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Kläger will arbeiten, keine Abfindung

Aus dem Arbeitsgericht Kläger will arbeiten, keine Abfindung

Aufgrund lange andauernder Erkrankungen kündigte die Firma Winter einem langjährigen Mitarbeiter. Dagegen geht der Mann gerichtlich vor.

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Ein 52-Jähriger klagt vor dem Arbeitsgericht gegen seine krankheitsbedingte Kündigung bei der Firma Winter.

Quelle: Peter Steffen / dpa

Gießen. Seit 34 Jahren arbeitet der 52 Jahre alte Kläger bereits in der Eisengießerei Winter in Stadtallendorf. „Ich habe dort mit 18 angefangen und kenne nichts anderes. Alles, was ich kann, habe ich dort gelernt“, sagte er am Mittwoch während der Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht.

Doch die Gießerei hatte dem Mann im Februar gekündigt. Denn seit 2011 hatte er laut Personalleiter Andreas Fiedler „immense Fehlzeiten“ aufgrund von Erkrankungen angehäuft. Von 2011 bis 2014 hätten die Fehlzeiten zwischen 20 und 30 Prozent betragen, 2015 sei die Quote auf 56 Prozent angestiegen – und im vergangenen Jahr sogar auf 82 Prozent.

Seit dem Jahr 2015 habe sich das Integrationsamt intensiv mit dem Fall des schwerbehinderten Klägers befasst und der Kündigung letztendlich zugestimmt – „nachdem deutlich wurde, dass mit der neuen, nachhaltigen Arbeitsunfähigkeit seit 2016 keine Verbesserung in Sicht ist“, betonte der Rechtsbeistand des Unternehmens, es gebe keine positive Zukunftsprognose. Allerdings hatte das Unternehmen kein formales „Betriebliches Eingliederungs-Management“ (Bem) vorgenommen, wie eigentlich vom Gesetz gefordert. Aber man habe ständig mit allen Beteiligten in Kontakt gestanden.

Hausarzt stellt gute Prognose

Rechtsanwalt Swen Friauf erläuterte die Erkrankungen seines Mandanten: Zunächst habe er unter anderem psychische Probleme gehabt, da sein Vater verstorben sei. „Dann hat er wieder an seinem ursprünglichen Arbeitsplatz gearbeitet“, so Friauf – doch dann habe sein Mandant im vergangenen Mai einen Schlaganfall erlitten. „Sein Hausarzt geht allerdings davon aus, dass er innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate wieder seiner beruflichen Tätigkeit nachgehen kann“, sagte der Anwalt. Allerdings wohl nicht an seinem bisherigen Arbeitsplatz, sondern „leidensgerechter“, wie Friauf betonte. Prinzipiell wolle sein Mandant auf jeden Fall wieder arbeiten, „denn das ist auch aus psychischer Sicht für ihn immens wichtig“, betonte Friauf.

Fiedler erläuterte, dass es durchaus Arbeitsplätze im Unternehmen mit leichteren Tätigkeiten gebe – so etwa in der „Hofkolonne“, die für Winterdienst oder Rasenmähen zuständig ist. „Allerdings sind dort derzeit keine Arbeitsplätze frei – das ist unser Dilemma.“ Der Kläger sagte indes: „Es muss nicht die Hofkolonne sein – es gibt viele andere Möglichkeiten. Ich will arbeiten und nicht, dass ich gekündigt werde.“

Finanzielle Forderungen liegen zu weit auseinander

Arbeitsrichterin Claudia Schymik verdeutlichte, dass das fehlende Bem durchaus einer Kündigung im Weg stehen könne, da die Vorgaben sehr streng seien. Gleichwohl betonte sie, dass die Ausfallzeiten des Klägers „sehr hoch“ seien, „normal ist, was unter 30 Tagen im Jahr liegt. Alles, was darüber liegt, ist zu viel – das kann ein Arbeitgeber nicht jahrelang hinnehmen“. Sie regte daher eine gütliche Einigung an.

Dies sei prinzipiell denkbar, erläuterte Friauf, und man habe bereits Gespräche geführt – läge jedoch bei den finanziellen Vorstellungen zu weit auseinander. Er habe den üblichen Wert eines halben Monatsgehalts mit den 34 Arbeitsjahren multipliziert und sei so – inklusive Urlaub und Zulagen – auf einen Betrag von 75.000 Euro gekommen. Doch dies war der Beklagtenseite zu hoch. Und der Kläger sagte: „Sie könnten mir auch 100.000 Euro geben – ich will arbeiten.“

  • Da die gütliche Einigung nicht möglich war, legte die Richterin einen Kammertermin für den 28. Juni fest.

von Andreas Schmidt

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