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„Jedes Stück zeigt seine Geschichte“

„Upcycling“ „Jedes Stück zeigt seine Geschichte“

Zu gut für die Tonne: Beim „Upcycling“ verwenden kreative Köpfe alte Wertstoffe und schaffen daraus Neues – etwa 
Möbel, Kleidung oder 
Gebrauchsgegenstände.

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Christian Ortmann mit einer Tischplatte, die aus alten Fachwerkbalken entstanden ist.

Quelle: Andreas Schmidt

Burgholz. Wenn aus Bauschutt ein Regal wird oder aus Sperrholz der große Esstisch der Familie, nennt sich das Upcycling. Vor allem Möbeldesigner bedienen sich bei Abfallprodukten, Produktionsresten oder gar Sperrmüll und machen aus dem vermeintlichen Ballast der Industrie etwas Hochwertiges.

Einen ähnlichen Weg gehen auch Christian und Erika Ortmann: In Anzefahr hat das junge Ehepaar die „Upcycling Manufaktur Blockmann“ gegründet. Dort entstehen beispielsweise aus alten Fachwerkbalken „Tische mit Charakter und einer Geschichte“, sagt Christian Ortmann. Denn das ist ihm und seiner Frau wichtig: „Die Historie der Ursprungsmaterialien soll immer sichtbar bleiben“, sagt der 33-Jährige.

Zum Thema „Upcycling“ kam das Ehepaar eher durch Zufall. „Wir wollten unsere Wohnung renovieren – also haben wir alte Möbel genommen und die aufgearbeitet“, erzählt Erika Ortmann. Da ihr Mann unter anderem mehrere Jahre lang in einer Schreinerei gearbeitet hatte, entstanden so die ersten Stücke – und die Idee, aus hochwertigen, alten Materialien Möbel-Unikate herzustellen.

„Wir haben hier unseren Traum gefunden“

Außerdem fertigt die „Upcycling Manufaktur“ beispielsweise auch Spiegel, Bilderrahmen oder handgeschriebene Schilder, mit denen altem Holz neues Leben eingehaucht wird. „Der Charme eines von Hand beschrifteten Schildes ist etwas ganz anderes als der eines bedruckten“, sagt Erika Ortmann. Damit habe man schon mehrere Hochzeiten ausgestattet, was auch Reportagen in Hochzeitsmagazinen nach sich zog – „das hat zu unserer Bekanntheit beigetragen“, sagt die 27-Jährige.

Ihre „künstlerische Heimat“ haben die beiden in einer ehemaligen Schreinerei in Burgholz gefunden. Der Besitzer war verstorben, fünf Jahre lang war das Gebäude verwaist. „Es war für uns ein absoluter Glücksgriff“, sagt Erika Ortmann. Und ihr Mann fügt hinzu: „Wir haben hier unseren Traum gefunden. Denn in dem Chaos, was in den alten Räumen steckte, haben wir unsere Vision gesehen – und die können wir nun leben“, sagt Christian Ortmann.

Der Traum des Ehepaars bestehe darin, „nachhaltige Möbel und Wohnaccessoires zu bauen – aus alten Materialien, die einen gewissen Charakter besitzen. Und dabei steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund“, so Christian Ortmann.

An Ideen mangelt es nicht: Aus einer alten Innentür und 200 Jahre alten Fachwerkbalken ist beispielsweise ein Schreibtisch entstanden. „Man kann wunderschöne Möbel herstellen – das muss keine ökologische Katastrophe sein“, sagt Christian Ortmann. „Denn wir sind ja leider zu einer Wegwerfgesellschaft mutiert“, fügt er hinzu. Daher steht bei „Blockmann“ die Ökologie im Vordergrund: Natürliche Rohstoffe, ökologische Farben – „das ist uns sehr wichtig“.

Verbraucher bevorzugen individuelle Produkte

Seit März vergangenen Jahres entstehen die Stücke in Burgholz, „und mittlerweile läuft das Geschäft dank des Internets sehr gut“, so Ortmann. „Hauptsächlich arbeiten wir derzeit noch nach Kundenauftrag. Aber nach und nach wollen wir weitere Stücke entwickeln und in unserem Online-Shop anbieten.“ Das Geschäft läuft so gut, dass mittlerweile auch zwei Brüder von Erika Ortmann in der Manufaktur mitarbeiten.

Über allem schwebt neben der Nachhaltigkeit auch der Begriff „Individualität“. „Wir lassen uns von alten Objekten inspirieren und kreieren daraus neue Produkte – das ist ein sehr schöner und freier Prozess“, sagt Ortmann. „Immer mehr Menschen wollen etwas Einzigartiges. Davon profitieren wir natürlich“, sagt er. Unterstrichen wird dieser Anspruch dadurch, dass die Entstehung der Möbelstücke beispielsweise in einem Blog dokumentiert werden. „Die Kunden können also an der Entstehung ihres Möbels teilhaben.“

Diese Individualität ist jedoch nicht billig. „Die Preise richten sich zum einen nach dem verwendeten Material und zum anderen nach dem Aufwand. Denn wir reden hier nicht von Massenfertigung“, gibt Christian Ortmann zu bedenken. So kann ein handgefertigter Tisch schon einmal 1500 Euro kosten, „es gibt aber auch günstigere Stücke. Denn nachhaltig muss nicht automatisch teuer bedeuten“.

von Andreas Schmidt

 
Upcycling

Was früher als Abfall in die Tonne flog, bekommt heute oft ein zweites Leben als Mode-Accessoire oder Einrichtungsstück. Beim „Upcycling“ wird vermeintlich Nutzloses in Neues umgewandelt. Taschen aus Feuerwehrschläuchen, Schmuck aus Kronkorken oder Lampenschirme aus Plastiktüten liegen voll im Trend.

Eine Lösung für das Müllproblem ist diese Art der Verwertung nach Ansicht von Experten aber nicht. Im Verhältnis zum Abfallaufkommen werde nur ein sehr kleiner Teil zu Kunst- oder Modedesignobjekten verarbeitet und dann verkauft, sagt Peter Eckart, Professor für Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach. 2012 produzierten die Deutschen laut Statistischem Bundesamt rund 381 Millionen Tonnen Abfall. Davon recycelt wurden 265 Millionen Tonnen – rund 70 Prozent.(dpa)

 
Erika Ortmann gestaltet eines ihrer handgemalten Schilder. Foto: Andreas Schmidt
 
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