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„Marburg braucht eine Vision“

Stadtplanung „Marburg braucht eine Vision“

Um den Bedarf an ­Wohnungen in Marburg ­decken zu können, ­fordert Karsten Schreyer ein Umdenken bei 
der Stadtplanung.

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In der Marburger Eisenstraße verwirklicht S+S Immobilien ein neues Wohnprojekt mit 50 Wohnungen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wenn Karsten Schreyer aus seinem Bürofenster im Ortenbergcenter schaut, dann blickt er direkt auf den Lokschuppen. Schreyer war es, der das Projekt des Umbaus quasi ins Rollen brachte, denn er wollte dort Wohnungen bauen. Doch es kam anders, das ­Ergebnis ist bekannt. „Der Lokschuppen ist eine Leidenschaft, die nicht geplatzt ist, sondern eine, die ich konsequent abgesagt habe“, sagt Schreyer in der Retrospektive. Als klar geworden sei, dass dort eine Wohnraumbebauung nicht gewünscht gewesen sei, habe er sich zurückgezogen und auch nicht am Bieterverfahren teilgenommen.

Das Thema Wohnraum treibt ihn dennoch um – nicht nur in Marburg. So hat S+S kürzlich die ehemalige Ludwig-Erk-Schule in Wetzlar gekauft, die abgerissen werden soll, um dort 80 Wohneinheiten mit rund 6000 Quadratmetern Fläche zu schaffen. Auch im Rhein-Main-Gebiet ist Schreyer mit seinem Unternehmen aktiv, eröffnete ein Büro in Frankfurt, arbeitet dort an Projekten mit. Ist Marburg zu klein geworden für den Unternehmer?

„Haben im Nordviertel 90.000 Quadratmeter entwickelt“

„Marburg beschäftigt uns nach wie vor und wird auch immer unser Hauptstandort bleiben“, sagt Karsten Schreyer. Doch der Schritt in den Süden sei unabdingbar gewesen. „Wir haben mittlerweile 15 Mitarbeiter – würden wir mit denen nur in Marburg agieren, dann hätten sie nicht genug zu tun.“ Auch sei es schon immer ein Wunsch von Schreyer gewesen, ins Rhein-Main-Gebiet zu gehen, „weil es dort einen unheimlichen Bedarf gibt, der nicht gedeckt werden kann.“ Vor allem das Thema Grundstücke sei dort sehr wichtig. Das schließe wiederum den Kreis nach Marburg. „Es gibt zwar hier immer wieder Grundstücke und wir haben auch einige entwickelt, von denen viele niemals dachten, dass dort eine Wohnraumbebauung möglich gewesen wäre“, sagt Schreyer. Bei vielen Marburgern sei in der Wahrnehmung noch gar nicht angekommen, dass das Nordviertel „ein wertiges Wohngebiet geworden ist“.

Wenn S+S die kommenden Projekte – wie etwa den gerade begonnenen Wohnkomplex Eisenstraße – abgeschlossen habe, „dann haben wir im Nordviertel um die 800 Wohneinheiten, die wir gebaut haben. Hinzu kommen etliche Gewerbeflächen. In Summe haben wir im Nordviertel rund 90.000 Quadratmeter Grundstücksfläche entwickelt“, fasst er zusammen.

Es gebe noch einige kleinere­ Flächen, an denen Schreyer­ dranbleibe. Doch das Unternehmen habe den Fokus weiter aufgezogen. Neben dem Rhein-Main-Gebiet eben auch auf Wetzlar sowie auf Gießen, Limburg und Bad Nauheim oder Hanau. All diesen Regionen sei gemein: Sie hätten eine Vision, in welche Richtung sich die Stadtentwicklung in Zukunft entwickeln soll. Und dazu gehöre auch die Wohnbauplanung.

