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Kein Drogentest – keine Ausbildung

Kreisjobcenter lehnt Antrag ab Kein Drogentest – keine Ausbildung

Mit dauerhaftem Hartz-IV-Bezug will sich ein 33-Jähriger nicht abfinden – und strebt eine Ausbildung an. Obwohl ihm von der Schule die Eignung dafür bescheinigt wird, lehnt das Kreisjobcenter die Förderung ab.

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Dass er im Jahr 2009 berauscht am Steuer erwischt wurde, wird einem gebürtigen Hinterländer nun zum Verhängnis: Das Kreisjobcenter verlangt von ihm einen Drogentest.

Quelle: Torsten Leukert

Marburg. Der gebürtige Hinterländer Joachim S. (Name von der Redaktion geändert) hat nach dem Abitur zunächst Englisch und Geschichte auf Lehramt studiert, wechselte dann in die Fachrichtung Politik.

Allerdings habe er 2009 familiäre Probleme bekommen: Seine älteste Schwester erkrankte schwer, was den 33-Jährigen heftig belastete. „Ich habe dann durch eigene Dummheit meinen Führerschein verloren“, gibt er zu – denn er hatte damals einen Joint geraucht und wurde bekifft am Steuer erwischt.

S. zog wieder zu seinen Eltern ins Hinterland, die durch die Situation mit der erkrankten Schwester ebenfalls stark belastet waren. „Ich wollte sie unterstützen und für sie da sein“, erzählt er. Die Schwester verstarb 2010 – damit war für S. zunächst nicht mehr an die Uni zu denken. „Ich wohnte bei meinen Eltern, hatte keinen Führerschein und Probleme mit der Mobilität – und hatte auch ein Jahr mit Trauerarbeit zu tun.“

Bereits lange für den Landkreis gearbeitet

Kurz darauf verstarb auch noch seine Oma, seine Beziehung ging in die Brüche. 2013 berappelte sich S. jedoch wieder: Er beschloss, sein Studium abzubrechen und sein Leben wieder „auf die Reihe“ zu bringen, wie er sagt.

Das Soziale habe ihm immer schon gelegen. „Ich habe mein Studium immer alleine finanziert, habe nie Bafög bekommen, sondern mich mit Nebenjobs über Wasser gehalten“, erzählt S. – unter anderem arbeitete er nach eigenen Angaben acht Jahre lang für das Jugendamt des Landkreises als Betreuungs- und Familienhelfer. 2014 sei der Job jedoch ausgelaufen.

„Ich hatte aber beschlossen, in diesem Berufsfeld eine abschließende Qualifikation zu bekommen“, so der 33-Jährige. Die Idee: Eine Ausbildung zum Erzieher an der Käthe-Kollwitz-Schule. S. zog zurück nach Marburg, musste sich aber zwangsläufig beim KJC melden und Hartz IV beantragen, „denn wenn die Ausbildung losgeht, brauche ich die Unterstützung“.

Im Oktober vergangenen Jahres meldete er sich also beim KJC – zunächst positiv gestimmt. „Denn es gibt ja Gesetze, an die sich die Mitarbeiter halten müssen. Ich war also der Meinung, dass man ordentlich behandelt wird“, erzählt S. Allerdings habe sich seine Meinung nun gewandelt. Seine Fallmanagerin sei überhaupt nicht auf seine persönliche Geschichte eingegangen, habe sich stur hinter Paragrafen versteckt.

Schule hält S. für geeignet

S. bewarb sich auf etliche Stellen im erzieherischen oder sozialpädagogischen Bereich. „Allerdings bekam ich nur Absagen, da die Arbeitgeber eine abschließende Qualifikation als pädagogische Fachkraft natürlich bevorzugten“, erzählt er. Also bewarb er sich um eine Ausbildungsstelle zum Erzieher an der Käthe-Kollwitz-Schule. „Ich musste zwei Aufnahmeverfahren durchlaufen und bekam einen der Ausbildungsplätze“, freut er sich.

Das Problem: Da S. bereits älter als 30 Jahre ist, bekommt er kein Bafög mehr. Also beantragte er eine Förderung der Weiterbildung beim KJC. „Dabei geht es nur darum, dass das KJC in den ersten zwei Jahren der Ausbildung meine Grundsicherung weiter übernimmt“, erklärt er. Es gehe also um denselben Betrag, den er bekommen würde, wenn er weiter arbeitslos bliebe.

