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Individuelles Coaching führt zum Erfolg

Chancen für ältere Arbeitslose Individuelles Coaching führt zum Erfolg

Bei den Unternehmen ­findet langsam ein Umdenken statt: Sie stellen verstärkt auch ältere ­Arbeitnehmer ein. Um die Chancen dieser Gruppe weiter zu steigern, setzt die Arbeitsagentur auf gezielte Qualifizierung.

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Sylvia Schleich (vorne, von links), Ralf Körner und Birgit Konstanty-Freidhof berichteten von ihren Erfahrungen. Sven Jerchow (hinten, von links), Petra Platt, Agenturleiter Volker Breustedt und Jana Kohlmetz (Perspect) erläuterten die Besonderheiten bei der Vermittlung.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Die Ressentiments bei Unternehmern gegen Arbeitnehmer, die die 50 bereits überschritten haben, halten sich mitunter hartnäckig, weiß Arbeitsvermittlerin Petra Platt: „Ältere werden häufiger krank, sind unbeweglicher und nicht so flexibel, wenn es um neue Arbeitssituationen geht“, zählt sie einige der Vorurteile auf, mit denen sie während ihrer Vermittlungstätigkeit konfrontiert wird.

Platt gehört zu einem speziellen Team von fünf Vermittlern in der Marburger Agentur, die sich speziell darum bemühen, ältere Arbeitslose wieder in Arbeit zu bringen. Sie weiß, dass die Vorurteile häufig nicht stimmen. Vielmehr besäßen die Älteren einen großen Erfahrungsschatz, den sie gewinnbringend in Unternehmen einbringen könnten. Bei der Vermittlung benötige das Team mitunter einen langen Atem und setze auf gezielte Qualifizierung und Weiterbildung sowie auf Nachhaltigkeit. „Denn es nutzt nichts, wenn ich jemanden vermittle und er nach einem halben Jahr wieder vor mir sitzt – dann ist er nur älter geworden und hat dieselben Probleme“, weiß sie.

Bei den Arbeitgebern findet indes langsam ein Umdenken statt: Der Fachkräftemangel macht sich auch im Landkreis bemerkbar. Der Anteil älterer Beschäftigter nahm in den vergangenen Jahren stetig zu, zeigt ein Blick in die Statistik: Zählte vor fünf Jahren noch gut jeder fünfte Beschäftigte (rund 22 Prozent) zur Gruppe der 50- bis 60-Jährigen, waren es vergangenes Jahr bereits 28 Prozent – Tendenz weiter steigend.

Erlebtes im alten Job führt oft zur Neuorientierung

Agenturleiter Volker Breustedt weiß: „Die Belegschaft in Betrieben wird immer älter, und das ist im Hinblick auf die Rentendiskussion ja auch politisch gewollt.“ Dann könne es aber im Umkehrschluss nicht sein, „dass die Betriebe sagen, wir wollen den 20-Jährigen, der fünf Jahre Auslandserfahrung hat und dabei auch noch olympiareif ausgebildet ist“, sagt er. Mittlerweile würden sich die Unternehmer aber auch Menschen mit Qualifikationen anschauen, „die diese in einem längeren Berufsleben erworben haben“. So sei die Arbeitslosigkeit in den vergangen zwei Jahren um 1,5 Prozent gestiegen – „aber die von über 50-Jährigen ist um zehn Prozent gesunken“, sagt er.

Der hohe Betreuungsschlüssel der Agentur für diese Gruppe zeige also Wirkung. Bei der Qualifizierung setze die Agentur aber auch auf externe Träger – etwa auf die „Perspect“ GmbH. In enger Kooperation der Arbeitsagentur wurden mittlerweile 91 Teilnehmer dabei unterstützt, sich gemäß der eigenen Vorstellungen „fit“ für den Arbeitsmarkt zu machen. Die Nähe der dortigen Job-Coaches zu den Entwicklungen am Arbeitsmarkt komme den Teilnehmern zugute. Denn nicht selten hätten die Erlebnisse im alten Job dazu geführt, dass ein völliger Bruch und eine komplette Neuorientierung stattfänden.

Jana Kohlmetz von „Perspect“ verdeutlicht: „Noch zu oft ist die Gruppe ab 50+ personalpolitisch ,zu uninteressant‘, sie werden am wenigsten im Vergleich zu anderen Beschäftigten fortgebildet.“ Dabei zeigten ihre Erfahrungen, dass die älteren Bewerber sogar Vorbilder auf Augenhöhe für die Kollegen im Unternehmen sein könnten.

Kohlmetz setzt mit ihrem Team auf gezielte Qualifizierung, entwickelt mit den Teilnehmern in Einzel-Coachings Perspektiven und arbeitet daran, dass die formulierten Ziele umgesetzt werden könnten. Und das mit Erfolg, wie ehemalige Teilnehmer berichten.

„Hier bekam ich den Schubs
 in die richtige Richtung“

So zum Beispiel Birgit Konstanty-Freidhof: Die 57-Jährige wurde nach fast 40 Arbeitsjahren in der Floristik arbeitslos. „Mir wurden alle möglichen Sachen angeboten, auch der Kurs bei ,Perspect‘. Ich war völlig dagegen – so was noch in meinem Alter“, sagt sie. Widerwillig sei sie doch zum Kurs gegangen – und schon nach einem Tag habe sich ihre Einstellung komplett gewandelt.

„Ich hatte noch nie einen Computer und bis dahin meine Bewerbungen so geschrieben, wie ich als ,bunter Vogel‘ dachte, dass es richtig ist. Hier wurde mir gezeigt, wie es besser geht – und nun habe ich meinen Traumberuf gefunden, arbeite mit behinderten Menschen im neuen Tegut auf dem Tannenberg“, berichtet sie. „In dem Kurs wurden meine persönlichen Stärken entdeckt und entwickelt – die Lösung lag eigentlich so nah, weil ich eine behinderte Tochter habe“, sagt sie.

Sylvia Schleich ist gelernte Friseurin. Die 54-Jährige stand 38 Jahre lang im Berufsleben, war 16 Jahre lang selbstständig und zum Schluss angestellt. „Dann kam völlig überraschend die Kündigung – ich stand vor einem Scherbenhaufen“, erzählt sie. Nach intensiver Beratung mit der Arbeitsagentur besuchte auch sie den Kurs bei „Perspect“, „hier bekam ich den Schubs in die richtige Richtung“, sagt sie – nun absolviere sie eine Umschulung zur staatlich anerkannten Erzieherin bei „Arbeit und Bildung“.

Ralf Körner hat 16 Jahre lang in einer Autoverwertung im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet – „am Anfang habe ich die Internet-Seite inklusive Shop aufgebaut, dann immer intensiver in der Firma gearbeitet und sie in den vergangenen fünf Jahren mit Prokura geleitet“, sagt er – das Problem des 54-Jährigen ist jedoch: Er hat keine Ausbildung in dieser Richtung, stand also „mit jeder Menge Erfahrung, aber ohne Schein“ da, als er arbeitslos wurde.

Also besuchte er den Kurs, „das war genau richtig, denn ich mache gerne neue Sachen. Außerdem habe ich mich noch nie wirklich beworben, ich habe also hier meine Basics bekommen“. Mit Erfolg: Nun arbeitet er als Busfahrer bei der Marburger Verkehrsgesellschaft, „ich will mich aber zum Verkehrsmeister weiterbilden“.

von Andreas Schmidt

 
 
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