Schreyer fordert „großen Wurf“ wie am Richtsberg

„Auch Marburg braucht eine­ Vision“, sagt Schreyer, der eine­ stringente Stadtentwicklungsplanung vermisst. Dabei steht für den Unternehmer fest: „Es gibt Bedarf für weitere 2500 Wohnungen in den nächsten­ fünf bis zehn Jahren.“ Und zwar nicht nur für studentisches ­Wohnen, sondern vielmehr auch mit größeren Einheiten, um Raum für Familien und alle Generationen zu schaffen.

Schreyers Forderung: Es müsse „ein großer Wurf“ her, wie man ihn früher bei der Bebauung des Richtsbergs geleistet habe. Denn: „Mit klein-klein kommen wir nicht weiter. Beim Richtsberg hat man groß gedacht, und das Projekt wurde sogar prämiert. Und das sage ich nicht, weil es mein Großvater realisiert hat“, sagt Schreyer lachend. Um für Generationen attraktiven und auch bezahlbaren Wohnraum zu entwickeln, fehlten in Marburg die Flächen. „Ich finde, dass die Stadt in der Pflicht ist, Flächen zu schaffen und diese mit ihren eigenen Wohnbaugesellschaften zu entwickeln und so bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, fordert Schreyer.

Themen wie Wohnraumverdichtung, Aufstockung oder Hinterhofbebauung dürften bei dem akuten Bedarf keine Tabus­ bedeuten. Ebenso wenig, wie Höhe. „Wir wollen ja keinen zweiten Affenfelsen bauen“, sagt er. Doch würden Häuser mit acht oder zehn Stockwerken nicht automatisch das Stadtbild verschandeln.

Sozialquote als Hemmnis für private Investoren

Darüber hinaus sollte die Stadt schauen, wo es „gewerblich ungenutzte oder mindergenutzte Flächen gibt, die man noch in Richtung Wohnen entwickeln kann“. Das würde im Umkehrschluss auch die Wirtschaft stützen. Denn: „Man kann sich nicht auf der Schatztruhe Oberstadt und Schloss ausruhen. Die kommenden Generationen erwarten ein anderes Wohnen und ein anderes Angebot“, ist sich der Unternehmer sicher. Dazu gehörten seiner Meinung nach auch innerstädtische Parkplätze – andere mittelhessische Städte machten es vor.

Dass Karsten Schreyer seiner Heimatstadt treu bleibt, zeigen­ die aktuellen Projekte: So wird in der Alten Kasseler Straße neben dem Edeka-Markt eine Kombination aus Hotel und Boarding-House mit 150 Zimmern entstehen. Und in der ­Eisenstraße entstehen weitere 50 Wohnungen.

Als problematisch sieht Karsten Schreyer die „Sozialquote“, nach der bei Projekten ab 20 Wohneinheiten ein Sozialanteil geschaffen werden müsse. „Ich bin nicht gegen die Quote, aber für einen privaten Bauträger ist sie ein Hemmschuh – auch für andere Investoren.“ Denn die Quote verfälsche letztlich „komplett die Entwicklung der Wohnungspreise sowohl im Verkauf als in der Vermietung“. Schlussendlich subventioniere der Anteil der freien Wohnungen den Sozialteil, die freien Wohnungen würden überproportional teuer.

Und: Man sei im Nachteil gegenüber Entwicklern, die Projekte bis zu 19 Wohnungen realisierten. Deren Wohnungen könnten wesentlich günstiger verkauft werden. Denn: „Bei einem Projekt wie in der Eisenstraße werden die freien Wohnungen rund 500 Euro pro Quadratmeter teurer.“ Dennoch will Karsten Schreyer auch weiterhin in Marburg­ ­bauen. Und das nicht nur 
­wegen der guten Geschäfte. „Sondern weil ich Marburger bin“, sagt er.

von Andreas Schmidt

Die Visualisierung verdeutlicht, wie das Ensemble nach der Fertigstellung aussehen soll. Grafik: Architekturbüro Schneider
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