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Kaum einer kennt den blauen Becher

Neuer Klimaschutzbecher der Stadt Marburg Kaum einer kennt den blauen Becher

Der Kaffee „to go“, also zum Mitnehmen, steht in der Gunst der Deutschen ganz oben. Doch die Einwegbecher verursachen tonnenweise Müll. Daher hat die Stadt Marburg nun einen „Klimaschutzbecher“ aufgelegt.

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Bianca Kuhlmann vom „Café am Markt“ schäumt Milch im neuen Klimaschutzbecher der Stadt Marburg auf.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe landen jedes Jahr 2,8 Milliarden Einwegbecher im Müll. Das sind 32.000 Becher pro Stunde. Und weil die Becher nicht nur aus Pappe, sondern innen beschichtet sind und noch dazu meist unterwegs im normalen Restmüll landen, werden sie nicht recycelt – sondern kommen in Müllverbrennungsanlagen.

Der Marburger „Klimaschutzbecher“ soll das ändern. Seit dem 1. März gibt es diesen kostenlos in 19 Cafés und Bäckereien im Stadtgebiet. Er soll die ökologische Alternative zum Einwegbecher sein. Laut Stadt Marburg besteht der blaue Becher, der mit einem grünen Filzring und einem gleichfarbigen Silikondeckel daherkommt, zu 100 Prozent aus natürlichen Rohstoffen. Er werde in Deutschland produziert und ist laut Angaben der Stadt frei von Schadstoffen und Rohöl. Außerdem darf er bei Bedarf in der Spülmaschine gereinigt werden.

OP macht den Praxis-Test

Mit einem Inhalt von etwa 0,4 Litern fasst er auch Kaffeespezialitäten, wie etwa Latte macchiato oder Milchkaffee. Und durch den Silikondeckel ist er auslaufsicher – hört sich also nach optimalen Bedingungen an, um den Klimaschutzbecher in Hand- oder Aktentasche dabeizuhaben.

Doch wie schaut es in der Praxis aus: Füllen Bäckereien und Cafés mitgebrachte Becher von Kunden überhaupt auf – oder haben sie Bedenken, etwa aufgrund von hygienischen Vorschriften? Die OP macht den Test.

Los geht es im oberen Steinweg – im Café Klingelhöfer. Die Verkäuferin ist zunächst skeptisch, denkt, die OP-Reporter wollten einen kostenlosen Kaffee. Doch nach der Klarstellung greift sie nach dem Becher und würde ihn problemlos füllen. „Das ist eine gute Idee und spart viel Müll“, sagt sie – wundert sich aber, dass sie den Becher bisher noch nicht gesehen hat.

Wenige Häuser weiter Richtung Marktplatz der nächste Test: Die Mitarbeiterinnen der Bäckerei Müller kennen den Becher ebenfalls nicht, sind auch skeptisch, ob sie ihn befüllen dürfen – „das kam bisher noch nicht vor“, sagt eine der Verkäuferinnen. Doch nach kurzem Überlegen wäre das Befüllen auch dort kein Problem.

Geschäftsleute vermissen Informationen der Stadt

Ebenso wenig, wie im „Contigo“: „Das ist ja eine tolle Idee, so wird viel Müll vermieden“, sagt die Verkäuferin. Sie habe keinerlei Probleme damit, den Klimaschutzbecher mit Kaffee nach Wahl zu füllen – auch wenn sie ihn bisher nicht kennt. Und hygienische Bedenken? Hat sie nicht. „Der Becher sieht doch sehr sauber aus“, sagt sie – wäre er allerdings schmuddelig oder verdreckt, dann würde sie den Kunden abweisen.

Im „Café am Markt“ ist der Becher ebenfalls unbekannt – und das, obwohl das Rathaus nur einen Steinwurf entfernt ist. Inhaber Felix Heinzmann ist von der Idee des Klimaschutzbechers begeistert – doch weder er noch seine Mitarbeiterinnen haben ihn bisher je gesehen. „Ich würde mir wünschen, dass solch eine Möglichkeit den Geschäftsleuten mitgeteilt würde“, sagt er. „Und wenn es dann noch die Möglichkeit gäbe, den Becher mit dem eigenen Firmenlogo zu bedrucken, würde ich einige kaufen.“

Derweil arbeitet Mitarbeiterin Bianca Kuhlmann mit dem Klimaschutzbecher: Sie schäumt die Milch direkt im Becher auf, Espresso oder ein normaler Kaffee lassen sich aber nur über Umwege einfüllen. Denn der Becher ist zu hoch, passt nicht unter den Auslauf der Siebträger-Maschine.

