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Karrieresprung startet mit Baby-Pause

Nicole Schreiner Karrieresprung startet mit Baby-Pause

Kind und Karriere: Das Thema ist in aller Munde, aber in der realen Berufswelt finden sich nur wenige Frauen, die von positiven Erfahrungen berichten können. Nicole Schreiner (33) ist eine davon.

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Nicole Schreiner (33) mit ihrer Tochter Maila. Nach einjähriger Babypause wird die junge Mutter bei der Sparkasse eine höhere Position annehmen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Sie wollte sich beruflich weiterentwickeln: Vor einem Jahr erfuhr Nicole Schreiner, Gewerbekundenberaterin der Sparkasse Marburg-Biedenkopf in Gladenbach, dass am Hauptsitz des Kreditinstituts in Marburg eine höhere Stelle ausgeschrieben war. Die damals 32-Jährige bewarb sich. Kurze Zeit später wurde sie schwanger.

„Ich war mir zunächst unsicher. Soll ich die Bewerbung zurückziehen? Oder am Vorstellungsgespräch teilnehmen?“, erzählt Nicole Schreiner rückblickend. Sie entschied sich, der Einladung zur Vorstellung zu folgen und ihre Schwangerschaft zu thematisieren.

„Ich dachte nicht, dass ich die Stelle bekomme, wenn ich sage, dass ich in einigen Monaten mein erstes Kind erwarte. Aber ich wollte ein möglichst gutes Bild von mir abgeben und ehrlich sein, damit ich beim nächsten Mal gute Chancen habe“, berichtet die Sparkassenbetriebswirtin.

Sparkasse geht seltenen Weg

Doch die junge Frau hatte von Anfang an gute Chancen. Sie war qualifiziert und nach Ansicht des Vorstands und der Auswahlkommission die geeignetste Bewerberin für diese Stelle, wie Vorstandschef Andreas Bartsch der OP bestätigt. „Ich erklärte, dass ich den Wechsel möchte, aber zunächst in Elternzeit gehen müsste und dann nur in Teilzeit arbeiten könnte“, erzählt Schreiner. Der Haken: Sie hatte sich für eine Vollzeitstelle beworben.

Doch die Sparkasse wollte sie und schlug einen für viele Betriebe immer noch seltenen Weg ein: Sie sagte Nicole Schreiner zu, dass sie nach einer einjährigen Pause die Stelle haben könne – in Teilzeit. „Das war für mich eine große Überraschung“, strahlt sie.

Nicole Schreiner wird ab Oktober die zweite Frau im zehnköpfigen Team der Firmenkundenberater in Marburg sein. Der Fall Schreiner habe sich in der Sparkasse herumgesprochen, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte des Kreditinstituts, Manuela Landschneider-Kirsch, er habe viele Frauen motiviert. „Das ist ein gutes Signal im Haus: Die Elternpause bedeutet kein Karriereknick.“

„Ich konnte nur gewinnen“

Viele Kolleginnen würden sich in der Schwangerschaft nicht trauen, sich für eine andere Stelle zu bewerben. Das bestätigt Nicole Schreiner auch. Sie habe jetzt viele positive Reaktionen erhalten. Dabei sei sie keine Anhängerin der Frauenquote und hätte auch mit einer negativen Entscheidung leben können, ergänzt sie.

„Ich konnte mit der ganzen Geschichte nur gewinnen. Bei einer Absage hätte ich meine bisherige Aufgabe in Gladenbach behalten und dort Stunden reduzieren können“, sagt sie. Die Gleichstellungsbeauftragte betont, dass die Entscheidungsträger bei einem Bewerbungsgespräch private Dinge wie eine Schwangerschaft ausblenden müssen. Formal dürfte dies also keine Auswirkungen auf die Entscheidung haben.

„Mir war dennoch wichtig, dass ich das von mir aus anspreche, damit von Anfang an klar ist, was ich mir vorstelle“, so Schreiner. Sie freut sich auf den Wiedereinstieg in den Beruf. „Ich möchte eine neue berufliche Herausforderung und eine Abwechslung zu meinem bisherigen Alltag zu Hause“, sagt sie.

Homeoffice als langfristige Alternative?

Ihr Ehemann werde sie unterstützen, er arbeitet in der Kreisverwaltung und habe ebenfalls Stunden reduziert. Die kleine Tochter Maila wird in die Kita gebracht. Und wenn es mit der Eingewöhnung in der Kita nicht so funktioniert, wie es sich die Eltern vorgestellt haben? Sie habe einen Plan B, lacht Schreiner. „Die Großeltern und Stiefgroßeltern“.

Wäre Homeoffice eine Alternative? Das gibt es bei der Sparkasse nicht – vielleicht noch nicht, sagt Landschneider-Kirsch. Solche und andere Themen erörtern zehn Mitarbeiterinnen der Sparkasse im Arbeitskreis „Frauen und Karriere“, der alle sechs Wochen zusammenkommt.

Ziel sei, dem Vorstand Forderungen und Vorschläge vorzutragen, um mehr Frauen den Aufstieg in Führungspositionen zu ermöglichen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Um mehr Frauen in Spitzenämter zu bringen, müsse man sie in frühen Jahren fördern. Daher sei das Beispiel von Schreiner der richtige Weg.

von Anna Ntemiris

 
Hintergrund
In der Sparkasse Marburg-Biedenkopf arbeiten 772 Mitarbeiter. Der Frauenanteil beträgt 61 Prozent oder auch 473 Frauen. Davon arbeiten 53 Prozent in Teilzeit. Nur vier Prozent der Sparkassen-Männer sind laut Unternehmen in Teilzeit beschäftigt.
 
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