden sich ihre „Geiz-Löhne“ vom Steuerzahler subventionieren lassen. „Nämlich dann, wenn Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Teilzeit- oder Vollzeitjob haben, aber so wenig verdienen, dass der Staat mit Hartz IV drauflegen muss. Das ist dann quasi staatlich subventioniertes Lohndumping. Solche Arbeitgeber sind schlichtweg unanständig“, so Andreas Kampmann.

Heftige Kritik üben Verdi und NGG an der schwarz-gelben Bundesregierung: „CDU/CSU und FDP sind die Mindestlohn-Bremsen. Die Wahrheit ist, beide - Union und Liberale - wollen keinen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn. Vor der Bundestagswahl nicht. Und nach der Bundestagswahl erst recht nicht“, sagt Pitzer-Schild.

von Andreas Arlt und unserer Agentur

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