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„Jeans haben den gesamten Markt verändert“

Ehemaliger Chef-Einkäufer Marburger Modehäuser „Jeans haben den gesamten Markt verändert“

Jahrzehntelang bestimmte Gerhard Petri als 
Einkäufer verschiedener Modehäuser in Marburg, was die Kundschaft trägt. Jetzt bereitet er sich auf den Ruhestand vor.

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Für den Boxer-Rüden „Salo“ wird Gerhard Petri bald viel Zeit 
haben – wenn er in den Ruhestand geht.

Quelle: privat

Buchenau. Es sind die späten 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Während man an der Schule den Jungen einen Beruf wie Werkzeugmacher nahelegt, hat Gerhard Petri andere Pläne. Und außergewöhnliche für einen Jungen im Hinterland noch dazu: „Es war schon als 15-Jähriger mein größter Wunsch, in der Modebranche zu arbeiten“, sagt er.

Vonseiten des Arbeitsamts habe man ihm damals abgeraten. „Es hieß, Einzelhandelskaufmann wäre doch nichts für einen Jungen, da müsste man auch lange arbeiten“, sagt Petri rückblickend. „Aber ich habe mich durchgesetzt und Gott sei Dank meinen Traumberuf lernen können.“

Seine Eltern ließen Petri freie Hand. Also bewirbt er sich beim Modehaus Kamm in Biedenkopf als Einzelhandelskaufmann. Er wird genommen, beginnt am 
1. August 1969 seine Ausbildung in der Herren-Oberbekleidung.
Dass der Berufswunsch für Jungen ungewöhnlich ist, davon zeugt auch seine Berufsschulklasse: „Wir waren damals 26 Mädchen und nur 4 Jungs.“ Drei Jahre später ist er fertig, arbeitet bis 1974 als Verkäufer in der Abteilung und wechselt danach ins Marburger Kaufhaus Horten.

Chef-Einkäufer in den größten Modehäusern

„Dort war ich zunächst als Erstverkäufer tätig, dann wurde ich Substitut und später Abteilungsleiter-Anwärter in der Herrenabteilung“, erzählt der gebürtige Buchenauer. Bis Ende Januar 1978 blieb Petri in Marburg. „Dann kam der Rückruf des Modehauses Kamm – ich wurde als Abteilungsleiter und Einkäufer für die Damen-Oberbekleidung eingestellt“, erinnert er sich.

Fortan bestimmt Petri, was die Frauen tragen – zunächst in Biedenkopf, später wieder in Marburg. Denn 1984 wechselt Gerhard Petri als Abteilungsleiter ins „Ahrens Modehaus“. Das wird 1985 zu „Modissa“ umgebaut, „das gesamte Haus wurde entkernt, bekam einen Glas-Aufzug und wurde am 1. September neu eröffnet – eine spannende Zeit“, erinnert sich der „Modemacher“.

1990 erfolgt Petris nächster Karriereschritt: Er erhält die Prokura bei Modissa, bleibt dem Haus weitere neun Jahre treu. Dann wechselt er erneut: Als Einkaufsleiter zu Begro. „Es gab immer mal Angebote“, sagt der Buchenauer, „die Familie Krug kannte mich, wir sind ja alle Hinterländer.“

Gerhard Petri reizt die neue berufliche Herausforderung. Er nimmt die neue Stelle an. Man kann also sagen, dass Petri den Modestil des Landkreises maßgeblich geprägt hat, da er in den größten Modehäusern für den Einkauf zuständig war.

Messen von früher gibt es so nicht mehr

Doch wonach richtet sich der Einkauf? „Es ist immer schwieriger, für einen Standort Marburg mit dem großen Umland einzukaufen als für eine Großstadt“, sagt Petri. „Denn man muss ein viel größeres Publikum berücksichtigen.“ Daher habe er sich immer bemüht, alle Käuferschichten im Blick zu haben – „alt und jung, teuer und günstig. Und dabei habe ich mich immer bemüht, die Mittelpreislagen besonders zu berücksichtigen“, sagt der fast 62-Jährige.

Dabei habe sich die Art des Einkaufs in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verändert. „Früher bin ich zu den Modemessen und Kollektionspremieren in Düsseldorf oder zu Order- und Infomessen in München gefahren, die es heute so gar nicht mehr gibt“, sagt Petri. Die Kollektionen seien viel individueller ausgesucht worden.

Heute sei es sehr wichtig, den Markt genau zu beobachten, „denn es tauchen immer neue Lieferanten auf, die sehr erfolgreich sind. Da muss man das Ohr immer am Markt haben – dabei hilft auch, dass man innerhalb des Einkaufsverbands die Erfahrungen austauscht“.

Gerade mit den jungen Firmen, „die aus dem Nichts kommen und dann durch die Decke schießen“ sei es wichtig, ein gutes Gespür zu beweisen. „Denn wenn die Konkurrenz kommt und sie dir wegschnappt – das sieht nicht gut aus“, weiß Petri.

Der Siegeszug der Jeans hat ihn besonders beeindruckt

„Der größte Teil des Einkaufs wird heute über die ,Häuser der Mode‘ in Eschborn abgewickelt – dort haben alle wichtigen Lieferanten Showrooms und Handelsvertreter.“ Die relative Nähe zu Marburg sei dabei schon praktisch. „Heute gibt es zwölf Kollektionen pro Jahr – die Kunst ist, dabei den Überblick zu behalten und nicht in Ware zu ersticken“, sagt Gerhard Petri. Denn obwohl Mode ein sehr emotionales Geschäft sei: „Man kann nicht nur nach Emotion einkaufen – sondern auch nach Zahlen.“

Welcher Modetrend hat Petri in den vergangenen knapp 40 Jahren besonders begeistert? „Das war die wahnsinnige Entwicklung der Jeans, die habe ich ja hautnah miterlebt.“ Plötzlich seien die Jeans salonfähig geworden, „selbst ältere Menschen haben sie plötzlich gekauft – das hat den ganzen Markt verändert“. Ob neue Waschungen, Formen oder Stile, „Jeans setzen immer wieder Trends – genauso, wie Hosen allgemein, die die Röcke weitestgehend verdrängt haben“.

Trotz aller Veränderungen und Herausforderungen liebt Petri seinen Beruf noch immer – doch langsam bereitet er sich auf den Abschied vor. Denn Petri wird in Ruhestand gehen. Er weiß jetzt schon, dass er die Mode vermissen wird.

Aber es bleibt dann mehr Zeit für die Hobbys – etwa das Querflöte spielen im Oldie-Spielmannszug Buchenau. Außerdem hat Petri zwei Enkelkinder – und seit kurzem ist auch Boxer-Rüde „Salo“ in den Haushalt eingezogen. „Langweilig wird‘s also nicht“, ist sich Petri sicher.

von Andreas Schmidt

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