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„Irgendwann hat Verstand Gier übertrumpft“

Aus dem Landgericht „Irgendwann hat Verstand Gier übertrumpft“

„Alles wirkte so seriös“ – dieser Satz fällt regelmäßig im Prozess gegen ein weiteres potenzielles Mitglied der bundesweit agierenden Betrügerbande, der auch ein geprellter Aktienkäufer aus Marburg auf den Leim ging.

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Mit satten Gewinnen an der Börse köderten die mutmaßlichen Aktienbetrüger ihre späteren Opfer – und versprachen Aktien zum Sensationspreis, die gar nicht existierten.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Verkaufsprofis am Telefon, seriöser Internetauftritt und nachprüfbare „Fakten“ – stets nach demselben System verlief die Kundenakquise der falschen Aktienhändler, wie mehrere beschämte Käufer frustriert vor Gericht berichten mussten.

Das ausgeklügelte Konzept bekam auch ein Aktienkäufer aus Marburg zu spüren. Er war einer der ersten Kunden im Tatzeitraum, der ab Mai 2014 verlockende Angebote eines Brokers erhielt. Der hilfreiche Mitarbeiter des Fake-Unternehmens „Russel und Partners“, angeblich eine amerikanische Vermögensberaterfirma, lockte mit lächerlich günstigen Wertpapieren einer amerikanischen Biotechfirma.

„Die Aktien kosteten etwa 46 Euro, der normale Kurs war 58 oder so – und die Aktie ist tatsächlich gestiegen“, erinnerte sich der Zeuge an das verlockende Angebot. Zudem gab es noch einen garantierten Abnehmer mit obendrauf, der die Wertpapiere später gewinnbringend zurückkaufen würde, so dachte der Kunde.

Marburger investierte 
und verlor 32.000 Euro

Er stieg ein, kaufte für insgesamt 32.000 Euro Aktien, die er nie erhielt. Glaubhaft erschienen ihm die zugesandten Unterlagen und der „überzeugende Internetauftritt“ der späteren „JCN“, angeblich der inländische Kooperationspartner der Firma. Diese wollte angeblich eine Zweigstelle gründen, so die ausgedachte Geschichte der Betrüger, und suchte dazu mit „besonderen Kontingenten“ nach Neukunden: „Alles schien nachvollziehbar und seriös“, berichtete ein weiterer Zeuge. Dieser entschied sich Anfang 2016 zum Kauf von falschen Adidas-Aktien von der neuen Fake-Firma „HFI“ – schließlich stand damals die Fußball-EM vor der Tür, die Aktien versprachen schnell zu steigen.

„Das Perfide war, dass immer neue Angebote kamen“, erinnerte sich der Kölner. Er kaufte immer mehr, insgesamt gut 1000 Aktien, um in dem exklusiven Kundenstamm verbleiben zu können, wie sein Broker versprach. „Ich hatte Vertrauen gefasst, es war auch emotional sehr geschickt eingefädelt“, erklärte der Zeuge seine Beweggründe.

Voll überzeugt und vertrauensselig investierte er immer weiter, auch einen Teil seiner Altersvorsorge, und verlor insgesamt knapp 160.000 Euro. Einer der höchsten Gewinne der Bande im Tatzeitraum, dabei längst nicht die einzigen Einnahmen in dem millionenschweren Betrugsskandal, der mehrere hundert Geschädigte betrifft.

Zeuge bekennt eigene Blauäugigkeit

„Es war eine große Dummheit“, fasste ein weiterer Käufer aus Frankfurt das Ganze zusammen. Er kaufte diverse Fake-Aktien von Gilette. Ein weiteres Angebot schlug er schließlich aus, „irgendwann hat Verstand die Gier übertrumpft“, berichtete er offen von seiner eigenen Blauäugigkeit. Anzeige habe er anfangs aus Scham nicht erstattet, „um mir die Peinlichkeit zu Hause zu ersparen“.

Kontakt hatten die Zeugen indes nur zu den ihnen zugeteilten Telefonverkäufern, die die Kunden betreuten. Den Beschuldigten, der laut Anklage die Fäden gezogen haben soll, kannten die Zeugen nicht. Mit den Unterlagen, die die Käufer dem Gericht vorlegten, hätte der Angeklagte indes nichts zu tun, „die Dokumente sind nicht bekannt“, teilte Verteidiger Jürgen Möthrath mit.

  • Der Prozess wird am 20. Juli fortgesetzt.

von Ina Tannert

Bericht zum vorangegangenen Verhandlungstag: hier.
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