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Integration endet nicht am Werkstor

Firma Wezag Integration endet nicht am Werkstor

Integration von Flüchtlingen gelingt am besten durch Arbeit – darin sind sich Experten einig. Wie dies praktisch gelingen kann, zeigt das Beispiel der Firma Wezag in Stadtallendorf.

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Mbaruk Mohamed Juma (vorne, von links) und Mamadou Sy absolvieren derzeit eine Einstiegsqualifizierung in der Werkzeugfabrik Wezag in Stadtallendorf. Über die gelungene Integration informierten die Beteiligten von der Geschäftsführung, der Arbeitsagentur, dem Kreisjobcenter und aus der Politik.

Quelle: Andreas Schmidt

Stadtallendorf. Der Tag von Mamadou Sy beginnt früh: Um 4 Uhr steht er auf, läuft dann von seiner Wohnung in Ginseldorf nach Bürgeln zum Bahnhof. Mit dem Zug fährt er nach Stadtallendorf, arbeitet dann im Rahmen einer von der Arbeitsagentur geförderten Einstiegsqualifizierung (EQ) bei dem Werkzeughersteller Wezag.

Und wenn seine Kollegen Feierabend machen, geht es für den Senegalesen weiter: Er fährt nach Hause, duscht schnell, isst eine Kleinigkeit – und besucht dann die Abendschule, um seinen Realschulabschluss zu machen. „Ich komme auf vier Stunden Schlaf in der Nacht“, sagt er, „aber das ist in Ordnung. Denn ich habe ein Ziel: Ich will eine Ausbildung machen und abschließen.“

Seit drei Jahren ist der 33-Jährige in Deutschland, war vorher in Belgien und Frankreich und wollte sich – wie einige seiner Freunde – eigentlich mit Fußballspielen seinen Lebensunterhalt verdienen. Doch sein Knie machte ihm Probleme. Und nun sieht er seine Zukunft in der Metallbranche – auch dank der Chance, die ihm die Wezag GmbH in Stadtallendorf bietet.

Geschäftsführer sieht soziale Herausforderung

So sieht es auch Mbaruk ­Mohamed Juma aus Somalia: In seinem Heimatland war der 36-Jährige Fischer. Doch nun will auch er einen Metallberuf erlernen.
Beide Afrikaner absolvieren seit Anfang September eine geförderte Einstiegsqualifizierung bei dem Stadtallendorfer Werkzeughersteller. Diese ist nach zwölf Monaten beendet – dann will das Unternehmen die Männer ausbilden.

Wezag-Geschäftsführer Thomas Glockseisen erläutert: „Mein Ziel ist es, fähige junge Mitarbeiter in das Unternehmen und auch in die Arbeitswelt zu integrieren.“ Dabei spiele natürlich auch der demografische Wandel eine Rolle. Aber mindestens genauso wichtig sei die soziale Herausforderung der Integration, der er sich mit dem Unternehmen stellen wolle. Und damit diese Integration gelinge, gehe er auch gerne unkonventionelle Wege.

„Als es hieß, dass es ein Problem sei, dass die neuen Mitarbeiter keinen Führerschein hätten, habe ich ihnen Fahrräder gekauft“, erzählt er. Zunächst hätten die beiden Flüchtlinge ein vierwöchiges Praktikum absolviert, „denn sie sollten sich ja auch erst einmal an uns gewöhnen – und ich wusste auch nicht, wie unsere Mitarbeiter reagieren“, sagt Glocks­eisen.

Mit dem Erfolg hätte er selbst nicht gerechnet: „Das hat sich als so klasse herausgestellt – die beiden wurden sofort willkommen geheißen. Da werden in den Pausen die Butterbrote oder das Mittagessen geteilt – und wenn man heute in die Halle kommt, dann sieht man ­lachende und freundliche ­Gesichter.“

Betriebsrat organisiert Unterlagen auf Französisch

Für den Geschäftsführer ist klar: „Wir finden kaum noch Facharbeiter. Daher möchte ich die beiden Männer auf jeden Fall durch die Ausbildung bringen, die ihren Fähigkeiten gerecht wird. Sie sollen Fachkräfte­ werden, und nicht billige ­Arbeitskräfte.“ Also räume man Hindernisse aus dem Weg – dafür würden alle an einem Strang ziehen.

So macht Juma etwa gerade seinen Führerschein. „Und unser Betriebsrat hat sich darum gekümmert, dass er Lernmaterialien auf Französisch bekommt“, erläutert Glockseisen. Beim Führen des Berichtshefts hätten die neuen Mitarbeiter­ noch Probleme, obwohl sie schon sehr gut Deutsch sprächen. „Also setzt sich unser Ausbildungsleiter eine Viertelstunde vor Schichtende mit ihnen hin und hilft ihnen.“ Glockseisen ist sich sicher: So klappt es bestens mit der Integration.

Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow ist klar: „In unserem Projekt Voice ist dies nur eines der zahlreichen Ergebnisse – aber mit Sicherheit eines der mutigsten.“ Durch die Zusammenarbeit von Kreisjobcenter und Arbeitsagentur über die Zuständigkeitsgrenzen hinweg sehe man hier, „dass wir nun die PS auf die Straße des ­Arbeitsmarkts bekommen“. ­Damit sich Flüchtlinge eine Perspektive aufbauen könnten, ­benötige man „Betriebe, die die darin liegenden Chancen erkennen und gleichzeitig ermutigend Hilfe anbieten – so kann es gelingen, dass diese Personen beruflich und privat in unserer Gesellschaft ankommen.“

Auch für Volker Breustedt, den Leiter der Marburger ­Arbeitsagentur, ist klar: „Wenn die Menschen zu uns kommen, müssen wir sehen, dass es mit der Sprache klappt. Und wenn man dann einen Betrieb wie Wezag findet, in dem die Beteiligten sagen, dass es ihnen egal ist, was noch für Hindernisse im Weg rumstehen – sie wollen die Leute ausbilden, dann kann die Integration gelingen.“

Er ist überzeugt, dass solche Initiativen „allen Beteiligten einen Nutzen bringen und den Geflüchteten vor allem eine persönliche Perspektive bietet. Von dem Engagement des Unternehmens könnten sich „andere eine Scheibe abschneiden“.

von Andreas Schmidt

 
 
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