Doch auch die mittlerweile zweite Fallmanagerin weigerte sich – S. sei „persönlich nicht geeignet“, so die Begründung. „Und das, obwohl mir die Eignung von der Schule bestätigt wurde.“ Er habe sein Problem mit dem Führerscheinverlust – und vor allem den Grund für diesen – auch an der Schule erklärt. „Das spielte keine Rolle, man sagte mir, wenn ich ein Gesundheits- und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlege, sei alles in Ordnung.“ Er wisse, dass er damals einen Fehler begangen habe. „Aber man muss auch realistisch sein: Das liegt jetzt sechs Jahre zurück“, sagt S.

S.: Das mit dem Joint liegt lange zurück

Die Fallmanagerin hingegen wolle ihn quasi zwingen weiterhin arbeitslos zu bleiben „und so zum Langzeitarbeitslosen ohne Perspektive zu werden“, verdeutlicht S. „Dabei könnte ich ab 2017 Steuerzahler sein, denn als Erzieher sind die Job-Aussichten sehr gut.“

Doch das KJC ignoriere ihn und seine Anliegen, verlange stattdessen einen Drogentest – „wegen eines Joints, der schon Jahre zurückliegt“, wie S. sagt. „Ich habe sogar eine medizinisch-psychologische Untersuchung angeboten, um meinen Führerschein zurückzubekommen“, sagt er – „ohne Erfolg“. Nun hat er erneut Widerspruch eingelegt – und hofft auf seine letzte Chance, „denn sonst muss ich die Ausbildung abbrechen und stehe wieder bei null da“.

Aus Sicht des Landkreises stellt sich die Situation anders dar. Nachdem S. seine Einwilligung erteilt hat, gibt der Landkreis Auskunft: Es sei zutreffend, dass S. einen Antrag auf Leistungen nach dem SGB II und auch für eine Ausbildungsförderung gestellt habe.

KJC stellt Leistungen ein

Da er jedoch zwischenzeitlich die Ausbildung begonnen habe, habe er auch keinen Anspruch mehr auf Leistungen. „Daher hat das KJC den Antrag auf Leistungen nach dem SGB II auf Basis der geltenden Rechtsgrundlagen abgelehnt. Außerdem hat das KJC den Antrag auf Ausbildungsförderung aufgrund der nach unserer Einschätzung fehlenden persönlichen Eignung für den gewünschten Erzieherberuf abgelehnt“, teilt der Landkreis auf Anfrage der OP mit.

Dazu geführt habe auch die fehlende Konstanz im Lebenslauf von S.: Es gebe drei begonnene und ohne Abschluss abgebrochene Studien, seine bisherigen Bewerbungen „bezogen sich auf Stellen, für die er nicht qualifiziert war – folglich waren diese Bewerbungen erfolglos. Somit war dem Vorrang der Vermittlung in eine Arbeit nicht ausreichend Rechnung getragen, zumal eine Integration in den Arbeitsmarkt aus unserer Sicht möglich erschien“, so der Landkreis.

Entsprechend der geltenden Rechtsgrundlagen sei der Vermittlung in Arbeit gegenüber einer Ausbildungsförderung jedoch zunächst Vorrang einzuräumen. Problematisch sei auch der Fall des Drogenmissbrauchs. „Im Interesse von S. hat das KJC daher angeregt, dass er einen Drogentest machen solle, um zu belegen, dass diese Drogenproblematik nicht mehr aktuell ist. Diesen Drogentest hat S. jedoch vehement abgelehnt.“

Kreis betont Verantwortung

Der Test habe dazu dienen sollen, „amtlich zu bestätigen, dass die Episode des Drogenmissbrauchs im Leben von S. abgeschlossen ist. Zudem vertreten wir die Auffassung, dass der Beruf des Erziehers ein Höchstmaß an Verantwortungsbewusstsein erfordert, dem ein Drogenmissbrauch nicht gerecht wird“, so der Landkreis.

Es sei nicht zu verantworten, eine Ausbildungsförderung aus Steuergeldern zu finanzieren, „wenn letztlich ein potenzieller Drogenmissbrauch einen Abschluss dieser Ausbildung oder ein Einstieg in den erlernten Beruf zumindest unwahrscheinlich macht“. Zudem sei ein Erzieher „in direktem und unmittelbarem Umgang mit Kindern eingesetzt, so dass das KJC auch vor diesem Hintergrund eine Ausbildungsförderung ohne Drogentest folgerichtig abgelehnt hat“.

Der Kreis erkenne das ehrenamtliche Engagement im sozialen Bereich an, „das sicherlich zu einer positiven Einschätzung der fachlichen Eignung für den Erzieherberuf beiträgt. Neben der fachlichen Eignung müssen wir jedoch auch die persönliche Eignung berücksichtigen. Einer positiven Einschätzung dieser persönlichen Eignung von S. stehen jedoch der aktenkundige Drogenmissbrauch und insbesondere die Weigerung, einen Drogentest zu machen, entgegen“.

von Andreas Schmidt

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