Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Japaner setzen auf Marburger Expertise

Inosoft AG Japaner setzen auf Marburger Expertise

Freitags gehen die Inosoft-Mitarbeiter auf die Spielwiese. Informatiker Steffen Loos macht sich derweil nach Japan auf. Das Unternehmen Inosoft setzt auf Kreativität – bei Personalförderung und Produktentwicklung.

Voriger Artikel
Fachangestellte erhalten Zeugnisse
Nächster Artikel
3U befindet sich im leichten Aufwind

Steffen Loos entwickelt Software für japanische Medizintechnik. Inzwischen ist der Mitarbeiter der Marburger Firma Inosoft Japan-Fan.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Steffen Loos trinkt grünen Instant-Tee. Giftgrün sieht das Kaltgetränk aus, das Pulver hat er sich aus Japan mitgebracht. Ansonsten unterscheidet sich sein Arbeitsplatz nicht von dem seiner Kollegen: Computer, Kabelsalat, elektronische Geräte dominieren das Großraumbüro der Software-Entwickler der Marburger Inosoft AG. Hier tüfteln Programmierer, Informatiker, aber auch Quereinsteiger aus anderen Branchen. Manchmal jahrelang – bis das Werk vollendet ist.

Inosoft leistet hauptsächlich Auftragsarbeit: Unternehmen aus dem In- und Ausland wünschen sich für ein von ihnen produziertes elektronisches Gerät eine Software, die die Marburger dann erfinden, entwickeln, herstellen, testen und betreuen.

Individuelle IT- und Software-Entwicklung

Die Liste der Entwicklungen ist lang: Apps sind im Kommen. Doch das ist ein schnelllebiges Geschäft, nicht jede App lässt sich gut verkaufen. „Wird eine App, die zunächst als Sensation gefeiert wird, auch in fünf Jahren noch aktuell sein?“, fragt Thomas Winzer, Vorstand der Inosoft AG.

Seit mehr als 23 Jahren am Markt konzentriert sich das Marburger Unternehmen mit 66 Mitarbeitern auf individuelle IT- und Software-Entwicklung. Steffen Loos (44) gehört zu den Mitarbeitern der ersten Stunde und kennt die beiden Gegensätze seines Berufs: Auf der einen Seite verändert sich die Technik rasend schnell, auf der anderen Seite braucht er einen langen Atem, viel Geduld, um etwas Neues zu entwickeln, das jahrelang auf dem Markt bleiben soll.

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Projekt nahm seinen Anfang in Japan. Die Firma Nihon Kohden, die Medizintechnik herstellt, suchte 2008 für ihre Geräte eine Software. Ein Programm, das die Körperfunktionen während einer Operation überwacht und misst. Fünf bis sechs Stunden täglich arbeitete Loos gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen an dem Auftrag. Sechs Jahre lang. „Eine Software ist nie fertig“, erklärt der Gruppenleiter des Marburger Unternehmens.

Software in medizinischen Geräten aus Japan

Man arbeite wie im freien Feld, ersetze die Wünsche des Kunden ständig neu. Messergebnisse werden immer wieder neu eingebaut. Letztendlich aber hat sich die japanische Firma für das Marburger Programm entschieden. Für den asiatischen Raum stellten die Japaner bisher eine eigene Software her, erklärt Loos. „Sie wollten aber eine schöne Software haben“, berichtet er nicht ohne Stolz.

Sprich: Seit 2015 vertreibe Inosoft über den Kunden Nihon Kohden nun auch Software in Asien, „polaris.one“ heißt die besagte Software, die die Messergebnisse der EEG-Geräte verarbeitet und die Ärzte bei der Auswertung unterstützt.

Ein Großauftrag für Inosoft und ein neuer Lebensabschnitt für Loos. Der Informatiker flog nicht nur nach Japan, um das Produkt vorzustellen und zu verkaufen. Er begeisterte sich zunehmend auch für das Land und seine Kultur.

