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Klägerin stellt Arbeit ein – aus Angst

Aus dem Arbeitsgericht Klägerin stellt Arbeit ein – aus Angst

Bei einem Personalgespräch soll die Frau des Geschäftsführers einer Gebäudereinigungsfirma eine 
Angestellte massiv 
bedroht haben – daher klagte die Frau.

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Eine Gebäudereinigerin hatte ihren Arbeitgeber verklagt, weil die Frau des Geschäftsführers sie beleidigt habe.

Quelle: Achim Weigel

Marburg. Die Parteien hatten sich bereits vor „gar nicht allzu langer Zeit“ vor Gericht getroffen, wie Arbeitsgerichtsdirektorin Manuela George erläuterte. Streitgegenstand war damals eine fristlose Kündigung, gegen die die Reinigungskraft vorgegangen war – damals sei sie angeblich alkoholisiert zur Arbeit erschienen. Das hatte die Frau im ersten Prozess vehement bestritten – vielmehr habe sie mit Desinfektionsmitteln hantiert, was ihr Arbeitgeber wohl gerochen habe.

Der Arbeitgeber zog die Kündigung zurück – ihre Anwältin Dr. Marina Marschall habe damals gesagt, dass sie hoffe, „ihre Mandantin werde am Arbeitsplatz keinen Repressalien ausgesetzt“, rief die Richterin den Beteiligten das Geschehen zurück ins Gedächtnis. Aus dem geschlossenen Vergleich zitierte sie, dass man die Klägerin wie bisher beschäftigen werde – und zwar in Vollzeit.

„Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass das Arbeitsverhältnis nun normal fortgeführt werden kann“, sagte George. Doch das war offenbar ein Trugschluss. Denn die Klägerin wollte im neuerlichen Prozess festgestellt wissen, dass sie so lange nicht arbeiten muss, bis ihr Arbeitgeber sicherstellt, dass sie an ihrem Arbeitsplatz weder bedroht noch beleidigt wird.

Beleidigung: Klägerin 
habe „ein Hühnerhirn“

Hintergrund dieses laut George ungewöhnlichen Ansinnens war, dass die Frau nach Beendigung des ersten Prozesses zu einem Personalgespräch gebeten worden sei. Dort sei sie „erheblichen Schikanen“ ausgesetzt gewesen. Die Frau des Geschäftsführers sei zu dem Gespräch hinzugekommen, habe sich als Chefin aufgeführt und ihr befohlen, einen neuen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Dies soll die Frau mit der Geste des „Stinkefingers“ unterstrichen haben.

Zudem habe die Frau die Klägerin beschimpft und bedroht haben: Sie habe gesagt, die Klägerin habe ein „Hühnerhirn“, außerdem könne sie „hundert Mal zu einer Rechtsanwältin und zu Gericht rennen – in ihrer Firma gelten andere Rechte“, zitierte George aus dem Antrag. Außerdem werde die Reinigungskraft zukünftig nur noch „die schwersten Arbeiten zu verrichten haben – und zwar so lange, bis sie verreckt“ sei. Des Weiteren habe die Frau des Geschäftsführers eine Mitarbeiterin angewiesen, die Polizei anzurufen und dieser zu sagen, die Klägerin habe sie angegriffen. Dazu ist es jedoch wohl nicht gekommen.

Der Arbeitgeber schilderte die Situation anders: Die Reinigungskraft habe um einen neuen Vertrag gebeten, weil sie nur noch geringfügig beschäftigt arbeiten wolle – maximal zwei Stunden pro Tag. Diesen habe man der Frau vorgelegt – worauf sie ihre Meinung spontan geändert habe. Auch das Gespräch sei ganz anders abgelaufen: Es sei sachlich geführt worden, die Klägerin habe die Ehefrau des Geschäftsführers indes auf Russisch beleidigt – „ihr seid alle dumm“ habe sie gesagt.

Dem widersprach wiederum Anwältin Marschall vehement: „Eine geringfügige Beschäftigung macht nur Sinn, wenn man einen Ehemann hat, der schön Geld verdient, und man verdient etwas hinzu.“ Ihre Mandantin habe jedoch keinen Ehemann, „sie würde also ihren Krankenversicherungsschutz verlieren – das ist doch eine vollkommen 
absurde Geschichte“.

Parteien einigen sich auf Kündigung und Abfindung

Rechtsanwalt Jürgen Bandte erwiderte, dass für seinen Mandanten der Wunsch ganz klar gewesen sei, „dass die Klägerin – aus welchen Gründen auch immer – einen geringfügig Beschäftigten Vertrag wollte. Selbst das Objekt, in dem sie arbeiten wollte, hatte sie mitgeteilt.“ Letztlich sei die Klägerin lautstark türenknallend aus dem Büro verschwunden, „seitdem ist sie arbeitsunfähig erkrankt“, so Bandte.

Die beiden Anwälte lieferten sich in der Folge ein emotionales Wortgefecht, sprachen von „Lügengeschichten übelster Art“, das die Arbeitsrichterin mehrfach unterbinden musste. Sie wies darauf hin, dass das Arbeitsverhältnis weiter bestehe – „was wollen Sie also erreichen?“, fragte sie.

Denn die Klägerin müsse ihre Anschuldigungen beweisen, das sei bisher nicht geschehen. „Wenn im Ansatz etwas dran ist, was die Klägerin vorgetragen hat, dann kann das nicht so bleiben“, sagte die Richterin. Falls jedoch nicht, dann sei dem Arbeitgeber kein Vorwurf zu machen.

Sie riet den Parteien zu einer gütlichen Einigung und gegebenenfalls zur Auflösung des Vertrags, denn „ich sehe nicht, dass auf dem Arbeitsverhältnis der Segen liegt“.

Letztendlich einigten sich die Parteien darauf, dass das Arbeitsverhältnis innerhalb von 
14 Tagen mittels betriebsbedingter Kündigung endet und die Klägerin eine Abfindung in Höhe von 2000 Euro erhält.

von Andreas Schmidt

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