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Kein Mann in seinem Boot

Gewerbe ächzen unter langem Winter Kein Mann in seinem Boot

Es gibt solche, die als Gewinner und solche, die als Verlierer aus dem langen harten Winter gehen. Und es gibt Roman Gischler. Der Betreiber des Bootsverleihs klagt nicht, er handelt.

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Noch sind die Bänke am Bootsverleih an der Lahn leer. Roman Gischler hofft aber, dass er kommende Woche mit Verspätung in die Saison starten kann. Fotos: Marie Lisa Schulz

Marburg. Nein. Wie ein Pessimist sieht er nicht aus, so wie er da in seiner gelben Jacke sitzt und in den Himmel blickt. Sonnenschein. Vereinzelt mal ein Wölkchen. Eigentlich perfekt. Wenn da nicht die Kälte wäre, die sich nach und nach in den Gliedern festsetzt, durch Jacken und Pullover kriecht und jede Motivation, die Sonne zu genießen, nach wenigen Minuten wieder im Keim erstickt. Nein. Kein gutes Wetter, um die Boote ins Wasser zu lassen, Räder zu vermieten und Eis zu verkaufen. Glühwein und heißer Kakao - das wäre eine Geschäftsidee. Aber Roman Gischler, Betreiber des Bootsverleihs an der Lahn, will keine Kompromisse machen. Er will in der nächsten Woche in die Saison starten. „Wir konnten wegen der Kälte die Boote nicht reparieren. Normalerweise brauchen wir dafür zwei Wochen. In diesem Jahr waren es zwei Monate.“

Bau- und KFZ-Gewerbe melden massive Einbrüche

„Die gefrorene Lahn hat außerdem unseren Steg kaputt gedrückt, den mussten wir komplett neu machen.“ Mit drei Wochen Verspätung wird Roman Gischler nun eröffnen. „Ich bleibe da aber gelassen. Ich rechne immer erst am ende der Saison zusammen. Was bringt es mir, schon im März zu eröffnen und dann einen verregneten Sommer zu haben?“, fragt Gischler gelassen. Den Wetterbericht hat er seit Jahren nicht mehr gesehen. Wieso auch? Die Leute kommen, wenn es warm ist, sie bleiben weg, wenn es regnet, stürmt oder friert. „Ich schalte immer um, wenn der Wetterbericht kommt. Was soll ich mich denn da stressen?“

So viel Gelassenheit kennt Thomas Rudolff, Sprecher und Konjunkturbeobachter der Industrie und Handelskammer Kassel-Marburg, normalerweise nicht. Er hört häufig nur die Beschwerden. Das laute Stöhnen über diesen ungewöhnlich langen und harten Winter. „Die wohl größte Verlierer ist die Bauwirtschaft. Die haben einfach viele Projekte nicht weiterführen können“, macht Rudolff klar. Aber auch Autohändler seien betroffen. „Wer will schon mit einem Neufahrzeug durch Schnee fahren. Es gab einen massiven Einbruch bei Neuwagenkäufen?“ bilanziert er.

Heizölhändler sind dieGewinner des Winters

Ein weiterer Verlierer: die Gastronomie - ohnehin gerade konjunkturell schwach aufgestellt. „Ich bin mir nicht sicher, ob sich das alles nur auf das Wetter zurückführen lässt“, stellt Thomas Rudloff fest. Das Gewerbe schwächelt. Wetterunabhängig.

Aber es gibt auch Unternehmen und Branchen, die von dem Winter profitiert haben. „Alle die, die im Bereich der Energieversorgung unterwegs sind, sind die klaren Gewinner“, macht Rudolff deutlich. „Das sind nicht nur die großen Energieversorger sondern auch die kleinen Heizölhändler um die Ecke.“ Dann, wenn der Heizölvorrat aufgebraucht war und nachgeliefert werden musste. Nicht immer zum günstigsten Preis. Ein weiterer Gewinner: der KFZ-Servicebereich. „Alle Unternehmen, die im Servicebereich angesiedelt sind, partizipieren vom Winter.“ Leere Batterien, kleinere und größere Schäden an den Autos. Selten größere Reparaturen, dafür aber eine Vielzahl an Kundenkontakten.

Bootsverleih-Betreiber Roman Gischler hat sich abgewöhnt, seine Laune dem Wetter unterzuordnen. Stattdessen stürzt er sich in die Arbeit. 40 Boote müssen aufgearbeitet werden. Neue Farbe hier, eine Komplett-Restauration da. Bei der Frage, was er sich für die neue Saison wünscht, bleibt Gischler bescheiden. Er nennt nicht die Sonne, Besuchermassen oder einen starken Umsatz als Erstwunsch. Stattdessen sagt er: „Ich freue mich ganz einfach auf den Normalbetrieb.“

von Marie Lisa Schulz

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