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„Kanten müssen wir noch abschleifen“

Staatsminister Dr. Helge Braun zu Gast am UKGM „Kanten müssen wir noch abschleifen“

Alle Pflegeberufe sollen künftig gemeinsam ausgebildet werden, eine Spezialisierung erfolgt erst später – so der Ansatz des geplanten „Pflegeberufsgesetzes“. Noch sind viele Fragen offen.

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Staatsminister Dr. Helge Braun (links) kam mit den Jugendvertretern der Rhön-Klinikum AG 
zusammen, um sich deren Kritik am geplanten Pflegeausbildungsgesetz zu stellen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Ziel der Bundesregierung ist es laut eigenem Bekunden, die Pflegeberufe „weiterzuentwickeln, inhaltliche Qualitätsverbesserungen vorzunehmen und die Attraktivität des Beschäftigungsfeldes zu steigern“.

Dies soll durch das neue Pflegeberufegesetz geschehen. Kernpunkt: Die Ausbildungen in der Altenpflege, der Krankenpflege und der Kinderkrankenpflege werden zu einer neuen, generalistisch ausgerichteten Pflegeausbildung zusammengeführt. Auch soll die Ausbildungsfinanzierung neu geordnet werden, zudem wird die Einführung einer ergänzenden akademischen Ausbildung geprüft.

KJAV fordert Nachbesserung bei Gesetzentwurf

Doch das Vorhaben stößt nicht überall auf Gegenliebe: So befürchten beispielsweise die Betreiber von Seniorenheimen, dass ihnen aufgrund der Reform künftig die Pflegekräfte ausgehen – denn die Arbeit in der Krankenpflege könne attraktiver sein, als die in der Altenpflege (die OP berichtete).

Auch die Konzern-, Jugend- und Auszubildendenvertretung (KJAV) der Rhön-Klinikum AG sieht in dem Gesetzesentwurf noch umfangreichen Nachbesserungsbedarf. Daher hatten die Vertreter Staatsminister Dr. Helge Braun ans UKGM nach Marburg eingeladen, um mit ihm strittige Punkte zu diskutieren.

Für die KJAV ist klar, dass der Pflegeberuf aufgewertet werden muss – dazu könne eine attraktive Ausbildung „einen wichtigen Beitrag leisten“, so Tobias Fischer, Vorsitzender der KJAV.

Der generalisierte Ausbildungsgang nehme jedoch „jegliche Vertiefungsmöglichkeiten, die es braucht, um den Umfang der Ausbildungsinhalte vermitteln zu können“. Auch fordert der KJAV, dass ein zehnprozentiger Anteil an Praxisanleitung verbindlich im Gesetz festgeschrieben werden müsse – denn dies sei bisher nur eine Empfehlung in einigen Bundesländern.

Ziel soll die Stärkung 
der Ausbildung sein

Auch die Möglichkeit, Pflegeschulen die Trägerschaft der Ausbildung – inklusive der Praxis – zu überlassen, lehnen die Jugendvertreter ab, denn so würden den Azubis Handlungsmöglichkeiten der Mitbestimmung genommen.

Für Dr. Helge Braun ist klar: „Wir sind jetzt in der Erstellungsphase. Daher war mein Interesse natürlich zu hören, was diejenigen, die es konkret betrifft, für Anliegen haben.“ Diese könne man durchaus noch mit einbringen. „Wir waren uns aber einig, dass das Ziel eine Stärkung der Ausbildung ist“, so Braun.

Bei der Generalisierung müsse man sich aus seiner Sicht zwei Dinge anschauen. „Wir haben sehr intensiv über das Thema Stoff-Fülle gesprochen. Wir haben derzeit eine sehr spezialisierte Ausbildung und einen unglaublichen Wissenszuwachs in der Medizin, der auch in der qualifizierten Pflege parat sein muss“, so der Minister. Vor diesem Hintergrund sei der Ansatz einer „dreijährigen, grundständigen Ausbildung“ nicht falsch.

Ärztliche Ausbildung mit Vorbild-Charakter?

Auf der anderen Seite gebe es aber die Sorge, „wenn man sich erst hinterher spezialisiert – wie wirkt sich das aufs Lohngefüge und die Weiterbildungskosten aus“, so Braun. Diese Sorgen seien berechtigt, „da müssen wir schauen, ob man in der Ausbildung schon Spezialisierungen absolviert oder ob man ein System schafft, wie die Weiterbildung funktioniert“.

Ein Vorbild könne die ärztliche Ausbildung sein, „wenn man damit fertig ist, ist man auch erst mal Arzt – und danach muss man schauen, wie man sich spezialisiert. Das ergibt sich im Rahmen der normalen Tätigkeit“, konkretisierte Braun.
Er habe im Gespräch mit der KJAV gelernt, „dass die Gesamtverantwortung nicht auf die schulischen Träger ausgelagert werden darf“. Die Stärke des dualen Ausbildungssystems liege auch „in der Bindung des Auszubildenden von Beginn an seinen Arbeitgeber“ begründet – dies solle man nicht infrage stellen.

Der Gesetzentwurf sei allerdings „sehr gut geeignet, die Pflege im internationalen Kontext vergleichbarer zu machen“. Und die Generalisierung trage auch dem Umstand Rechnung, „dass im Lebensverlauf auch mehr Flexibilität da ist, ­einen Tätigkeitsbereich zu wechseln. Das Ziel ist, die Anschlussfähigkeit auch in die pflegewissenschaftlichen Berufe herzustellen – der Trend zum Studium setzt sich auch im Pflege­beruf fort“. Das Gesetz biete dazu die Möglichkeit, „die Kanten müssen wir allerdings noch abschleifen“, sagte Braun. Er nehme aus dem Gespräch „wichtige Impulse“ mit.

Fragebögen werden an Beschäftigte verteilt

Bettina Böttcher, Betriebsratsvorsitzende am UKGM-Standort Marburg, wies darauf hin, dass am 17. November eine zweite Betriebsversammlung stattfinde – erneut zum Fragebogen, der allen Beschäftigten beider UKGM-Standorte zugesendet werde. „Allerdings wird es diesmal als Podiumsdiskussion ablaufen, damit die Beschäftigten auch Fragen stellen können und sich mehr einbringen können“, erläuterte Böttcher.

Sie betonte, dass möglichst viele Beschäftigte den Fragebogen beantworten sollen, „damit wir ein Instrument haben, mit dem wir messen können, wie die Arbeitsbedingungen wirklich sind. Denn mit der Erhebung und Auswertung sollen die Gespräche für einen Tarifvertrag Gesundheitsschutz fortgeführt werden“, verdeutlichte sie. In diesem Zusammenhang sei der Fragebogen „ein erster, wichtiger Schritt“.

von Andreas Schmidt

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