„Silicon Valley ist nicht meins“

„Die Japaner sind extrem zuvorkommend, gastfreundlich“, sagt er. Nun hat er sich angeboten, das Projekt von dort aus zu betreuen. Er sei der erste Ausländer, der in der japanischen Firma als Gast mitarbeite. Ob er auch in den USA arbeiten möchte? „Silicon Valley ist nicht meins“, so der 44-Jährige, der in Neustadt lebt.

Die Globalisierung macht es möglich: Die in Marburg von Loos entwickelte Software wird in japanischen Medizintechnik-Geräten eingesetzt. Diese wiederum werden auf der ganzen Welt in Krankenhäusern verwendet. Auch am UKGM in Marburg, sagen Winzer und Loos. Das Klinikum in Marburg sowie der Betreiber, die Rhön-Klinikum AG, machen grundsätzlich keine Angaben über die Hersteller ihrer Geräte und bestätigen daher nicht, dass in ihren Geräten Marburger Software steckt.

„Wir messen den Erfolg unserer Arbeit an den Faktoren Auslastung und Qualität“, erklärt Thomas Winzer. „In den 90er Jahren waren wir vor allem im Infrastrukturumfeld tätig und betreuten zum Beispiel unternehmensweite Installationen von Windows-Betriebssystemen. Heute sind wir deutlich stärker als Beratungs- und Softwarehaus aufgestellt.“

Montags Homeoffice, freitags Spielwiese

Im Jahr 2015 hat das Unternehmen knapp 100 Projekte für seine Kunden durchgeführt, wofür rund 72.000 Stunden aufgewendet wurden. Dabei entstanden etwa 1,2 bis 1,4 Millionen Zeilen Quellcode. Für Aus- und Weiterbildung wurden rund 7500 Stunden investiert.

Inosoft gönnt den Mitarbeitern freitags Zeit für die Spielwiese: Die Kollegen können nachmittags zusammenkommen und neue Ideen vortragen oder losgelöst von aktuellen Aufträgen basteln, tüfteln oder Gedanken umsetzen. Dabei herausgekommen sei so manche App, erzählt Winzer. Montags haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Der regelmäßig Stau auf der Autobahn am Montagmorgen sei doch besser zu umgehen, wenn man zu Hause bleibe, so Winzer.

7000 Stunden Reisezeit haben seine Mitarbeiter in zweieinhalb Jahren verbucht – sie besuchen Kunden, Messen, Fachtagungen. „Warum sollte so viel Zeit auf der Autobahn verbracht werden?“, fragt Winzer.
Mitarbeitern, die von auswärts anreisen, ermöglicht der Vorstand von zu Hause aus zu arbeiten. Wer hochkreative und spezialisierte Fachkräfte anwerben möchte, müsse am Standort Marburg etwas bieten: Flexible Arbeitszeitmodelle, Sport im firmeneigenen Fitness-Raum, kreative Auszeiten: Für Winzer ist das das Erfolgsmodell.

Realisierung von Cloud-Projekten

Das Unternehmen und mit ihm die Mitarbeiter erleben schließlich einen steten Wandel. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren habe sich der Anteil der verwendeten Technologien und Werkzeuge verändert. „Während wir vor fünf Jahren fast ausschließlich mit Microsoft-Technologien unterwegs waren, hat sich das Bild heute deutlich verlagert. Das aktuelle Verhältnis liegt etwa bei 50 Prozent Microsoft, 30 Prozent Java und verwandten Bereichen und 20 Prozent Werkzeuge und Technologien für die App-Entwicklung.“

Auch Cloud-Projekte wurden realisiert. „Aber wir teilen definitiv nicht die Ansicht einiger großer Hersteller, die die Cloud als Allheilmittel sehen, um Komplexität oder Kosten zu reduzieren. Wir analysieren hier sehr genau die Ausgangssituation und empfehlen entsprechende Realisierungsszenarien nur dann, wenn sich konkrete Verbesserungspotenziale ergeben“, so Winzer.

Auf der Kundenliste der Inosoft stehen neben Nischenanbietern wie dem japanischen Medizingerätehersteller Nihon Kohden bekannte Namen wie Beiersdorf, Boehringer Ingelheim, die Deutsche Bank, Sanofi-Aventis oder CSL Behring.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr