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Ehrung für die "Elite des Handwerks"

Jungmeister erhalten Briefe Ehrung für die "Elite des Handwerks"

In einer feierlichen ­Zeremonie erhielten 47 Meister der Region am Freitag ihre Meisterbriefe im Kreishaus.

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Hans Peter Wollseifer zeigte sich beeindruckt vom festlichen Rahmen, den die Kreishandwerkerschaft für die Übergabe der Meisterbriefe geschaffen hatte.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Leicht verspätet startete die Meisterfeier im Landratsamt – denn Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher steckte im Stau fest. „Es ist wie im echten Leben: Manchmal muss man auf den Handwerker warten“, scherzte er und begrüßte dann unter anderem Hans ­Peter Wollseifer, den Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, „das Höchste, was das Handwerk zu bieten hat“, wie Limbacher sagte.

Wollseifer zeigte sich beeindruckt vom festlichen Rahmen, den die Kreishandwerkerschaft für die Übergabe der Meisterbriefe geschaffen hatte. Aber, so Wollseifer: „Das hat das Handwerk auch verdient.“ Denn die Handwerker seien­ ein wichtiger Stützpfeiler der Deutschen Wirtschaft. „Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da war Deutschland der kranke Mann in Europa – und heute ist es die Wirtschaftsmacht Nummer eins. Wahrscheinlich ist es das beste Deutschland, das es je gab“, sagte der 62-Jährige.

47 Jungmeister haben am Freitag im Kreishause ihre Meisterbriefe erhalten.

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Daran sei das Handwerk maßgeblich beteiligt – ein wichtiger Bestandteil seien die Meister, „die ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an die nächste Generation weitergeben und so die Fachkräfte der Zukunft ausbilden, die wir dringend benötigen“. Die Grundlage dafür schaffe auch das duale Ausbildungssystem. „Wir sind die ständigen Angriffe auf dieses Bildungssystem leid“, sagte Wollseifer.

Auch in diesem Jahr habe man für dessen Erhalt  wieder „richtig kämpfen müssen“, sagte der Präsident – vor dem Hintergrund des Dienstleistungspakets der EU-Kommission. „Wir haben deutlich gemacht: Unser berufliches Bildungssystem ist Nationalstaatensache. Und: Der Meister im Handwerk bleibt, weil er ein weltweit anerkanntes Erfolgsrezept ist.“

Dieses Jahr blieben 19.000 Stellen im Handwerk frei

Trotz dieses Erfolgs entschieden sich laut Wollseifer zu wenige Jugendliche für die „Karriere mit Lehre“: Fast die Hälfte aller Betriebe klage darüber, Ausbildungsstellen nicht besetzen zu können. „Bis zum 30. September gab es bundesweit 19.000 offene Lehrstellen im Handwerk“, verdeutlichte der Präsident. Bei den Fleischern bliebe bereits ­jede dritte Stelle unbesetzt, bei Bäckern oder Installateuren jede Vierte. Und das, obwohl auch in diesen Berufszweigen die ­Digitalisierung schon längst gelebt werde. „Das hat Auswirkungen; der Fachkräftemangel wird zur Wirtschaftsbremse für die gesamte deutsche Volkswirtschaft“, sagte Wollseifer.

Um das Handwerk attraktiver zu machen, arbeite man daran, eine Verknüpfung von Gesellenbrief und Abitur zu erreichen. „Wir haben das sogenannte ,Berufsabitur‘ entwickelt, das es ermöglichen soll, innerhalb von vier Jahren eine vollständige Lehre mit dem Abiturabschluss zu verbinden“, verdeutlichte der Handwerkspräsident.

Erste­ Pilotprojekte seien bereits erfolgreich, „jetzt wollen wir eine Bildungsmarke daraus machen. Denn das Abitur ist bisher eine Einbahnstraße in die akademische Bildung – wir wollen den Jugendlichen beides bieten“.
Wollseifer setzte sich zudem vehement dafür ein, dass der Erwerb des Meisterbriefs künftig kostenfrei möglich sei. „Ein Studium ist für Studenten bis zum Examen kostenfrei – da finde ich es diskriminierend, wenn unsere jungen Leute die Meisterausbildung bezahlen müssen. Wer sie besteht, für den muss sie kostenfrei sein“, sagte er unter dem Applaus der Gäste.

Und auch der möglichen Einführung einer „blauen Plakette“ für Dieselfahrzeuge oder einem Fahrverbot von Dieseln erteilte­ Wollseifer eine klare Absage: Die Erreichbarkeit von Baustellen müsse weiter gegeben sein, denn es gebe „nahezu keine ­Alternative bei Nutzfahrzeugen bis dreieinhalb Tonnen“. Er versprach: „Wir werden uns weiterhin in der Politik für das Handwerk einsetzen.“

Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) ist sicher: „Der Meisterbrief ist eine­ unglaublich sichere Perspektive für Ihren beruflichen und persönlichen Lebensweg.“ Der Meisterbrief sei eine der besten Lebensversicherungen gegen Arbeitslosigkeit. Das auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Das bedeute aber auch, „dass der Wettbewerb um die klügsten Köpfe auch für das Handwerk eine tägliche Herausforderung sei“, so Schäfer.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) betonte, dass die Meister nun „einen fast sicheren Platz im Aufzug nach oben“ hätten, den Jungmeistern böten sich nun „alle Möglichkeiten für eine gute Zukunftsperspektive“ – nicht nur für sich, sondern auch für die Region. Denn: Nur die besten Köpfe reichten nicht aus, „wir brauchen die Leute, die Kopf und Hand zusammenbringen“ – das sei das Kennzeichen des Handwerks.

Die „Professoren des Handwerks“ sind Meister

Marburgs Oberbürgermeister­ Dr. Thomas Spies (SPD) verdeutlichte, dass „wir den Begriff meisterlich im täglichen Leben für etwas Außergewöhnliches  gebrauchen, was meisterhaft ist, ist richtig gut gemacht“. In Marburg würde dies mitunter verkannt, allerdings sei klar, „dass die Professoren des Handwerks die Meister sind“. Die Meister hätten eine ganz besondere Kompetenz – und mit der Ausbildung des Nachwuchses auch eine hohe Verantwortung.

Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich (CDU) erläuterte, dass er selbst gerne handwerklich aktiv werde – so habe er neulich „selbst eine Babywiege für meinen Enkel gebaut – der Enkel wächst und gedeiht, und die Wiege steht auch noch immer“, scherzte er. Das Handwerk biete eine Fülle von tollen Berufen – dafür gelte es zu werben. Denn es bringe nichts, „irgendwann nur noch Akademiker zu haben, die dann endlos auf die Handwerker warten“.

Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel,­ sieht die Meister nun „in der Elite der Handwerks-Familie“ angekommen – sie seien somit „der stabilste Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft. Sie haben alles richtig gemacht“, sagte Gringel – und forderte, ab kommendem Jahr eine Prämie für Meister auszuloben.

von Andreas Schmidt

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