Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
„Jubel mit angezogener Handbremse“

Mindestlohn „Jubel mit angezogener Handbremse“

Seit Anfang des Jahres gilt der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde – theoretisch für jeden, doch es gibt Ausnahmen. Der DGB will daher weiter informieren – mit einer Hotline und einem Aktionstag.

Voriger Artikel
Berufe aus erster Hand erleben
Nächster Artikel
Kunden-Idee führt zu mehr Mobilität

Im Landkreis profitieren laut DGB-Angaben rund 3 700 Vollzeitbeschäftigte von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Am Montag will die Gewerkschaft bei einem Aktionstag weiter aufklären.

Quelle: Waltraud Grubitzsch

Marburg. „Wir sind ganz froh, dass jetzt nach einem mehr als zehn Jahre währenden Kampf mit dem Mindestlohn ein Schritt in die richtige Richtung gegangen wurde“, sagt Pit Metz, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Marburg-Biedenkopf. Gemeinsam mit Gewerkschaftssekretär Dr. Ulf Immelt stellte er vor, wie der DGB als Dachverband der Gewerkschaften zukünftig in Sachen Mindestlohn aktiv bleibt.

„8,50 Euro sind zwar prinzipiell weit unterhalb dessen, was der DGB für einen Existenz sichernden Stundenlohn hält – aber es ist zumindest ein Anfang gemacht“, so Metz. Die Gewerkschaften seien schon ein Stück weit zufrieden, „es ist aber ein Jubel mit angezogener Handbremse“, so Metz.

Laut Berechnungen des DGB müssten zurzeit im Landkreis etwa 3700 Vollzeitbeschäftigte mit weniger als 8,50 Euro Stundenlohn auskommen. Das heißt: 6,9 Prozent der rund 55 000 Vollzeitbeschäftigten profitieren von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns.

Immelt warnt vor weiterer „Lohndrückerei“

Der DGB geht davon aus, dass bei den Teilzeitbeschäftigten und insbesondere bei den Minijobs der Anteil derjenigen, die vom Mindestlohn profitieren werden, noch deutlich höher liege. Landesweit würden demnach etwa zwei Drittel der Minijobber vom Mindestlohn profitieren. Pit Metz stellt klar: „Wenn alle gleich verdienen, dann kann es auch keine Lohndrückerei mehr geben. Und dass wir viele Formen der Lohndrückerei im Land haben, zeigt sich bei Leiharbeit und Überstunden ebenso, wie bei Werkverträgen“.

Dr. Ulf Immelt befürchtet indes, dass „versucht wird, so weit wie es geht, den Mindestlohn zu umgehen – etwa dadurch, dass zum Beispiel Beschäftigte gar nicht darüber informiert sind, dass es das Gesetz gibt oder dass sie nicht wissen, ob es auch für sie gilt“.

So würden beispielsweise Rentner in der Geschäftsstelle anrufen und nachfragen, ob auch für sie der Mindestlohn gelte. „Natürlich gilt der auch für sie“, verdeutlicht Immelt. Auch bei kleinen Betrieben sei die Verunsicherung mitunter recht groß – Arbeitgeber würden mitunter bewusst mit der Angst der Beschäftigten vor der Arbeitslosigkeit spielen. „Die Frage ist immer, ob die Arbeitnehmer mutig genug sind, ihr Recht einzufordern“, sagt Immelt. Und fügt hinzu: „Eins ist klar: Ein Gesetz ist immer nur so gut, wie seine Einhaltung kontrolliert wird.“

Und die Einhaltung sehen die Gewerkschafter durchaus als Problem. Denn für die Kontrolle ist der Zoll zuständig. „Derzeit fehlen bundesweit schon alleine 500 Mitarbeiter“, sagt Pit Metz. Zwar sollten laut Mindestlohngesetz 1600 neue Kräfte eingestellt werden. „Aber die müssen auch erst ausgebildet werden, das dauert seine Zeit“, verdeutlicht Immelt.

Hotline soll rund um den Mindestlohn informieren

Auch zahlreiche Ausnahmen gibt es noch, sodass die Verunsicherung einzelner Arbeitnehmer groß ist, ob sie überhaupt den Mindestlohn erhalten. „Es gibt sogar Rechtsanwaltbüros der Arbeitgeberseite, die darüber informieren, wie man Schlupflöcher des Mindestlohns ausnutzen kann“, ärgert sich Metz.

Daher will der DGB weiterhin umfassend rund um den Mindestlohn informieren. Dazu wurde ebenfalls eine Hotline eingerichtet: Unter 0391 / 4 08 80 03 kann man sich wochentags von 7 bis 20 Uhr informieren oder über den Arbeitgeber beschweren, falls dieser nicht zahlt – und zwar auch anonym und in mehreren Sprachen.

Darüber hinaus informiert der DGB am Montag in einer bundesweiten Aktion an Bahnhöfen rund um das Thema – auch in Marburg: Gewerkschafter werden an die Reisenden neben Brillenputztüchern „für den Durchblick beim Mindestlohn“ auch eine kleine Broschüre verteilen, in der die wichtigsten Fakten des neuen Gesetzes zusammengefasst sind. Auch werden darin die Ausnahmen erklärt. Und auf der Internet-Plattform www.mindestlohn.de gibt es weitere Informationen.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr