Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Kampf um Rhön-Klinikum voll entbrannt

Sperrminorität Kampf um Rhön-Klinikum voll entbrannt

Beim Rhön-Klinikum haben sich die Großaktionäre heillos untereinander zerstritten. Mit einem Großaufgebot von Anwälten gehen sie aufeinander los. Die Klärung kann Jahre dauern.

Voriger Artikel
Partikeltherapie wird Langzeitpatient
Nächster Artikel
Die "Neue Mitte" füllt sich mit Leben

Die Zentrale des Rhön-Klinikums in Bad Neustadt an der Saale: Fresenius, B. Braun, Asklepios und Sana streiten um die Vorherrschaft beim börsennotierten Eigentümer des UKGM.

Quelle: Archivfoto

Frankfurt. Die ersten Gewinner im milliardenschweren Pokerspiel um den fränkischen Klinikbetreiber Rhön stehen fest: Es sind die Anwälte.

Wurde ein Vertreter des nordhessischen Großaktionärs B. Braun Holding widerrechtlich auf der Frankfurter Hauptversammlung am 12. Juni kalt gestellt oder nicht - um diese juristisch durchaus komplexe Frage kreist zur Zeit die Diskussion in einem der heißesten Wirtschaftskrimis der vergangenen Jahre.

Im Mittelpunkt stehen vier Konzerne mit jeweiligem Milliardenumsatz, die um die Vorherrschaft auf dem privaten Krankenhausmarkt kämpfen.

Am Anfang stand der Traum des Rhön-Gründers Eugen Münch (68), der sein Lebenswerk abrunden will. Der kinderlose Münch träumt von einem umfassenden Krankenhausanbieter, dessen Kliniken für jeden deutschen Bürger innerhalb von 60 Minuten erreichbar sein sollten. Mit seinem eigenen, seit 1989 börsennotierten Unternehmen war Münch an den Grenzen des Wachstums angekommen: In einem zähen Ringen um jedes kleine, zur Privatisierung anstehende Kreiskrankenhaus machen sich seit Jahren mehrere Klinikketten gegenseitig das Leben schwer.

Vier Konzerne teilen den Klinikmarkt unter sich auf

Neben Rhön zählen dazu die Fresenius-Tochter Helios, die Hamburger Asklepios-Kette und der Münchner Betreiber Sana. Diese Unternehmen teilen sich im Wesentlichen den privaten Klinikmarkt in Deutschland auf, der etwa ein Drittel des Gesamtmarkts ausmacht.

Im Verbund mit dem auch auf anderen Medizin-Gebieten sehr erfolgreichen Fresenius-Konzern schien Münch 2012 seinem Ziel zum Greifen nah. Für rund 3,1 Milliarden Euro wollte der Dax-Konzern aus Bad Homburg 90 Prozent der Rhön-Aktien einsammeln und so aus dem eigenen Branchenführer Helios und der renditeschwächeren Rhön einen kaum noch angreifbaren Krankenhauskonzern schmieden.

Fresenius scheiterte an der hohen 90-Prozent-Hürde, die Münch einst selbst gesetzt hatte, um seinen Einfluss in der AG zu sichern. Der Konkurrent Asklepios sowie der Medizintechnikzulieferer B. Braun kauften Aktienpakete auf und konnten so gemeinsam eine eigene Sperrminorität von 10 Prozent aufbauen. Auch Fresenius und Sana halten seit dem Übernahme-Drama größere Aktienpaket von Rhön.

Für den Familienkonzern B.Braun stehen künftige Geschäfte auf dem Spiel. In vielen Sektoren stehen die mit Dauer-Kanülen („Braunüle“) groß gewordenen Nordhessen in direkter Konkurrenz zur Fresenius-Tochter Kabi und müssten im Fall einer Rhön-Übernahme um Aufträge fürchten.

Braun und Asklepios drohen weitere Klagen an

Wohl nicht zufällig drohte Münch nach dem Eklat von Frankfurt mit einer Auslistung der B. Braun-Produkte im Wert zwischen 10 und 30 Millionen Euro. Offiziell handelt es sich aber nur um eine routinemäßige Überprüfung der Lieferanten, erklärt Rhön.

Der Hamburger Klinikkonzern Asklepios des Alleininhabers Bernard Broermann will seine Marktposition behaupten. Vom Bundeskartellamt hat Broermann sogar die Genehmigung erhalten, mit 10 Prozent plus einer Aktie allein die Sperrminorität bei Rhön zu erlangen, dies aber noch nicht erreicht.

Möglicherweise war es diese Horrorvision, die Münch und weitere Aktionäre auf der Hauptversammlung vom 12. Juni zum schnellen Handeln veranlasst hat. Wegen eines angeblichen Formfehlers wurde der von B. Braun als „Legitimationsaktionär“ entsandte Frankfurter Anwalt Markus Linnerz von der entscheidenden Abstimmung ausgeschlossen.

Juristische Rückendeckung holte sich Aufsichtsratschef Münch gleich bei drei Anwaltskanzleien, darunter ausgewiesene Aktienrechts- Spezialisten wie die Münchner Societät Bub Gauweiler. Der Plan funktionierte zunächst: Mit knapp 90 Prozent wurde die alte Sperrminorität aufgehoben, fortan sind nur noch 75 Prozent plus eine Aktie für wichtige Entscheidungen notwendig. Die Übernahmehürde für Fresenius ist wie gewünscht deutlich abgesenkt worden.

Doch natürlich wollen sich B. Braun und auch Asklepios nicht auf diese Weise übertölpeln lassen. Bis zum Fristablauf am 12. Juli werde man beim Landgericht Nürnberg-Fürth Anfechtungsklage einreichen, teilten die Anwälte beider Unternehmen mit. Einen vorschnellen Eintrag der Satzungsänderung im Handelsregister werde man notfalls mit einer einstweiligen Verfügung verhindern. Mindestens ein weiterer Aktionär hat bereits Klage eingereicht, wie das Gericht bestätigte. Falls die Klagen angenommen werden, droht ein jahrelanger Rechtsstreit durch alle Instanzen.

Hintergrund:

Der private Krankenhausmarkt in Deutschland wird von wenigen, nahezu gleich starken Ketten beherrscht. Sie sind deutlich profitabler als die Kliniken in öffentlicher Hand. An dem Tauziehen um Rhön sind zudem weitere große Unternehmen beteiligt.

Die wichtigsten Kennzahlen aus den Jahresabschlüssen 2012:

  • Fresenius Helios (Berlin): 3,2 Mrd Euro Umsatz, 23 286 Betten
  • Asklepios (Hamburg): 3,0 Mrd Euro Umsatz, 26549 Betten -
  • Rhön-Klinikum (Bad Neustadt): 2,9 Mrd Euro Umsatz - 17 089 Betten
  • Sana Kliniken (Ismaning bei München) 1,8 Mrd Euro Umsatz, 9678 Betten
  • B. Braun AG (Melsungen) - 5,1 Mrd Euro Umsatz -
  • Fresenius Kabi (Bad Homburg): 4,5 Mrd Euro Umsatz
  • Fresenius SE (Bad Homburg): 19,3 Mrd Euro Umsatz, 169 000 Mitarbeiter     

von Christian Ebner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr