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Klägerin will 67000 Euro Abfindung

Arbeitsgericht Klägerin will 67000 Euro Abfindung

Der ehemaligen Prokuristin der Marburger Rohstoffverwertung (MRV) in Goßfelden war betriebsbedingt, verhaltensbedingt und fristlos gekündigt worden. Sie klagt, will eine Abfindung in Höhe von 67000 Euro.

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Die ehemalige Controllerin der Marburger Rohstoffverwertung in Goßfelden hat gegen ihre Kündigung geklagt und verlangt stattdessen eine Abfindung.

Quelle: Archivfoto

Goßfelden. Eine der drei Kündigungen hatte Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle bereits verhandelt: die fristlose. Rühle sah es damals als erwiesen an, dass die heute 34 Jahre alte Frau ihrem ehemaligen Arbeitgeber eine Netzwerk-Festplatte entwendet hatte und diese an den ehemaligen Geschäftsführer der MRV weitergegeben hatte. Dieser hatte indes ein Konkurrenz-Unternehmen eröffnet - auf der Netzwerkfestplatte befanden sich unter anderem auch Kundendaten. Die Klägerin hatte mit ihrem Anwalt gegen Rühles Urteil Berufung eingelegt, das Verfahren wird im Oktober vor dem Landesarbeitsgericht in Frankfurt verhandelt.

Am Freitag ging es beim Kammertermin indes um eine Kündigung vom 25. Juni: Aus betriebsbedingten Gründen hatte die MRV der Frau, die nicht nur als Prokuristin, sondern auch als Personalerin, Controllerin und enge Vertraute des ehemaligen Geschäftsführers mit vielen Abrechnungen betraut war, gekündigt.

9000 Tonnen Schrott verschwunden

Die Begründung: Durch die Umstrukturierung des Betriebs sei ihr Arbeitsplatz zu ungefähr 75 Prozent weggefallen. Die übrigen Arbeiten seien auf andere Mitarbeiter verteilt worden.

Rühle erläuterte: „Der heutige Kammertermin ist eingebettet in eine ganze Fülle von Prozessen.“ Die Klägerin, die seit Oktober 2004 bei dem Unternehmen beschäftigt war, sei „mit in die Turbulenzen geraten“. Das Recycling-Unternehmen war vom damaligen Eigentümer in 2011 an den Scholz-Konzern verkauft worden, wie Rühle berichtete. Der ehemalige Eigentümer wurde als Geschäftsführer eingesetzt, zudem arbeiteten auch seine beiden Söhne und seine Ehefrau im Unternehmen mit. Doch dann sei dem neuen Besitzer aufgefallen, dass unter anderem 9000 Tonnen Schrott verschwunden seien und auch Anlieferungen mehrfach gewogen worden seien - wodurch laut Rühle das Entgelt mehrfach ausgezahlt worden sei. „Dadurch hat die Buchhaltung gestimmt, denn die Wiegescheine waren da - nur der Schrott hat gefehlt“, erläuterte Rühle.

Es folgten mehrere Prozesse und auch die Kündigungen gegen den Geschäftsführer und seine Söhne - darauf folgte die erste ordentliche Kündigung der Klägerin am 25. Mai 2012. Damals befand sie sich in Elternzeit, die Kündigung war unwirksam. Die betriebsbedingte Kündigung sprach das Unternehmen am 25. Juni 2012 aus - die Frau sollte das Unternehmen zum 31. Dezember 2012 verlassen. Zudem folgte noch die fristlose Kündigung im März 2013.

Richter: Es gab auch Grund für die Neuorganisation

Am Freitag ging es um die betriebsbedingte Kündigung. Diese war jedoch von dem Unternehmen zwischenzeitlich zurückgenommen worden. Doch die Klägerin hatte die Rücknahme dieser Kündigung nicht angenommen. „Muss sie auch nicht. Vielmehr hat sie einen Auflösungsantrag gestellt“, erläuterte Rühle. Die Klägerin argumentierte, dass die Weiterbeschäftigung bei der Beklagten unzumutbar sei und sie daher eine Abfindung in Höhe von mindestens 67000 Euro verlange. Dazu war die Beklagtenseite aber nicht bereit.

Auch argumentierte die Klägerin, ihr Arbeitsplatz sei nicht weggefallen. Doch das Unternehmen führte aus, 75 Prozent der Arbeiten würden durch die Umstrukturierungen in Goßfelden nicht mehr benötigt, der Rest sei auf andere Mitarbeiter verteilt worden. So finde der „Schrottkleinhandel“ nicht mehr statt, vielmehr verarbeite man nur noch Schrott für die Scholz Recycling AG innerhalb des Konzerns. Daher habe man auch eine Niederlassung der Scholz AG auf dem Gelände errichtet.

Das Argument der Klägerin: Es gebe doch einen Gemeinschaftsbetrieb, daher müsse eine Sozialauswahl erfolgen - und dabei auch der Betriebsleiter der Scholz AG berücksichtigt werden.

Arbeitsrichter Rühle wies die Klage allerdings ab. In seiner Urteilsbegründung führte er aus, dass durch die Umstrukturierung in der Tat der Arbeitsplatz der Klägerin weggefallen sei. Die Firma habe eine unternehmerische Entscheidung getroffen, die gerechtfertigt sei. „Die Klägerin hatte in der Firma den Überblick und das entsprechende Sagen.“ Nach dem Verkauf sei die Stelle der Controllerin nicht mehr notwendig gewesen „Die Neuorganisation erfolgte unter Beteiligung der Scholz AG, und die Stelle der Klägerin ist weg“, so Rühle. „Es gab auch Grund für die Neuorganisation, denn der Betriebsleiter hatte katastrophale Zustände vorgefunden“, erläuterte Rühle. Zudem habe es einen „Riesenschaden von 4 Millionen Euro“ gegeben - und da die Klägerin als Controllerin dies trotz eines überschaubaren Umfelds nicht gemerkt habe, habe das Unternehmen das Recht, umzustrukturieren.

Auch sei die Sozialauswahl nicht zu beanstanden. Denn, so der Richter: „Es gab keine Vergleichbarkeit. Die Stellung der Klägerin war einzigartig.“ Und da es keine vergleichbaren Arbeitnehmer gebe, könne letztendlich auch keine Sozialauswahl greifen.

von Andreas Schmidt

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