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„Kein Anlass, Entscheidung zu überdenken“

4 Fragen, 4 Antworten: Harald Schick „Kein Anlass, Entscheidung zu überdenken“

Die EZB-Zinspolitik kurbelt nicht den Konsum an. Im Gegenteil: Die Bürger sparen trotz fehlender Zinsen weiter, sagt Harald Schick.

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Quelle: Sparkasse

OP: Es gibt in mehren Orten Initiativen, etwa von Ortsbeiräten, die versuchen, Filialschließungen zu verhindern. Wird die Sparkasse in einigen Orten dem Druck nachkommen oder sieht sie Bedarf, den Beschluss nochmal zu überdenken? Zum Beispiel in Ockershausen? Dort leben viele alte Menschen, es gibt mehrere Altenheime. Die nächste Filiale wäre in der Innenstadt.
Harald Schick: Ockershausen ist ein gutes Beispiel. Wir betreuen seit vielen Jahren Heimbewohner, die nicht mobil sind, direkt in den Pflegeeinrichtungen und werden dieses Serviceangebot auch in der Zukunft aufrechterhalten. Zudem stellen wir bei Bedarf die Versorgung mit Bargeld per Post oder Boten sicher. Vor diesem Hintergrund sehen wir keinen Anlass, unsere Entscheidung nochmals zu überdenken.

OP: Die Sparkassen schimpfen ebenso wie die Genossenschaftsbanken über zunehmende Regulierung. Wem würden Sie da gern mal die Meinung sagen?
Schick: Den Verantwortlichen in Brüssel. Ausgelöst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise in 2007 hat sich eine regelrechte Regulierungsflut über den Bankenbereich ergossen. Gerade die kleinen und mittleren Sparkassen und Genossenschaften sind davon besonders betroffen, müssen sie doch die Richtlinien mit viel Aufwand und hohem Personaleinsatz in gleicher Weise wie die Großbanken umsetzen, obwohl sie sicher nicht verantwortlich für diese Krise 
sind. Ich bin in der Sparkasse unter anderem für die Bereiche Compliance, Geldwäsche, Datenschutz und Informationssicherheit verantwortlich und sehe daher täglich, welche Aufwände und Kosten die Umsetzung solcher Vorschriften verursacht.

OP: Wann wird es – auch – Strafzinsen für Privatkunden geben?
Schick: Die Idee zur Einführung von Verwahrentgelten oder wie Sie es nennen Strafzinsen, stammt nicht von den Sparkassen. Auch hier sitzen die Verantwortlichen an anderer Stelle. Die EZB berechnet Kreditinstituten, die kurzfristig Einlagen bei ihr parken, ein Verwahrentgelt von 0,4 Prozent. Je länger diese Situation andauert, desto mehr Kreditinstitute werden gezwungen, dieses Entgelt an ihre Kunden weiterzugeben. Dafür gibt es bereits einige Beispiele in Deutschland. Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf plant derzeit keine Einführung von Verwahrentgelten bei Privatkunden. Im Übrigen wird aus meiner Sicht das angestrebte Ziel dieser extensiven Zinspolitik, nämlich eine höhere Kreditvergabe sowie eine Steigerung der privaten Konsumausgaben nicht erreicht. Aufgrund fehlender Verzinsung der Einlagen gehen die Kunden mehr und mehr dazu über, ihre Sparquote zu erhöhen, um damit ihre Altersvorsorge zu sichern.

OP: Ein aktuelles Thema ist die Wohnimmobilien-Kreditrichtlinie. Eine 65 Jahre alte Hausbesitzerin bekam keinen Kredit mehr, um ihr Bad seniorengerecht zu sanieren. Ist das Alltag?
Schick: Dieser Fall wurde in den Medien dargestellt. Er hat aber keinen Bezug zur Sparkasse Marburg Biedenkopf. Bei enger Auslegung dieser Richtlinie ist diese Konstellation 
jedoch denkbar. Kreditinstitute dürfen sich nicht mehr nur darauf verlassen, dass sie im Falle einer Zahlungsunfähigkeit des Kunden dessen Immobilien als Sicherheit haben. Eine Rückzahlung des Kredites muss innerhalb der normalen Lebenserwartung möglich sein. Aus diesen Vorschriften ergeben sich Probleme, die zwischenzeitlich auch in der Politik wahrgenommen werden. Aus meiner Sicht sind hier Änderungen dringend erforderlich.

von Anna Ntemiris

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