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Insolvenz als Chance zur Sanierung

Leiterplatten-Hersteller Schoeller-Electronics Insolvenz als Chance zur Sanierung

Mit einem Schutzschirmverfahren will Schoeller-Electronics sich in Eigenverwaltung sanieren – das Unternehmen meldete am Mittwoch Insolvenz an.

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Der Leiterplatten-Hersteller Schoeller-Electronics hat den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt – und will sich in 
Eigenverwaltung sanieren.

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. Laut Geschäftsführer Michael Keuthen sei dieser Schritt ein zentraler Baustein zur Gesamtsanierung des Unternehmens.

„Es besteht neben den 2015 angestoßenen Maßnahmen in der Neuausrichtung und Internationalisierung des Vertriebs und dem Aufbau eines schlanken Produktionsmanagementsystems auch die dringende Notwendigkeit, die Finanzierungsseite des Unternehmens neu zu strukturieren und hierdurch Luft für zukunftsweisende Projekte und Investitionen zu schaffen“, erklärt Keuthen, der als Geschäftsführer seit März vergangenen Jahres für das Unternehmen verantwortlich ist.

„Ich bin hier nicht angetreten, um den Mangel zu verwalten“, sagt Keuthen. Vergangenen Mai habe man angefangen, den Vertrieb neu zu strukturieren und zu internationalisieren – unter anderem sei eine Repräsentanz in den USA aufgebaut worden. „Unsere Produkte sind international wettbewerbsfähig“, versichert der Geschäftsführer.

Keuthen: Investitionsstau nicht mehr tragbar

„Die Probleme waren selbst gemacht: Man hat im Vertrieb geschlafen und nichts in der Produktion gemacht“, erläutert er im Gespräch mit der OP. „Aber um zu wachsen, muss man auch investieren. Und das wurde in der Vergangenheit vernachlässigt“, so Keuthen.

Der Investitionsstau der vergangenen fünf Jahre betrage „mindestens zwei Millionen Euro – das ist in einer Branche, in der wir uns als Technologieführer für Hightech-Leiterplatten positioniert haben, nicht tragbar“, sagt Keuthen.

Die Vorzeichen seien also eigentlich gut – allerdings benötige man Zeit, „denn um ein neues Produkt mit den Kunden zu etablieren, benötigt man zwischen 12 und 18 Monaten“, rechnet der Geschäftsführer vor.

Da jedoch alles sehr knapp finanziert gewesen sei und man im letzten Quartal vergangenen Jahres einen Auftragsrückgang erlebt habe, sei das Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten. „Wir haben im Vorfeld noch versucht, mit Investoren eine außergerichtliche Einigung zu realisieren – aber auch die benötigt Zeit.“

Geschäftsführer spricht von „enormen Zugeständnissen“

Zukünftige Investoren sollen nach Keuthens Ansicht zudem „strategische Investoren sein – und nicht reine Finanz-Investoren“, sagt er. Die Nord-Holding, bisheriger Mitgesellschafter von Schoeller-Electronics, werde nicht mehr investieren.

Dass diese Holding, wie aus Gewerkschaftskreisen zu hören ist, jedes Jahr bis zu zehn Prozent aus Schoeller gezogen hätte, bezeichnete Keuthen als „völligen Schwachsinn, die verzichten seit Jahren auf Zinsen. Es gibt stille Beteiligungen und Darlehen von 10,8 Millionen Euro, die sie nun auf einen Euro abschreiben – und die Nord-Holding verzichtet auch auf Zinsforderungen von mehr als zwei Millionen Euro“, sagt Keuthen.

„Banken und Gesellschafter waren beide bereit, extreme Zugeständnisse zu machen. Aber es ist im Vorfeld dieser notwendigen Insolvenz nicht zu einer gelungenen Finanzierung gekommen“, betont der Geschäftsführer. Man wolle auf jeden Fall weitermachen. Ob im Zuge der Sanierung Entlassungen bevorstünden, könne Keuthen jetzt noch nicht sagen, „aber ich kann es nicht ausschließen“.

Um die Insolvenz abzuwenden, hatte das Unternehmen bereits im Februar Kurzarbeit für die 250 Mitarbeiter angemeldet, „die ist aber jetzt wieder zu Ende“, so Keuthen, denn für die kommenden drei Monate sind die Löhne und Gehälter durch die Bundesagentur für Arbeit abgesichert.

Auch habe man im Vorfeld versucht, von den Mitarbeitern weitere Zugeständnisse zu bekommen – konkret sei es darum gegangen, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld in Höhe von zusammen 1100 Euro sowie auf eine zukünftige Tariferhöhung zu verzichten. „Dies war aber mit den Gewerkschaften nicht zu machen.“

„Belegschaft verzichtet bereits seit Jahren“

Das bestätigt Ferdinand Hareter von der IG Metall Mittelhessen. „Im Dezember wollte die Geschäftsführung erreichen, dass wir den Verzichts-Tarifvertrag, den es schon seit 2008 im Unternehmen gibt, noch einmal weiter absenken. Aber die Mitglieder haben abgestimmt und sich dagegen ausgesprochen“, sagt er. „Der jahrelange Verzicht hat die Arbeitsplätze nicht sicherer gemacht – und schon gar nicht die Firma nach vorne gebracht“, so Hareter.

Der Betriebsrat sitze mit im Gläubigerausschuss, die Gewerkschaft begleite den Insolvenzprozess. „Das Unternehmen ist jahrelang ausgesaugt worden – jetzt muss es wieder auf gerade Füße gestellt werden. An den Mitarbeitern hat es aber nicht gelegen, die verzichten schon lange“, so Hareter. Zu weiteren Zugeständnissen sei die Belegschaft nicht bereit gewesen.

Zu einem weiteren Geschäftsführungsmitglied der Schoeller-Electronics GmbH wird der Insolvenzexperte Alexander Reus von der auf Sanierungen spezialisierten Kanzlei Anchor Rechtsanwälte berufen: „Schoeller-Electronics produziert und liefert uneingeschränkt weiter. Die Kunden, Lieferanten und die maßgeblichen Gläubiger haben uns ihre volle Unterstützung zugesagt. Wir sind zuversichtlich, dass es gemeinsam mit der Belegschaft und mit dem eingesetzten Gläubigerausschuss gelingt, die Sanierung im Schutzschirmverfahren umzusetzen.“

Zum vorläufigen Sachwalter wurde Rechtsanwalt Dr. Jan Markus Plathner aus der Kanzlei Brinkmann & Partner aus Frankfurt bestellt.

von Andreas Schmidt

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