Nicht jeder macht mit

Auch Felipe Cruz vom „Cappuccino“ hält den Klimaschutzbecher für eine gute Idee. „Einige Mitarbeiter der Geschäfte in der Umgebung holen sich bisher schon ihren Kaffee bei mir in mitgebrachten Tassen“, sagt er – und hat somit auch kein Problem damit, den blauen Becher mit Kaffee zu füllen. In der Oberstadt gibt es also keine Schwierigkeiten, Koffein-Nachschub mit ökologisch gutem Gewissen zu erhalten. Spannend ist das Thema aber auch für Pendler – etwa am Südbahnhof.

Dort gibt es die Bäckerei Born. Und Mitarbeiterin Nadine Sill sagt, dass sie uns den Becher nicht befüllen kann. Denn sie dürfe aus hygienischen Gründen keine Gegenstände über die Theke hinweg annehmen. Ihre persönliche Meinung ist aber eine andere: „Ich finde das eine sehr gute Idee und so schlecht sehen die Becher auch gar nicht aus“, sagt sie.

Auch im „Schwälmer Brotladen“, der mit zahlreichen Filialen im Stadtgebiet vertreten ist, gibt es kein Problem. Fabian Dippel von der Bäckerei erläutert auf Nachfrage der OP: „Selbst mitgebrachte Becher dürfen befüllt werden. Alleine schon aus Umweltschutzgründen unterstützen wir diese Idee.“

Ein Filialist, der ebenfalls viele Bäckereien mit „Coffee-to-go“-Angebot in Marburg betreibt, sind „Schäfer‘s Backstuben“. Auf eine Anfrage, ob mitgebrachte Becher in den Filialen gefüllt werden, gab es jedoch vom Unternehmen keine Antwort. Beim Test in der Bäckerei am Wilhelmsplatz wurde unser Klimaschutzbecher jedoch nicht gefüllt – aus „hygienischen Gründen“.

Hygiene muss gewährleistet bleiben

Die Hygiene-Bedenken teilt Achim Siehl, Klimamanager beim Fachdienst Stadtgrün, Klima- und Naturschutz, nicht: „Die gesetzliche Regelung der allgemeinen Hygieneverordnung schließt Mehrwegbecher nicht aus“, heißt es.

Die Deutsche Umwelthilfe empfehle beim Wiedereinschenken in einen gebrauchten Becher drei Dinge: „Der Becher sollte erstens durch eine einfache Sichtkontrolle auf seine Sauberkeit überprüft werden. Wie im Umgang mit Lebensmitteln üblich, sollten zweitens von den Verkäuferinnen und Verkäufern Handschuhe getragen werden. Drittens ist zu empfehlen, das Trinkgefäß nicht in Kontakt zum Abfüllstutzen zu bringen“, erläutert Siehl. Bürgermeister Franz Kahle (Grüne) ergänzt: „Hinter der Ladentheke wird Geld entgegengenommen. Ein zuhause gespülter Kaffeebecher ist ganz eindeutig sauberer.“

Vonseiten des Gesundheitsamts heißt es, dass der Betreiber dafür verantwortlich sei, die hygienerechtlichen Aspekte im Umgang mit Mehrwegbechern zu beachten. Er müsse „die Sicherheit eines Lebensmittels auf allen Stufen der Lebensmittelkette gewährleisten. Wenn er sich dazu entschließt, Mehrwegbecher zu verwenden, hat er dafür Sorge zu tragen, dass von diesem Produkt keine Gefährdung für den Verbraucher entstehen kann“. Somit sei ein für den eigenen Betrieb spezifisches Hygienekonzept zu erstellen, um potenzielle Übertragungen von Keimen auszuschließen.

Die Mehrwegbecher sind im Café Gastro Welt, Bistro Café Lavari, in La Manufacture d‘Anouk, der Konditorei Vetter, den Bis
tros von Juko Marburg, den Filialen von Siebenkorn, der Bäckerei Kraft und Horst kostenlos erhältlich.

Läden, die Interesse an der Verwendung des Klimaschutzbechers haben, können sich an Achim Siehl, Telefon 06421 / 2011549, oder achim.siehl@marburg-stadt.de wenden. Eine finanzielle Beteiligung der Stadt sei – abhängig von der Bestellmenge – möglich.

von Andreas Schmidt
 und Emilia Vogt

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